Zwischenzeugnis

Humor will gelernt sein

Frau Freitag arbeitet an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag

"Fräulein Krise, ich habe eben deine Schüler gesehen.", sagt meine Freundin Frau Dienstag und schließt ihr Fahrrad vorm Café ab. "Die riefen mir 'Achtung, ihr Vorderrad dreht sich' hinterher."

Ich lache. "Ist doch voll lustig."

"Der ist sooo alt, der Witz", stellt Fräulein Krise fest und hebt ihre Kaffeetasse hoch.

"Alt vielleicht. Aber trotzdem witzig."

Mit dem Humor ist das halt immer so eine Sache. Mit Humor geht alles leichter, sagt man. Konflikte werden am besten mit einem humorvollen Spruch entschärft, liest man in Unterrichtsratgebern. Und bei uns im Lehrerzimmer wird auch immer viel und laut gelacht. Sarkasmus und Ironie sind den Kollegen nicht fremd, und ohne den kabarettistischen Blick würde man so manchen Schultag an unseren Schulen gar nicht überstehen.

Wie sieht das bei den Schülern aus? Da ist es schon schwieriger, denn Humor muss gelernt werden. Klar lachen wir alle über Frau Freitag, wenn sie über die Kabel vom Overheadprojektor stolpert.

Zur Zeit ist es in Mode, an jeden lustigen Spruch, ein 'Spaaaß' dranzuhängen oder 'Witz' zu sagen, als müsste man den Witz noch extra anzeigen. Achtung, jetzt kommt etwas Lustiges! Die meisten Schüler machen aber eigentlich schon ganz gute Witze.

Hamid fragte mich neulich: "Frau Freitag, haben Sie bei ,Extrem schön' mitgemacht?" War gemein gemeint, aber doch irgendwie lustig. Ich habe jedenfalls sehr gelacht. Und ihn dann zurechtgewiesen.

Aber dann ist da Oskar. Oskar ist in meiner Klasse. Von der Größe her könnte er auch schon in der Neunten sein. Er ist unheimlich dünn und er bewegt sich gerne. Leider auch immer, wenn ich vorne an der Tafel gerade etwas erkläre. Oskar wäre gerne der Lustige in der Klasse. Leider erschließt sich mir sein Humor nicht so richtig.

Am ersten Schultag frage ich alle Schüler nach den Unterschriften ihrer Eltern auf den Zeugnissen. Ich lese jeden Namen vor und hake dann ab, ob sie ihr Zeugnis mithaben oder nicht. Oskar blättert schon die ganze Zeit in seiner Zeugnismappe. Irgendwann lese ich seinen Namen vor: "Oskar?"

"Ja."

"Dein Zeugnis. Hast du das mit?"

"Nein."

Dann wartet er einen Moment, lacht und sagt: "Spaaaaß."

Letztes Jahr erwischte ich Hamid und Taifun, wie sie in der Mittagspause unerlaubt das Schulgelände verließen. Zur Abschreckung teilte ich der gesamten Klasse dann mit, dass die beiden dafür einen Tadel erhalten haben. Daraufhin Oskar: "Ich war auch draußen."

"Wirklich?" Ich hatte ihn auf dem Hof gesehen.

Er starrt mich an, grinst dann und sagt: "Witz!"

Und so geht das in einer Tour. Ich verstehe seinen Humor einfach nicht. Aber gestern lieferte mir Oskar eine perfekte Steilvorlage.

Am Ende der Englischstunde sprechen wir über Handys. Hamid hat ein neues Smartphone und erklärt uns, was es alles kann. Nach dem Klingeln verlasse ich mit den Schülern meinen Klassenraum und laufe mit Hamid, Taifun und Oskar die Treppe runter. Immer noch sind Handys unser Gesprächsthema. Plötzlich zieht Oskar sein Smartphone aus der Hosentasche und hält es mir unter die Nase: "Hier, Frau Freitag, habe ich gefunden."

"Gefunden?", frage ich und warte gar nicht seine Antwort ab, sondern nehme das Handy und stecke es mir in die Tasche: "Na, dann gebe ich das jetzt für dich im Büro ab." Oskar guckt mich verwirrt an. Die anderen lachen.

Natürlich war es sein Handy. Natürlich habe ich es ihm irgendwann wiedergegeben. Aber hoffentlich hat diese Aktion ihm auch gezeigt, wohin seine seltsamen Witze führen können. Denn er hat eigentlich nicht gelacht, als ich sein Telefon eingesteckt habe.