Bildung

Wie aus einem Hasen eine Mumie wird

Grundschüler können in 95 Veranstaltungen der Kinderuni erste Forscher-Erfahrungen machen

Von Hase Schnuffel schaut nur noch ein Ohr heraus - aber selbst das wird gleich unter der Mullbinde verschwinden. Konzentriert ist die zehnjährige Julia bei der Arbeit - schließlich soll aus dem Kuscheltier eine Mumie werden.

Eigentlich hätten Julia und ihre Mitschüler von der 5a der Victor-Gollancz-Grundschule in Frohnau jetzt Deutsch- oder Matheunterricht. Aber an diesem Vormittag ist alles anders. Statt im Klassenraum zu sitzen, sind die Fünftklässler nach Dahlem an die Freie Universität (FU) gefahren und befassen sich dort mit dem Thema "Mumien" - einer Veranstaltung der Kinderuni. 95 Termine zu 20 verschiedenen Themen stehen in dieser Woche auf dem Programm. Dabei liegt der Fokus auf den Naturwissenschaften: Die meisten Angebote gibt es in den Fachrichtungen Archäologie, Biologie, Chemie, Mathematik und Physik. Erstmals sind Kinder auch in die Charité zu medizinischen Themen wie Wiederbelebung eingeladen. Die jeweils meist zweistündigen Termine richten sich an Grundschüler der zweiten bis sechsten Klassen. Anders als die "richtigen" Studenten können sie ganz ohne Hochschulabschluss und Numerus Clausus in die Uni kommen.

Zahlreiche Experimente

Die Kinderuni an der FU bietet Einblicke in die praktische Forschungsarbeit. Die Kinder sollen selbst experimentieren oder praktische Vorführungen erleben. Zum Beispiel analysieren sie das Leben in einem Wassertropfen, sie lernen Tierstimmen oder sie erfahren wie an diesem Montagmorgen etwas über Mumien.

Sechs Studenten der Ägyptologie kümmern sich um die Klasse 5a. Es gibt zunächst einen kleinen Vortrag über das Leben im alten Ägypten, über die Bestattungskultur und die Technik der Mumifizierung. Die Kinder hören aufmerksam zu und haben viele Fragen: "Warum wurde der Mumie die Arme zusammengebunden?" oder "Wo liegen die Könige jetzt?" Judith Angl, Studentin im dritten Semester, erklärt, dass fast alle Mumien heute im Ägyptischen Museum in Kairo liegen und wie eindrucksvoll dieses Museum sei. Auch das gehört dazu, erklärt Wieland Weiß, Koordinator der Kinderuni, "dass sich die Begeisterung der Studenten für ihr Fach auf die Kinder überträgt und ihnen vielleicht selbst einmal Lust auf ein Studium macht". Zugleich ist der Umgang mit den Kindern auch eine gute Übung für die Studenten. Eine Herausforderung nennt es Alexander Niermann. Er studiert im vierten Semester Ägyptologie: "Es ist schon kompliziert", sagt er, "man muss die Kinder optimal beschäftigen, darf sie zugleich aber nicht überfordern".

Dieser Balanceakt scheint an diesem Vormittag zu gelingen. Nach dem Vortrag, dem die jungen Zuhörer aufmerksam lauschen, teilen sich die Kinder in drei Gruppen: Die erste Gruppe entziffert Hieroglyphen. "Das ist wie Rätsellösen", sagt Annika begeistert. Die zweite mumifiziert die mitgebrachten Kuscheltiere, und am dritten Tisch können sich die Kinder ihren eigenen Skarabäus gestalten, einen Käferstein, den die Schüler dann als Glücksbringer mitnehmen können. Danach wechseln die Kinder den Platz, damit alle alles ausprobieren können.

Teilnahme ist kostenlos

Zum neunten Mal bietet die Freie Universität (FU) inzwischen die Kinderuni an. In dieser Woche werden insgesamt 2410 Schüler von 63 Schulen aus allen Bezirken Berlins erwartet. Die Teilnahme ist für die Schulen kostenlos. Die Idee zur Kinderuni ging in deutschsprachigen Raum von der Universität Innsbruck aus - und auch sie hatte mit Mumien zu tun. Anlässlich des zehnten Jubiläums der Auffindung der Gletschermumie Ötzi wurden nämlich dort die ersten Veranstaltungen für Kinder angeboten. Dem Beispiel folgte ein Jahr später die Universität Tübingen, als erste deutsche Hochschule. In Berlin hat zunächst 2003 die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Lichtenberg das Konzept aufgegriffen. Seit 2004 sind die Humboldt-Universität (HU) und die FU dabei. Auch die Technische Universität (TU) bietet entsprechende Veranstaltungen für Schüler an, allerdings nicht für einen bestimmten Zeitraum, sondern die Programme können nach Terminabsprache gebucht werden.

Inzwischen sind die Kinderuniversitäten fester Bestandteil der Berliner Uni-Landschaft. Sie sind zugleich auch eine Vorsorge für die Zukunft, denn die Hochschulen müssen sich den möglichen Studenten von morgen öffnen. "Wir wollen Schülern einen positiven Eindruck von Studium und Wissenschaft vermitteln", erklärt Wieland Weiß und ergänzt: "Hier geht es einmal nicht um Noten, sondern hier können die Kinder einfach mal Spaß am Forschen und Entdecken haben". Auch die Klassenlehrerin der 5a, Christine von Krüchten, sieht den Ausflug in die FU als Motivationsspritze für ihre Schüler: "Schließlich werden wir das Thema Ägypten noch in diesem Schuljahr behandeln", erklärt sie. Sie ist überzeugt, dass ihren Schülern diese praktische Einführung Lust macht, sich auch aus eigenem Antrieb stärker mit dem Thema zu befassen.

Die meisten Schüler der Klasse 5a sind an diesem Vormittag zum ersten Mal in einer Universität, so auch Annika und Julia. Ob sie später einmal studieren wollen, wissen die beiden Zehnjährigen noch nicht, als sie Hase und Hund am Schluss vorsichtig wieder aus der Mullbinde lösen. Aber dass sie im nächsten Jahr wieder dabei sein wollen - das ist für sie schon heute klar.