Kriminalität

Berliner Sex-Täter geständig - Polizei prüft weitere Fälle

Neuer Verdachtsfall an einer Berliner Kita. Polizei verstärkt ihre Streifen. Behörden registrieren 2011 mehr als 700 Fälle von Missbrauch an Kindern

Einen Tag nach seiner Festnahme ist der mutmaßliche Berliner Sex-Täter David L. einem Ermittlungsrichter vorgeführt worden, der ihm am Freitagnachmittag den Haftbefehl verkündete. Der 34-Jährige wird verdächtigt, über Jahre hinweg den zur Tatzeit minderjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell missbraucht zu haben. Nach Informationen dieser Zeitung hat L. inzwischen ein Geständnis abgelegt. Alexander Badle, Sprecher der in dem Fall federführenden Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt (Main) sagte dazu lediglich, der Beschuldigte habe sich umfassend geäußert, seine Angaben würden jetzt überprüft.

Der 34-Jährige, der vor seiner Festnahme an der Kiefholzstraße in Treptow wohnte, soll die Missbrauchstaten zusätzlich gefilmt und die Filme ins Internet gestellt haben. Das brachte die Behörden auf seine Spur. Nach der Ausstrahlung der Filme in der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" meldeten sich mehrere Zuschauer, die den Verdächtigen erkannt hatten, unter anderem auch der Bruder von L. Der mutmaßliche Kinderschänder meldete sich am Donnerstag selbst bei der Polizei und ließ sich widerstandslos festnehmen.

Im Zuge der weiteren Ermittlungen wird jetzt überprüft, ob der 34-Jährige noch weitere Sexualdelikte an Kindern begangen hat, möglicherweise nicht nur in Berlin, sondern auch im Umland. Weitere Angaben dazu machten Polizei und Justiz dazu zunächst nicht. Diese Prüfung ist ab sofort Sache der Berliner Behörden. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt (Main) teilte am Freitag mit, sie werde den Fall nach dem Tatortprinzip an die Berliner Staatsanwaltschaft übergeben. Die weiteren Ermittlungen liegen dann beim hiesigen Landeskriminalamt (LKA). Die Frankfurter Justiz war bislang zuständig, weil dort die übergeordnete "Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität" angesiedelt ist.

Oft kennen sich Täter und Opfer

So spektakulär jeder einzelne bekannt gewordene Fall dieser Art auch ist, von Einzelfällen kann schon lange nicht mehr gesprochen werden. An den Strafgerichten in Moabit sind Verhandlungen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern oder Schutzbefohlenen längst trauriger Alltag. In manchen Wochen werden am Land- oder Amtsgericht mitunter bis zu einem Dutzend solcher Fälle verhandelt. Die Bandbreite der Vorwürfe gegen die Angeklagten reicht dabei vom heimlichen Beobachten, Fotografieren oder Filmen der minderjährigen Opfer, über Berührungen und sexuelle Manipulationen an den Kindern bis zum vollendeten, zum Teil brutalen Vollzug des Geschlechtsverkehrs.

Allein im Jahr 2011 registrierte die Berliner Polizei 732 Missbrauchsfälle an Kindern, gegenüber dem Vorjahr war das ein leichter Anstieg um knapp 30 Fälle. In 524 Fällen wurde Anklage erhoben. Von den 426 ermittelten Tatverdächtigen waren 103 unter 21 Jahre alt. Da viele Sexualdelikte an Kindern, so genannte Beziehungstaten sind, in denen Täter und Opfer sich kannten oder gar aus derselben Familie stammten, gehen Fachleute von einer hohen Dunkelziffer aus. "Häufig werden solche Delikte von den Eltern der Opfer aus Scham verschwiegen, um nicht die ganze Familie in Misskredit zu bringen", erklärte eine Ermittlerin am Freitag.

Angesichts der hohen Zahl von Sexualdelikten an Kindern setzen die Berliner Polizei und andere Behörden vor allem auf Prävention und Aufklärung, um es gar nicht erst bis zur Begehung solcher Taten kommen zu lassen und im Vorfeld mögliche Gefahrensituationen zu erkennen. Wie das im Einzelfall funktionieren kann, zeigt der am gestrigen Freitag bekannt gewordene Fall einer Kindertagesstätte an der Allee der Kosmonauten in Lichtenberg. Offenbar treibt sich dort bereits seit längerem ein verdächtiger Mann herum, der stundenlang damit beschäftigt ist, die Einrichtung und die Kinder zu beobachten. Nachdem dies sowohl Betreuerinnen wie auch Eltern wiederholt aufgefallen war, informierte die Leiterin der Kita die Polizei, die die Umgebung der Einrichtung jetzt durch Einsatz von Zivilkräften und der Verstärkung der Streifenfahrten genauer im Auge zu behalten.

Erzieher und Eltern verunsichert

"Trotzdem sind wir als Personal und auch die Eltern der Kinder natürlich beunruhigt", sagte die Kita-Leiterin am Freitag. Ihren Namen und den Namen der Einrichtung möchte sie nur veröffentlichen, um weitere Unruhe zu vermeiden. Die Polizei jedenfalls nimmt auch diesen Fall sehr ernst, wie ein Sprecher der Behörde am Freitag betonte.