Extremismus

Braune Gewalt von Britz bis Treptow

Im Berliner Südosten greifen Neonazis immer wieder linke Personen und Einrichtungen an

Sie kamen von hinten. Sie haben ihn erst geschubst. Dann geschlagen, gegen den Kopf und ins Gesicht. Sie waren maskiert. "Scheißzeckenschwein, das machst du nicht noch mal", haben sie ihn beschimpft.

Antons (Name geändert) Stimme klingt monoton, als er berichtet, was ihm letzte Woche passierte, am frühen Abend, mitten im bürgerlichen Britz. Der 17-Jährige war auf dem Weg von seiner Gruppenstunde bei der "Sozialistischen Jugend Die Falken", trug dabei ein T-Shirt des Anton-Schmaus-Hauses, eines Jugendzentrums der SPD-nahen Falken. Anton hatte einen Nazi-Aufkleber an einer Laterne gesehen, wie hier viele prangen im Kiez um die Parchimer Allee. Er klebte einen eigenen Sticker über die Propaganda der Rechten. Das reichte, um krankenhausreif geprügelt zu werden. Die Ärzte im Krankenhaus diagnostizierten Gehirnerschütterung und Schädelprellung.

Der Angriff auf den jungen Falken markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Serie von Anschlägen gegen Einrichtungen und Aktivisten von SPD und Linkspartei in den vergangenen Wochen, die deutlich die Handschrift von Neonazis tragen. Die Spur der braunen Übergriffe zieht sich vom Süden Neuköllns in die benachbarten Treptower Stadtteile Johannisthal und Schöneweide. SPD-Landeschef Jan Stöß sieht "eine neue Eskalationsstufe" der Gewalt gegen linke Einrichtungen und Aktive erreicht. "Es muss etwas geschehen", sagt Stöß. Die "linke Familie" nehme die Attacken "allmählich persönlich", sagt Stöß.

Die Liste der Vorfälle der vergangenen gut drei Wochen ist lang: Zweimal innerhalb von drei Tagen wurden an dem vor allem von Jusos genutzten SPD-Bürgerbüro "AnsprechBar" in Oberschöneweide Tür und Scheibe eingeschlagen. Beim Juso-Landesvize Nico Schmolke sprengten Unbekannte in seinem Wohnhaus in Johannisthal den Briefkasten. Das gleiche geschah wenige Tage später beim im Kampf gegen rechts stark engagierten Bezirkspolitiker der Treptow-Köpenicker Linkspartei, Hans Erxleben. Hier wurden auch Scheiben eingeworfen. Den Schaden von einigen 100 Euro muss er selbst bezahlen.

Aktive Kameradschaften

Im Südosten Berlins stehen inzwischen viele demokratische Politiker im Visier der dort aktiven Neonazi-Kameradschaften. Die Polizei schätzt vor allem Oberschöneweide als einen der regionalen, rechten Aktionsräume ein. Im Lagebericht zur "Politisch motivierten Kriminalität - rechts" heißt es, die Konfrontation mit dem politischen Gegner sei ein "thematischer Schwerpunkt der rechten Szene. Die Zahl der Gewaltdelikte "gegen links" stieg von fünf Fällen 2010 auf 24 im Jahr 2011. Die Rechten versuchen, andersdenkende Aktivisten einzuschüchtern.

Auch als der 17-jährige Anton nach der Attacke auf ihn wieder aus seinem Haus kam, standen schwarz gekleidete Rechte auf der gegenüberliegenden Straßenseite und drohten ihm: "Wir wissen, wo du wohnst", hörte der junge Mann. Um sich zu schützen, werde er sein blaues Falken-Hemd nicht mehr auf der Straße tragen, sondern erst im Anton-Schmaus-Haus anziehen, sagt er.

Das von der Gutschmidtstraße aus hinter dichten Büschen verborgene Jugendzentrum der Falken stand in den vergangenen Jahren "wiederholt im Fokus der rechten Szene", so die Polizei. "Was jetzt in Treptow und Neukölln passiert ist nichts, was in diesen Wochen losgegangen wäre", sagt Miriam Blumenthal, die ehrenamtliche Leiterin des Anton-Schmaus-Hauses: "Es wird massiv unterschätzt, was hier lost ist."

Zwei Mal wurde im vergangenen Jahr das Falken-Haus angezündet, einmal schliefen dort Kinder. Die Generali-Versicherung zog ihre Konsequenz und kündigte den Versicherungsschutz. Die Schließung drohte. Immerhin hat SPD-Chef Stöß nun eine neue Gesellschaft als Versicherer vermittelt. Dennoch sammeln die Falken weiter Geld, um für 100.000 Euro einen Sicherheitszaun bauen zu können. "Wir sind hier ein roter Fleck", sagt Blumenthal, "den wollen die weghaben. Dann ist hier demokratiefreie Zone."

Aber auch ein Zaun bietet nur bedingt Schutz. Die Leiterin Miriam Blumenthal selbst steht auf den Listen, die Neonazi-Kameradschaften von "Linkskriminellen" im Internet führen. Sie bekam einen Brief nach Hause. "Wir interessieren uns brennend für dich", stand drin. Sie berichtet von verfestigten Neonazi-Strukturen im Stadtteil. Da seien viele junge Männer am Werk, deren Eltern schon Nazis gewesen seien. "Die waren bei uns auf der Schule", sagt die Neuköllnerin. Umso wichtiger sei die Arbeit von Organisationen wie der Falken, die in diesem Umfeld eine "demokratische Jugendarbeit" anbieten: "Wir machen hier auch Präventionsarbeit gegen rechts", sagt Blumenthal.

Matthias Müller von der vom Senat geförderten "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus" bestätigt, dass gerade im Gebiet zwischen Britz und Oberschöneweide besonders viele Angriffe registriert würden, obgleich das zuletzt auch in anderen Stadtteilen geschehen sei. Die Neonazis würden aktiver, weil es auch dort verschiedene Aktionen gegen rechts gebe und neue Bündnisse der NPD und den Kameradschaften entgegenträten. "Wo mehr Menschen gegen rechts engagiert sind, gibt es mehr Überfälle", sagt Miriam Blumenthal. Sie erhofft sich mehr Zivilcourage von allen Bürgern. Jeder sollte beim Fleischer die NPD-Sticker abkratzen, nennt sie ein Beispiel. Dann könnten sich die Rechten nicht auf die Aktivisten konzentrieren.

Die Jusos fordern vom Innensenator Frank Henkel (CDU) eine "Task-Force" gegen Neonazis. Eine Null-Toleranz-Strategie wie gegen die Rocker müsse auch für die Rechten gelten: "Es kann nicht sein, dass der Verfolgungsdruck auf Rocker erhöht wird und bei den Nazis läuft alles wie bisher", sagt der Juso-Landesvorsitzende Kevin Kühnert. Es gehe darum, die "Beileidspirale" aus Solidaritätsadressen zu durchbrechen: "Das repariert uns nicht die Scheiben und sichert nicht unsere Gesundheit", sagt Kühnert. Am heutigen Montag soll mit einer Demonstration ab 17.30 Uhr vor dem S-Bahnhof Schöneweide ein Zeichen der Gegenwehr und der Solidarität mit den Opfern gesetzt werden, so die Grünen, die mit zur Demo aufrufen.