Das ist Berlin: Steglitz-Zehlendorf

Lichterfelder Filetstück

Schöne Häuser, viel Natur, nah an der City: Der Ortsteil von Steglitz-Zehlendorf ist sehr begehrt

Zehn Jahre lang hat Erwin Leitner am Hackeschen Markt in Mitte einen Brauerei-Ausschank betrieben - dort, wo Touristen, Galeristen, Künstler und Prominente das Bild bestimmen, wo rund um die Uhr Bewegung ist. Als er eines Tages von seinem Getränkelieferanten hört, dass am Bahnhof Lichterfelde-West eine Brache zum Verkauf steht, ruft er sofort den Eigentümer an. "Es war so ein Gefühl, dass es richtig ist", sagt der gebürtige Bayer. Mut zum Risiko sei aber auch dabei gewesen.

Er verkauft sein Lokal in Mitte und eröffnet 2005 einen Biergarten in Lichterfelde, den er nach seinen Eltern "Maria und Josef" nennt. Er fühle sich "sauwohl", sagt er, wie es sich für einen Bayer gehört und finde es "kuschelig" hier. "Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen - und hier geht es ein bisschen zu wie auf dem Dorf."

Seine Einschätzung wird von vielen im Villenviertel von Lichterfelde-West geteilt. Familiär, ruhig, grün - so beschreiben die Anwohner ihren Kiez. Manche nennen ihn "gemütlich". Das wissen inzwischen auch immer mehr junge Leute mit Kindern zu schätzen, die verstärkt in die Gegend ziehen. Anwohner und Geschäftsleute loben aber auch den Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung. "Ich würde nie extra nach Steglitz zum Einkaufen fahren", sagt Erwin Leitner. Alles, was möglich sei, erledige er in seinem Viertel.

Morgens, kurz nach neun Uhr, auf dem Platz vor dem Bahnhof Lichterfelde-West schieben Händler Kleiderständer oder Krabbelkisten auf den Bürgersteig. Sie rufen sich ab und an etwas über die Straße zu. Mütter mit leeren Kindersitzen auf dem Fahrrad-Gepäckträger halten nebeneinander, um kurz alle Neuigkeiten auszutauschen. Taxifahrer stehen mitten auf der Baseler Straße und diskutieren.

"Die Leute sind hier etwas klüger"

Muammer Cetin, den alle nur Momo nennen, ist bereits fertig mit dem Aufbau. Der Obst- und Gemüsehändler steht seit acht Uhr an seinem Stand vor dem Bahnhof. Er wohnt in Neukölln, hat früher auch dort gearbeitet. Das sei schon ein großer Unterschied, erzählt er. "In Neukölln geben die Menschen nicht so gern Geld aus", sagt Momo. Alles solle billig sein. Dagegen legten die Leute in Lichterfelde Wert auf sehr gute Qualität. Dafür dürfe es auch etwas teurer sein. Sein Eindruck von Lichterfelde-West: Die Menschen haben fast alle einen Job, sie machen nach der Arbeit noch Sport, viele spielen Golf oder Tennis, ihre Kinder gehen zum Klavierunterricht. Das kenne er nicht aus Neukölln. "Ich glaube, das hier ist eine andere Liga", sagt Momo.

"Solide, gutbürgerlich, belesen", so charakterisiert Buchhändler Reinhard Ilgner die Lichterfelder Liga. Seit 1972 hat er sein Geschäft an der Baseler Straße. Er sei der Dinosaurier unter den öfter wechselnden Geschäften ringsum, erzählt er. Der Buchhandel habe etwas Konstantes, vor allem in einem Viertel mit kulturinteressierten Menschen, wie in Lichterfelde. Während in anderen Bezirken Unterhaltungsliteratur in "Presse-Shops" gekauft werde, gebe es in dem Villenviertel noch den Anspruch, etwas zu lernen. Bestsellerlisten seien kein Qualitätskriterium, "die Leute sind hier etwas klüger", so der Buchhändler. Allerdings spielen die neuen Medien, wie elektronische Bücher, noch keine große Rolle. "In Lichterfelde kommt alles mit 15 Jahren Verspätung an", meint Reinhard Ilgner.

