Notunterkunft für Frauen

Manche kommen immer wieder

Berliner helfen e. V. unterstützt Berlins einzige Notunterkunft nur für Frauen

Die Frau, die am späten Nachmittag an der Tür klingelt, will ihren Namen nicht nennen. Auch sonst sagt sie nicht viel über sich, nur, dass sie nicht weiß, wo sie nachts schlafen soll. Eva-Maria Heise, Sozialarbeiterin bei der "Notübernachtung für Frauen" in Mitte, sichert ihr ein Bett für die Nacht zu. Ab 19 Uhr soll sie wiederkommen, man wird ihr ein zusätzliches Klappbett in eins der Zwei-Bett-Zimmer stellen. Eine Notunterkunft muss für Notfälle gewappnet sein.

Es klingelt mehrmals an diesem Nachmittag - am Telefon und an der Tür. Zwei junge Frauen rufen an und berichten, dass ihre "Chefin" sie entlassen und vor die Tür gesetzt habe. Es bleibt unklar, welche Art von Arbeitsverhältnis bestanden hat. Aber das ist auch egal, die Frauen finden bei der Notübernachtungsstelle einen geschützten Rahmen für die nächsten Tage. Vor der Tür steht auch eine schwangere Frau. Sie berichtet, dass sie in einem Obdachlosen-Wohnheim in Schöneberg lebt und von einer älteren Mitbewohnerin "gemobbt" wird. Die Schwangere wird nicht aufgenommen. "Ich kenne die Leiterin des Heimes und habe ihr geraten, zunächst mit ihr über dieses Problem zu sprechen", sagt Eva-Maria Heise. "Wir sind hier eine Notunterkunft und nehmen deshalb nur Frauen auf, die keine andere Übernachtungsmöglichkeit haben."

Die Einrichtung in der Tieckstraße ist die einzige ihrer Art in Berlin. In Brandenburg und Sachsen gibt es keinerlei Anlaufstellen, die nur für obdachlose Frauen reserviert sind. Acht Frauen können regulär in der Erdgeschosswohnung übernachten, dazu gibt es noch vier Gästebetten, die bei Bedarf aufgeklappt werden. "Auch diese Betten sind fast immer belegt. Wir müssen mehr Frauen abweisen, als wir aufnehmen können", sagt Eva-Maria Heise, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Martina Krägeloh die Notunterkunft leitet. "Die meisten Leute denken, dass wir vor allem im Winter überrannt werden. Aber das ist nicht der Fall: Im Sommer ist die Nachfrage noch größer." Warum das so ist, darüber kann sie nur spekulieren. "Vielleicht liegt es daran, dass sich Frauen aus Angst vor der Kälte in Wintermonaten nicht wagen, sich aus einem schwierigen Umfeld zu lösen."

Glaubt man offiziellen Statistiken, dann sind 80 Prozent der Obdachlosen in Industrienationen männlich. Experten aber widersprechen diesen Zahlen, der Anteil der Frauen sei höher. Wohnungslosigkeit hat bei ihnen nur ein anderes Gesicht. Für sie ist der Gedanke, nachts im Freien zu übernachten, noch bedrohlicher als für Männer. Bei Frauen schwingt oft ein Gefühl der körperlichen Unterlegenheit und die Angst vor Übergriffen mit. "Bevor Frauen sich entschließen, auf der Straße zu leben, kommen sie oft monate- oder sogar jahrelang bei irgendeinem Arschloch unter. Schreiben Sie das bitte genau so", sagt Martina Krägeloh. Fast alle der Frauen, die in der Tieckstraße Unterschlupf finden, hätten Gewalttätigkeiten erlebt: "Die Obdachlosigkeit ist nur eins von vielen Problemen. Das ist wie die Spitze des Eisberges, die alleine sichtbar ist, während sich unter der Oberfläche jede Menge weiterer schwerwiegender Probleme befinden." Oft haben die Frauen mit Drogenproblemen, Schulden, psychischen Störungen oder laufenden Strafverfahren zu kämpfen.

Nicht länger als zwei Wochen

Die Notübernachtung bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Wäsche zu waschen und ihre Sachen da zu lassen. Zwei Studentinnen übernachten im Haus und sind Ansprechpartnerinnen. Es existieren feste Regeln: Mahlzeiten werden gemeinsam zubereitet, ab 22 Uhr herrscht Bettruhe, nach dem Frühstück müssen die Frauen das Haus verlassen. Alkohol und Drogen sind tabu. Männerbesuche verboten, Haustiere finden ebenfalls keinen Zutritt. "Selbst Frauen mit Kindern können wir nur in Ausnahmefällen aufnehmen. Die Notübernachtungen der Berliner Wohnungslosenhilfe sind dem Gesetz nach nur für alleinstehende Erwachsene vorgesehen", sagt Eva-Maria Heise.

Die Frauen dürfen zwei Wochen lang in der Notübernachtung bleiben. In dieser Zeit können sie verschiedene Beratungs- und Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Das Ziel ist es, für sie einen Platz in einem Obdachlosenwohnheim, einer therapeutischen Wohngemeinschaft oder beim betreuten Wohnen zu finden. Oft haben die Frauen keinerlei Papiere. Es ist ein langwieriger Prozess, für sie eine feste Bleibe zu finden und zu organisieren. Manche Frauen verschwinden nach Ablauf der zwei Wochen und kommen in regelmäßigen Abständen immer wieder. Nicht wenige der Frauen sind den Sozialarbeiterinnen seit Jahren bekannt. "Es kostet viel Kraft, obdachlos zu sein. Die Frauen, die zu uns kommen, haben enorme Energien aufgebracht, um zu überleben", sagt Martina Krägeloh. "Wir versuchen, diese Energien auf sie zurückzulenken."