Campus Party

Frauen sind die schöneren Computerfreaks

Tag drei der großen Campus Party: Warum Männer weniger auf ihr Äußeres achten - und was man für 2000 Euro erfinden muss

Ob es die Auswirkungen des strikten Alkoholverbots sind? Am Morgen finden sich auf dem Platz des Luftbrückendenkmals die Reste einer feucht-fröhlichen Nacht. Leere Schnapsflaschen liegen herum. Ob es Campuseros waren, die in den vergangenen Tagen auf Alkoholgenuss im Flughafen verzichten mussten, oder doch Berliner Jugendliche - man weiß es nicht. Über das Rollfeld weht eine frische Brise in den Hangar. Nach den sommerlichen ersten Tagen herrscht herbstliche Stimmung. Einige trotzen den Temperaturen mit kurzen Hosen und T-Shirts, andere tragen Winterjacken.

+++ 10.10 Uhr +++

Auf der Sokrates-Bühne für "Software und Betriebssysteme" beginnt der Tag mit einer Vorschau auf Windows 8. Auf die Frage, welche der Zuhörer das neue Betriebssystem schon gesehen habe, heben gefühlt alle 70 die Hand. Wird für sie dann wohl eher uninteressant...

+++ 10.30 Uhr +++

Marcelino Coll Rovira ist auf der Campus Party "der schräge Typ mit dem Hut". Der Spanier hat die Nacht wieder bei seiner Ausrüstung verbracht, einem Gaming-Laptop mit Ventilator dahinter. Die erste Nacht schlief Marcelino auf einer Isomatte unter seinem Tisch, die zweite auf einer Couch. Donnerstagnacht hat er gar nicht geschlafen. "Ich war nicht müde und dachte mir, dann muss ich auch nicht schlafen. Ich bin jetzt 24 Stunden wach und werde mich wohl erst heute Nacht wieder ein, zwei Stunden hinlegen." In der Nacht hat er League of Legends gespielt. Sein Hut sitzt.

+++11.15 Uhr +++

"Tactic matters" - auf die richtige Taktik komme es an, heißt es jetzt auf der Gutenberg-Bühne. Wie ist man mit Social Media erfolgreich? Nicole Simon, Media-Beraterin aus Lübeck, referiert, sie schart bei Twitter mehr als 16.000 Follower um sich. Man müsse präsent sein, meint sie, dafür brauche es einen eigenen Blog, Twitter- und Facebook-Account, Google+, YouTube und so weiter. Und um zu prüfen, ob der gewünschte Nutzername noch verfügbar ist, empfiehlt sie "namechk.com" - die Seite überprüft, ob und wo der Name vergeben ist.

+++ 11.55 Uhr +++

Plötzlich laufen Twitter und Facebook durch die Hangars. Facebook ist ein blassblaues Haus mit einem kleinen Guckloch. Twitter ist ein verwirrt dreinschauender Vogel. Die Strumpfhosen stehen den beiden Komparsen ausgezeichnet. Begleitet werden sie von Taise, einer reizenden Brasilianerin, die Anstecker verteilt, auf denen "Freies Internet für alle!" steht.

+++ 13.00 Uhr +++

Auf der Hauptbühne kommt es zum Showdown des Tages. Don Tapscott wird angekündigt, "einer der führenden Denker auf dem Gebiet der digitalen Revolution". Eines seiner 14 Bücher heißt "Grown up digital", es geht um die Generation, die mit Computern aufgewachsen ist. Der 65-Jährige referiert über Agrargesellschaft und Buchdruck bis zum Kapitalismus. Heute herrsche das Zeitalter der Netzwerk-Intelligenz - die etablierten Organisationen wie UNO, G 8 oder WTO seien dagegen unfähig, mit den heutigen Problemen umzugehen. "The world is broken". Armut, Eurokrise, Jugendarbeitslosigkeit, Klimawandel. Sein Appell: Die Campuseros sollen das Internet nutzen, um die Demokratie zu erneuern. Und weil der Denker weiß, dass die Aufmerksamkeit nicht immer ungeteilt ist, hat er einen Preis versprochen: Wer aus seinem Vortrag die beste "Problemlösungs-App" entwickelt, bekomme von ihm 2000 Euro.

+++ 14 Uhr +++

Vor einem Glaskasten mit den riesigen Servern, die so eine Party benötigt, sitzt ein einsamer Wachmann. Niemand darf das pochende Herz der Veranstaltung betreten. Ein Interview darüber, wie er sich die Zeit vertreibt, darf er leider nicht geben. Er müsste erst bei seinem Vorgesetzten, der Sicherheitszentrale, und beim Veranstalter anfragen. Schade.

+++ 14.30 Uhr +++

Die Campus Party - eine reine Männerveranstaltung? Zeit für eine nicht-repräsentative Umfrage. Michelle arbeitet an der Bar und hat viele der 10.000 Campuseros bedient. "Natürlich sind hier viel mehr Männer, ich würde schätzen, das Verhältnis steht bei 80 zu 20", sagt sie. Der Kollege vom Kaffeestand nebenan schätzt den Anteil an seinem Stand sogar auf 50 Prozent Frauen. Trinken die mehr Kaffee? Die meisten jedenfalls, sagt Michelle, seien "überraschend schnittig, attraktiv und schick". Die Männer, so ihre steile These, seien eher nicht so hip, weil sie sich bereits im Internet eine schickere Identität angelegt hätten und deswegen im echten Leben nicht so viel Wert auf ihr Äußeres legten. Maria Angelica bestätigt das: "I'm a full-time geek", sagt die 24-Jährige. Der Prototyp des Geek-Mädchens verändere sich. "Früher haben sie sich auf ihren Computer konzentriert, heute schauen sie mehr auf sich."

+++ 15.35 Uhr +++

Aufgeregt tänzelt der Spieler im weißen Trikot an der Seitenlinie. Sein Gegenspieler ist schon ausgeschaltet, einfach umgeknickt. Die Augen leuchten rot, grün und blau, er nimmt Anlauf und schießt den Ball - ins Aus. Roboterfußball ist noch nicht so weit entwickelt, das wird bei diesem Kick deutlich. "Es ist den Robotern hier zu dunkel", sagt ein Entwickler.

+++ 16.10 Uhr +++

"Liquid.Ret" gegen "Mill.fOrGG" - das sind keine Tippfehler, sondern die Kontrahenten einer Schlacht des mit 25.000 Euro dotierten Wettkampfs um die Krone des Strategiespiels Starcraft 2. Zwei Spieler sitzen an ihren Computern und hacken im Millisekundentakt mit der linken Hand auf die Tastatur und verschieben mit der Maus ihre Einheiten. Die Schlacht wird auf eine Leinwand projiziert und von rund 30 Zuschauern verfolgt. Das Ziel des Spiels? "To kill each other?!", sagt ein anderer Hobbyspieler. Er zieht, ob der doofen Frage, verächtlich eine Augenbraue nach oben.