Wer im Kiez zwischen Drakestraße, Finckensteinallee und Kadettenweg unterwegs ist, kann den Spruch nachvollziehen. An einigen Stellen ist die Zeit gefühlt vor 100 Jahren stehen geblieben. Wenn nicht gerade ein Auto über das Kopfsteinpflaster poltert, ist es so ruhig, dass das Rascheln der Zeitung hoch oben auf den Terrassen der Villen zu hören ist. Fast jedes Haus ist ein Unikat mit barocken, gotischen oder neoromanischen Elementen, Jugendstilhäuser wechseln sich mit Turmbauten ab. Zwei Namen haben Berlins ältestem Villenviertel ihre Handschrift verliehen: Johann Anton Wilhelm von Carstenn, der um 1860 die Güter von Giesensdorf und Lichterfelde aufgekauft, parzelliert und als Bauland wieder verkauft hat. Und Gustav Lilienthal, Bruder des Flugpioniers Otto Lilienthal, der für die "kleinen Leute" familiengerechte Häuser in Form von fantasievollen Burgen bauen ließ.

Gerd Möbius wohnt seit 16 Jahren in so einer Lilienthal-Burg. Darin lebe es sich ruhig und in Eintracht mit der Natur, sagt der Drehbuchautor. Zwar sei die Aufteilung der Zimmer etwas seltsam - kleine, verschachtelte Räume auf drei Etagen - aber "gemütlich". Gerade sind gegenüber neue Nachbarn eingezogen. "Die kenne ich noch nicht", sagt Möbius. Es passiere selten, dass einer wegziehe. Die meisten würden hier alt werden. Auch Hans-Hermann Keune lebt seit 20 Jahren in Lichterfelde-West. Seit zwölf Jahren leitet er das Theater Lichterfelde - eine feste Institution im Kiez. Neben den Kindertheater-Vorstellungen bietet er auch Theater- und Musical-Workshops an. Der Andrang ist groß. 100 Kindern musste er kürzlich absagen, weil ihm Räume in der oberen Etage gekündigt worden sind. Der Vermieter hatte Eigenbedarf angemeldet. Er sei kurz davor gewesen, aufzugeben, sagt der 46-Jährige. Doch dann hätten ihm die Eltern und die Kinder wieder Mut gemacht.

Er will nicht mehr weg

Im Theater sieht er, wie wichtig vielen Eltern Bildung ist. Manche Kinder hätten jeden Tag noch einen Termin nach der Schule, an manchen Tagen sogar zwei. Da müsse er manchmal ein bisschen bremsen, sagt er. Das Theater sei sein Hobby, erzählt er. Im Berufsleben ist er Synchron-Cutter bei einer Filmproduktionsfirma. Geboren in Dahlem, aufgewachsen in Schmargendorf, will er jetzt aus Lichterfelde-West nicht mehr weg. Er mag die "schöne Mischung" und dass es eben nicht Großstadt sei, sondern ein Ort mit einem eigenem Herzen und speziellen Menschen. Er spüre im Kiez die große Lebensfreude der Leute, die den Genuss an schönen Dingen zu schätzen wüssten.

Aber auch im beschaulichen Lichterfelde kann es bisweilen aufregend zugehen. Im Biergarten "Maria und Josef" hatte es kürzlich ein Dieb auf die Zwergkaninchen abgesehen, die zur Freude der Kinder in einem Gehege herumspringen. In der Nacht wurde ein Loch in den Zaun geschnitten. Eins der acht Häschen fehlte am nächsten Morgen. Etwas seltsam kommt Erwin Leitner der Vorfall schon vor. Wer macht so etwas in Lichterfelde? Darüber rätselt er lange.