Serie: Mein Projekt für Berlin

"Hi, ich ritze"

Der Verein Jungundjetzt organisiert von Wannsee aus Online-Beratung für Teenager in der Krise

Man ist nur einmal jung, heißt es. Doch ist Jungsein wirklich leicht? Geht das nicht oft einher mit Liebeskummer, Schulproblemen und Weltschmerz in der Pubertät? Glück hat, wer mit Freunden oder Eltern darüber sprechen kann. Wenn das nicht geht, gibt es seit 2001 auch online Hilfe, anonym, per Mail.

"Hi, ich ritze" lautet die kürzeste Mail, die im System des Vereins Jungundjetzt jemals aufgelaufen ist. "Andere Mails sind seitenlang", berichtet Geschäftsführerin Claudine Krause. Die 64-Jährige ist frühpensioniert, hat Jungundjetzt vor zehn Jahren gegründet. Damals war sie Biologielehrerin. "Ich habe Kinder erlebt, die ihre Nöte nicht loswurden, weil sie niemanden direkt anzusprechen trauten. Dann kam das Internet immer stärker auf. Ich dachte mir, Anonymität könnte helfen." Krause nahm ein Jahr unbezahlten Urlaub, schrieb ein Konzept, sprach Leute an und schaltete eine Anzeige. Die Resonanz war groß. Zum ersten Treffen kamen 21 Leute. Zwischenzeitlich war sogar Super Nanny Katharina Saalfrank im Team.

Alles per Mail, nichts per Telefon

Sitz des Vereins ist die Alte Feuerwache an der Chausseestraße in Wannsee. Tatsächlich operiert er aber in der weiten Welt des Internets. "Alles läuft per Mail, nichts per Telefon", sagt Irene Thöne, eine der 45 ehrenamtlichen Helfer. "Wir vermitteln nicht, sondern legen nur die Grundlage für eine verbindliche Beratung. Wir nennen Adressen von Beratern oder Therapeuten. Anrufen müssen die Jugendlichen dort selbst." Es ist Hilfe zur Selbsthilfe, ohne Abhängigkeit, ohne Bindungen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Thöne schildert ein Beispiel.

Es handelt sich um eine 14-jährige Berlinerin, Tochter betuchter Eltern. "Sie hat Geschwister, hat ihr eigenes Pferd. Sie muss immer supergute Zeugnisse vorweisen, immer die Beste sein." Wer schafft das schon? Der Druck wird zu groß. "Sie rutscht ab ins Ritzen, lässt sich in eine Klinik einweisen und kommt in die Reha." Der Mail-Wechsel zwischen dem Mädchen und Thöne dauert Monate. Schließlich zieht die Tochter zu Hause aus und bleibt ein Jahr im betreuten Wohnen.

Alle Angaben der Jugendlichen sind freiwillig. Das Kernalter ist 15 bis 18 Jahre, 79 Prozent sind Mädchen. "Für Jungen ist es vermutlich schwieriger, sich zu ihren Problemen zu äußern. Sie melden sich eher, wenn ihre Freundin welche hat", sagt Krause. Werbung braucht der Verein zurzeit kaum, eher weitere Berater. Denn die Nachfrage steigt: 328 Hilferufe waren es im gesamten Jahr 2012; allein im Juli 2012 insgesamt 1500. "Wir mussten wegen Überlastung eine Woche lang online schließen, haben aber andere Ansprechpartner genannt. Erst als alle Mails abgearbeitet waren, sind wir für Anfragen wieder erreichbar gewesen", sagt Krause.

Cybermobbing ist großes Problem

Obwohl das Großstadtleben die Kulisse der meisten Hilfesuchenden ist, spielen Drogen eine untergeordnete Rolle. Liebeskummer hat nachgelassen seit 2001, ebenso Depressionen; selbstverletzendes Verhalten und Essstörungen spielen eine größere Rolle als früher. Recht neu ist Cybermobbing: wenn Handy-Videos online gestellt oder im Internet Gerüchte und Bilder verbreitet werden. "Es wird seit zwei Jahren häufiger beklagt und ist gravierender als das pure Hänseln. Es scheint unkontrollierbar: Inhalte, die einmal im Internet stehen, sind schwer zu löschen", erklärt Janine Brand. Die 24-Jährige ist seit 2007 dabei und inzwischen zweite Geschäftsführerin des Vereins. Als Diplompsychologin arbeitet sie hauptberuflich im Behandlungszentrum für Folteropfer.

Eine Beraterin bei Jungundjetzt brauche im Schnitt fünf bis sechs Mails, um zu klären, was los sei und wie es weitergehen könne, sagt Brand. Ein Cybermobbing-Fall ist ihr noch deutlich in Erinnerung. "Ein Mädchen hat sich schon länger in der Klasse ausgeschlossen gefühlt. Sie wurde gehänselt. Dann haben zwei Jungs sie auf der Schultoilette angegriffen. Drei weitere haben das gefilmt. Anschließend haben sie sie erpresst." Das Opfer sollte zahlen, damit das Video nicht online gestellt wird. Trotzdem wurde es dann ins Netz gestellt und von anderen kopiert. Das Mädchen fürchtete zudem die Reaktion ihrer Eltern. Ihr Hilfeschrei galt Jungundjetzt. Da sie nicht zur Polizei gehen wollte, hat Brand mit dem Mädchen per Mail beratschlagt, welcher Lehrer Ansprechpartner werden könnte. Das Mädchen überwand sich und sprach einen an. Brand fragt außerdem, ob sie Verbündete in ihrer Klasse finden könne. "Es gibt die aktiven Mobber - und diejenigen, die still bleiben. Unter denen hat sie zwei Mädchen gefunden. Damit ging es ihr schon besser. Und sie hat eine Beratungsstelle aufgesucht."

In der Regel führen die Berater den Schriftverkehr alleine. Sie können sich aber an alle Kollegen wenden. Dazu kommen Supervisionen und Fortbildungen - zum Beispiel in der Frage: Was tun, wenn ein Suizid angekündigt wird? "Es kommt sehr selten vor, höchstens zweimal im Jahr", sagt Krause. "Wir müssen dann eine Anzeige stellen. Wir gehen mit der Mail zur Polizei. Die Beamten sind in 20 Minuten vor Ort, weil sie über die IP-Adresse den Standort des Rechners finden können." Basisfinanziert wird die Arbeit von Jungundjetzt über Vereinsmitglieder. 140 sind es an der Zahl, deren Beiträge belaufen sich auf rund 14.000 Euro im Jahr. Dazu stellt das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf die Räume mietfrei bereit, der Verein trägt die Nebenkosten. Mehr Geld in die Kassen spülen spezielle Projekte wie zuletzt für türkischsprachige Jugendliche. Dazu gab es vom Deutschen Hilfswerk 58.000 Euro, 20 Prozent der Summe musste der Verein selbst aufbringen. Doch das Projekt läuft 2013 aus.

www.jungundjetzt.de