Wochenende der Offenen Tür

Merkel lässt blicken

Auch am heutigen Sonntag öffnet die Bundesregierung die Türen. Kanzlerin verteilt Autogramme

Das Ehepaar ist aus dem Harz angereist, und da sie schon einmal hier sind, wollen sie auch den Herrn Rösler sehen. "Unmöglich, wie schlecht die Krankenhäuser geworden sind, ich werde ihm was husten", sagt der Mann. Seine Frau nickt. Sie stehen vor dem Bundesministerium für Gesundheit in der Friedrichstraße, soweit stimmt der Ort, aber Philipp Rösler (FDP) arbeitet längst woanders. Das überrascht die beiden Touristen. Bis die Frau kichert und sagt: "Na, dann ist eben jemand anderes Schuld."

Ihr Besuch an diesem Wochenende der Offenen Tür der Bundesregierung, das kann man sagen, hat sich gleich gelohnt. Um eine Erkenntnis reicher, machen sie Philipp Rösler nicht mehr zum Sündenbock, jedenfalls nicht für eine Gesundheitspolitik, die er gar nicht mehr steuert. Wer sich über den FDP-Parteichef aufregen oder ihn loben will, muss ins Wirtschaftsministerium. Dort erklärt übrigens eine übergroße Maus die Politik.

Wolfgang Schäuble schaut vorbei

Auch am heutigen Sonntag haben die Behörden von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Um 14 Uhr will Kanzlerin Angela Merkel ihre Gäste persönlich empfangen und Autogramme geben. Überraschend geht es am Sonnabend auch im Ministerium der Finanzen zu. Keine Steuerformulare liegen hier aus, sondern eine Spezialeinheit des Zolls liefert sich Showkämpfe. Männer mit Sturmmasken, die sich mit fernöstlichen Griffen zu Boden bringen.

Auch der Hausherr, Finanzminister Wolfgang Schäuble, schaut vorbei. Im weißen Hemd, ohne Krawatte und Jackett, stellt er sich Fragen zum Euro. In der Kantine doziert er über Stabilität und Vertrauen, spricht Besucher an ("Das ist doch logisch, Frau Schmitz") und sagt dann auf die Frage, ob Deutschland aus dem Euro austrete, wenn sich andere Länder nicht an Sparauflagen hielten: "Ich wäre ein Idiot, wenn ich diese Frage beantworten würde." Er würde niemals mit Austritt aus dem Euro drohen. "Auch wir bescheißen gelegentlich, auch wir verstoßen gegen Regeln." Gängige Bilder über die südländischen "Schlamper" oder die "Steuerbetrüger" aus der Schweiz seien Unsinn. Es gibt nicht viele Gelegenheiten für Bürger, einen Spitzenpolitiker so vergleichsweise offen sprechen zu hören.

"Ick will mal kieken, wat die Politiker mit unseren Steuern machen", sagt Manfred Bittner. Er steht im Ministerium für Gesundheit. Nur, dass er nicht viel sehen kann, er trägt die "Rauschbrille": Sie soll simulieren, was passiert, wenn man 1,3 Promille Alkohol im Blut hat. Etwas übertrieben erscheint die Wirkung, man kann kaum geradeaus laufen. Aber den Besuchern macht es Spaß. So locker, dass sie spontan die ausliegenden Organspende-Ausweise ausfüllen, geht es zwar nicht zu. Doch neugierig sind sie. Da stehen Kinder am Brettspiel "Gesetzgebung" und würfeln sich durch Landtagswahlen und Koalitionsstreit. Nebenan, im Ministerium für Verkehr und Bau, versinkt ein Taucher im Wasserbecken und schweißt Eisenteile.

Man erfährt auch, dass es eine Weltmeisterschaft des Handwerks gibt und dass das deutsche Team der Stuckateure erfolgreich ist. Auch dieses Nationalteam ist multikulturell. Was Mesut Özil für den Fußball ist, leistet ein Kadir Uzunsakaloglu für das deutsche Handwerk. Überhaupt ist es eine Gelegenheit zu schauen, wie vielfältig Deutschland ist. Viele Bürger aus anderen Regionen sind gekommen, schließlich hat die Bundeskanzlerin eingeladen. Es sind auch ihre Steuermittel und ihre Ministerien. Bei bestem Badewetter kamen bereits am Sonnabend viele Tausend Besucher, vielleicht auch wegen der Zapfanlagen und Musikbühnen. Familie Beitz ist extra aus Brandenburg gekommen. Sie sagen, dass sie die Ministerien bewusst einem anderen Ausflug vorgezogen haben. "Badeseen" sagt der Vater, "sind gar nicht unsere Sache." Aber zur Familienministerin Kristina Schröder werden sie noch gehen. Er sei zwar kein Fan von ihr, aber er wolle sie mal sehen.

Keine Langeweile bei Frau Schröder

Wenig später laufen Kinder über den roten Teppich in das Familienministerium und ins Büro der Ministerin. "Wie funktioniert dieses Amt?", fragt ein Mädchen. "Das ist eine echt gute Frage", antwortete Schröder. In ihrem Ministerium arbeiteten viele "sehr fleißige" Mitarbeiter, die sich mit Familienpolitik auskennen. "Und langweilst Du Dich manchmal auch?", fragt ein Junge. "Ehrlich gesagt selten", sagt Schröder. "Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass man nichts zu tun hat."