Internet

Ein Blick in fremde Zimmer

Freunde von Freunden heißt die Internetseite, auf der ein ganz persönlicher Blick auf Menschen und ihre Arbeit geworfen wird

Normalerweise lässt man Menschen, die man noch nie gesehen hat, nicht so einfach in die eigenen vier Wände. Führt sie durch alle Zimmer, zeigt ihnen vielleicht das Bild, das man in dieser kleinen Galerie gekauft hat, lässt sie Fotos machen vom geerbten Sekretär mit der Blumenvase darauf und erzählt ihnen dann auch noch aus dem eigenen Leben. Frederik Frede, Tim Seifert und ihre Kollegen werden regelmäßig hineingebeten. In Berlin, in Sao Paolo und in Tokyo. Aber sie sind auch keine völlig Fremden - sie sind Freunde von Freunden. "Freunde von Freunden" heißt auch ihre Internetseite, bei der es sich streng genommen um ein Interview-Magazin handelt, und das doch eigentlich viel mehr ist, weil auch Fotos vom persönlichen Arbeits- oder Wohnumfeld zu sehen sind.

"Es ist die authentische Darstellung von Menschen, die viele Leser interessiert", sagt Frederik Frede, der 2006 das Design-Studio "No More Sleep" (heute "More Sleep") an der Mulackstraße gründete und im Herbst 2009 das Format "Freunde von Freunden" (FvF) startete. "Uns geht es um ehrliche Geschichten und nachhaltige Inhalte, zu denen auch wir einen Bezug haben. Deswegen porträtieren wir unsere Freunde und Freunde von Freunden. Wenn ich sehe, wie jemand lebt, kann ich ihn besser verstehen."

Auch Unordnung kommt an

Tim Seifert, ebenfalls FvF-Geschäftsführer, erinnert sich daran, dass die Bereitschaft, sich zu Hause fotografieren zu lassen, zu Beginn nicht unbedingt bei 100 Prozent lag. "Anfangs mussten wir noch sehr viel erklären", sagt der 30-Jährige. "Heute freuen sich die Menschen, wenn wir sie ansprechen." Da man sich in einem großen Netzwerk bewegt, handelt es sich in der Regel um Kreative und Kulturschaffende, die da vorgestellt werden. Fotografen, Musiker, Designer. Festgelegt auf bestimmte Berufe sei man vorher nicht, und so etwas wie der Einrichtungsstil oder gar Quadratmeterzahlen würden natürlich nicht extra abgefragt. "Wir mögen auch das Belebte, Unaufgeräumte. Diejenigen, die unser Interesse geweckt haben, hatten immer auch spannende Geschichten zu erzählen. Und erstaunlicherweise bestätigten dann ihre Wohnungen dieses Bild noch zusätzlich", so Tim Seifert. Zu der Riege jener, die einen Einblick in ihr Leben gewähren, gehört auch Silke Neumann, die mit ihrer Kommunikationsagentur "Bureau N" in der Berliner Kunst- und Kulturszene zu Hause ist. Sie kam in den Kreis der Auserwählten, weil ein Teil des FvF-Teams bei ihr in Moabit zum Abendessen in größerer Runde eingeladen war. Und so kennen nun auch etliche andere ihre pinkfarbene Wandfarbe im Flur, den alten Kachelofen oder die Fotos von ihren Schuhen, die sie von außen an die Kartons geheftet hat. Silke Neumann denkt, dass der Erfolg des Magazins - immerhin klicken sich täglich durchschnittlich 15.000 Leser durch die Seiten - folgendermaßen begründet ist: "Ich glaube, dass es in erster Linie ein visuelles Format ist. Das besondere sind die Details, die Sachen, die man nicht im Möbelladen bekommt oder in Hochglanz-Wohnzeitschriften sieht - die dann aber die eigene Persönlichkeit so wunderbar widerspiegeln." Ihr sei es immer schon so gegangen, dass sie, kaum in eine Wohnung eingetreten, am liebsten erst einmal rumstöbern wollte. "Der Blick in die Küche, das Bücherregal, die Plattensammlung. Es macht einen vertraut mit der Person."

Und das sind auch die Dinge, die abgelichtet werden - nicht großartig inszeniert, ganz unprätentiös. Genauso wie die Menschen selbst, die einfach normalen Beschäftigungen nachgehen. Mehr Schnappschuss als klassische Homestory. Frederik Frede und Tim Seifert sind sich einig: Das Magazin braucht keine Celebritys, um zu funktionieren.

Ein paar bekannte Berliner Persönlichkeiten haben aber schon Einblick ins Privatleben gewährt: Kunstförderer Peter Raue genauso wie Kunstsammler Christian Boros. "Ich erinnere mich, dass das damals nicht einfach ein Interview war, sondern vielmehr ein Besuch mit Fotoapparat", sagt Christian Boros. Intim und unaufgeregt sei das Treffen gewesen. Und so seien auch die Aufnahmen geworden. "Ich bin dieser glatten Interior-Ästhetik überdrüssig, sie ist seelenlos", sagt Christian Boros. "Menschen interessieren sich nicht für Stühle, Menschen interessieren sich für Menschen." Wenn man irgendwo zu Besuch sei, dann handele es sich auch immer um einen visuellen Besuch. Was für Bücher stehen im Regal? Lehnt da drüben ein Fahrrad an der Wand? Und weil er sich ein bisschen verliebt hat in dieses "zutiefst emotionale Projekt", habe er angeboten, zusammen einen Bildband herauszugeben. Im vergangenen Herbst erschien dann das FvF-Buch. "Die Berliner Wohnungen, die darin zu sehen sind, sind sehr biografisch", so Christian Boros. "Oft werden Dinge gemischt, die nicht zueinanderpassen. Die Heterogenität ist spannend. Das sind alles keine Menschen, die fertige Raumkonzepte kaufen."

Zusammen mit dem FvF-Team plant er bereits einen neuen Bildband, der im Frühjahr 2013 erscheinen soll. Und da die Berliner Freunde auch welche im Ausland haben, geht es immer weiter und weiter. Schneeballeffekt eben. Weiter nach Paris und nach London, nach New York und Los Angeles. Die Internetseite wird seit Herbst 2011 internationaler. "Seitdem gibt es alle Interviews auch auf Englisch", erzählt Frederik Frede. "Die internationale Verbreitung mit weltweiten Interviews und lokalen internationalen Teams wird weiter ausgebaut." In das globale Projektteam sind inzwischen schon 100 Personen eingespannt. Neben der Website arbeitet das FvF-Team zusätzlich an einer eigenen App für das iPad. Warum das Projekt gerade in Berlin so gut funktioniert hat? "Es gibt hier eine riesige Kreativindustrie", sagt Tim Seifert. Das sei in Städten wie New York natürlich nicht anders. Aber Berlin sei in gewisser Weise gemütlicher und vielleicht in dem Sinne dörflich.

www.freundevonfreunden.de