Nachbarschaftsstreit

"Fahren Sie los, da schießt einer!"

Nachbarschaftsstreit endet im Kugelhagel. Rentner muss sich vor Gericht verantworten

Es war eine Szene wie in einem Wildwestfilm: Am 27. März dieses Jahres rennt gegen 19.10 Uhr ein Mann schreiend aus einem Haus im Archibaldweg im Stadtteil Rummelsburg. Verfolgt von einem zweiten Mann, der eine Pistole in der Hand hat und mehrfach in Richtung des Flüchtenden schießt. Ein Hund - er gehört dem Flüchtenden - wird am Hinterlauf getroffen und flüchtet jaulend. Andere Projektile schlagen in parkende Autos ein. Ein Auto stoppt. Der Flüchtende reißt eine hintere Tür auf, wirft sich in den Saab, schreit: "Fahren Sie los, da schießt einer!" Der Verfolger gibt weitere Schüsse ab, trifft Reifen und Batterie des Autos, das nach 60 Metern stehen bleibt.

Der Schütze, es handelte sich um den zur Tatzeit 57 Jahre alten Rentner Hans-Jürgen B., hatte in diesem Moment schon von seinem Vorhaben abgelassen und war zurück in sein Wohnhaus getrottet, in der Hand immer noch die Pistole. Am selben Abend wurde er festgenommen. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen Totschlags und illegalen Waffenbesitzes erhoben. Am 24. September soll der Prozess vor einem Schwurgericht beginnen.

Im Unterleib getroffen

Das Opfer, der 41-jährige Matthias S., wurde im Unterleib getroffen. Er ging davon aus, dass er sterben werde und sagte damals zu dem Fahrer des Wagens, er solle doch bitte seiner Freundin sagen, dass er sie geliebt habe. Matthias S. konnte jedoch im Krankenhaus Friedrichshain notoperiert werden. Er wird im Prozess nun als Zeuge aussagen und auch als Nebenkläger auftreten. Der Fahrer des Saab und dessen 16-jährige Tochter, die auf dem Beifahrersitz saß, erlitten Schockzustände. Auch sie sind in der anstehenden Hauptverhandlung Nebenkläger.

Den Ermittlungen zufolge war der Ausgangspunkt der Attacke mit der Pistole ein typischer Nachbarschaftsstreit. Hans-Jürgen B. wohnte seit dem Jahr 2000 im Archibaldweg. Nachbarn beschreiben ihn als ruhig und umgänglich. Über sein späteres Opfer Matthias S., der erst einige Monate zuvor im Archibaldweg bei seiner Freundin eingezogen war und dort mit einer kurzen Unterbrechung auch ständig wohnte, soll sich der Rentner aber schon mehrfach bei Nachbarn und Anwohnern beklagt haben. Es ging immer wieder um Ruhestörungen: Um das eindringliche Gebell des - später auf der Straße angeschossenen - Kampfhundes Joker. Um laute Auseinandersetzungen zwischen Matthias S. und dessen Freundin Claudia K. Um das Knallen von Türen. Aber vor allem um laute Musik. Auch andere Mieter fühlten sich durch den Lärm beeinträchtig. Es gab Beschwerden bei der Hausverwaltung, die Claudia K. als offizielle Mieterin der Wohnung schriftlich abmahnte.

Eine Zeugin berichtete später, Hans-Jürgen B. habe sogar sein Wohnzimmer umgeräumt, um nicht die laute Musik aus der Wohnung von Matthias S. hören zu müssen. Anfangs, so die Ermittlungen, habe Hans-Jürgen B. auch noch versucht, den Konflikt friedlich beizulegen. Er habe bei Matthias S. geklingelt und ihm mit den Worten "Meister, jetzt muss die Feier doch langsam mal vorbei sein" Kopfhörer angeboten. Worauf Matthias S. die Anlage zwar leiser drehte, dem körperlich unterlegenen Rentner aber gleichzeitig mitgeteilt haben soll, dass er bis 22 Uhr so laut Musik hören könne, wie er es für richtig halte. Sollte Hans-Jürgen B. weiterhin Protest einlegen und klingeln, könne er durchaus auch mal mit Schlägen rechnen.

Und es ging weiter. Der eine lärmte, der andere ärgerte sich darüber. Zwei Wochen vor den Schüssen soll es zwischen den Streithähnen fast schon zu einer Schlägerei gekommen sein. Hans-Jürgen B. fühlte sich wieder einmal durch lautes Türgeknalle gestört. Erst recht, weil eine Bekannte, die eigentlich bei ihm das Wochenende verbringen wollte, wegen des Lärms fluchtartig die Wohnung verlassen hatte. Er lief erbost zur Wohnung von Matthias S., klingelte und teilte ihm mit, dass wegen des Lärms die Freundin gegangen sei. Sie brüllten sich gegenseitig an. Matthias S. soll den korpulenten Rentner als "Nazi-Schwein" und "Fettbacke" beschimpft haben. Hans-Jürgen B. rief die Polizei. Die kam, versuchte schlichtend einzuwirken. Am Ende streckte Hans-Jürgen B. dem Kontrahenten als Zeichen einer gütlichen Einigung die Hand hin. Was Matthias S. jedoch ignorierte. Es war wohl die letzte Chance auf Einigung.

Hans-Jürgen B. soll später bei der Polizei gesagt haben, dass er seitdem nicht mehr ruhig schlafen konnte. Er habe sich vor Matthias S. gefürchtet. Habe die Wohnung kaum noch verlassen, um dem Widersacher nicht zu begegnen. Habe, wenn er doch mal das Haus verließ, eine Pistole eingesteckt, eine geladene "Tokarew", 7,62 Millimeter. Hans-Jürgen B. will sie in den 90er-Jahren für umgerechnet 200 Euro gekauft haben. Er ist ein Waffennarr. In seiner Wohnung fanden sich später diverse Schieß- und Stichgeräte: Messer, Gewehre, Pistolen Degen, Äxte, ein Morgenstern, eine Machete und diverse Munition.

Eine Vorahnung

Warum der Streit am 27. März derart eskalierte, ist nicht geklärt. Matthias S. machte sich wie jeden Abend mit seinem Hund Joker auf den Weg zur Gassi-Runde. Hans-Jürgen B. soll am Fenster gestanden und mit den Fingern, wie mit einer Pistole, auf Matthias S. gezielt haben. Der ahnte schon, dass an diesem Abend etwas passieren werde. Er schaltete, bevor er den Hausflur betrat, die Kamera in seinem Handy an. Als er den Treppenabsatz zwischen der zweiten und dritten Etage erreichte, stand ihm plötzlich Hans-Jürgen B. gegenüber. In der Hand die "Tokarew". Er soll sofort auf Matthias S. geschossen haben. Immer wieder.

Als die Polizei kam, stand der Rentner auf seinem Balkon. "Kommen Sie zu mir", rief er ihnen zu, "ich ergebe mich." Er war nicht angetrunken. Und er soll keine Reue gezeigt und sogar bedauert haben, dass Matthias S. überlebt hat.