Baumschule

Landflucht eines "Kunstgärtners"

Der fast 300 Jahre alte Traditionsbetrieb Späth'sche Baumschulen hat weniger Anbauflächen zur Verfügung

Sie gelten als Deutschlands älteste Baumschule. Und sie sind Berlins ältester noch immer produzierender Gewerbebetrieb - die Späth'schen Baumschulen. Ihre Geschichte spiegelt Berliner Unternehmertum - und ist eng mit dem preußischen Herrscherhaus verbunden. So wurde Firmengründer Christoph Späth von König Friedrich Wilhelm I. schon früh zum "Kunstgärtner" ernannt - eine hohe Auszeichnung. Auf einem alten Bild ist der König beim Besuch der Baumschule zu sehen, auf einem anderen pflanzt Otto von Bismarck einen Baum.

Doch jetzt müssen sich die Späth'schen Baumschulen umorganisieren: Künftig wird es in Baumschulenweg weniger Anbau, dafür aber mehr Service für Privatkunden geben - wie zum Beispiel die Gartenberatung. Der seit 1880 angestammte Sitz an der Späthstraße soll aber nicht aufgegeben werden. "Wo gibt es schon landwirtschaftliche Flächen, die sogar über einen Autobahnanschluss verfügen", sagt Geschäftsführer Holger Zahn. Doch der Autobahnanschluss ist gleichzeitig Teil des Problems. Die seit vielen Jahren unklare Lage der Verkehrsplanung in dem dortigen Gebiet macht dem vor fast 300 Jahren vor dem Halleschen Tor gegründeten Unternehmen jedoch zu schaffen. Die ist nach Auskunft von Zahn auch dafür verantwortlich, dass er zehn der 55 Mitarbeiter kündigen musste, weil der Betrieb nicht mehr über so viele Anbauflächen wie früher verfügt.

Eigentümer kündigen Flächen

Rund 25 Hektar bewirtschaftete die "Späth'schen Baumschulen Handel GmbH" an der Späthstraße und der nahen Umgebung noch bis Ende vergangenen Jahres. Davon waren rund 15 Hektar Pachtflächen. "Sieben Hektar sind uns davon allerdings gekündigt worden. Die Eigentümer haben Angst, dass sie sonst Entschädigungen zahlen müssen, sobald hier im Zuge des Straßenausbaus Baurecht geklärt ist. Deshalb wollen sie die Flächen jetzt schon freihaben", sagt Geschäftsführer Zahn. Der 52-Jährige wartet seit Jahren darauf, dass die Behörden den Flächennutzungsplan ändern, damit anschließend Bauland ausgewiesen werden kann. "Dann können wir einen Teil unserer Grundstücke auf der anderen Seite der Späthstraße - ebenfalls rund acht Hektar Land - verkaufen, um mit dem Erlös neue Flächen für den Anbau im Umland dazuzukaufen", sagt Zahn. An der Späthstraße sollen aber weiterhin Gehölze, Rosen und Saatgut verkauft werden.

Aus der Erfahrung mit Ketzin, wo den Späth'schen Baumschulen ihre Pachtflächen gekündigt wurden, will Zahn in Zukunft auf Nummer sicher gehen: "Bäume haben einen Vorlauf von drei bis vier Jahren, bis man mal was verkaufen kann. In Ketzin hatten wir Pech. Da wurden uns die Flächen gleich nach dem Aufbau gekündigt. Deshalb pflanzen wir Bäume jetzt nur noch auf Eigentum."

Auch dem Bezirk Treptow-Köpenick ist daran gelegen, dem Unternehmen Investitionssicherheit zu geben. Ulrike Zeidler, die neue Leiterin des Stadtentwicklungsamtes, sieht in der lange geplanten Südost-Verbindung von der Rummelsburger Straße über eine neue Spreebrücke bis zur Anschlussstelle Späthstraße der A 113 auch verkehrlich eine Verbesserung: "Autofahrer nutzen momentan noch etliche Schleichwege, der neue Zubringer zur Autobahn wird auch die Späthstraße entlasten." Die Trassenplanung habe die Senatsverwaltung jedoch noch nicht abgeschlossen. Außerdem liege beim Senat auch das Verfahren zur Änderung des Flächennutzungsplan, das im März 2002 begonnen worden sei. "Aus Sicht des Bezirks ist es uns sehr wichtig, dass die Planungen weitergeführt werden", betont Ulrike Zeidler. Die begonnenen Bebauungspläne für Baumschulenweg, auch für die Baumschule, können vorher nicht beendet werden. "Auch der Bezirk wartet da auf den Senat. Uns ist es wichtig, das historische Ensemble der Späth'schen Baumschule zu erhalten und fortzuentwickeln. Auch dafür braucht es Planungssicherheit", so die Chefin des Stadtentwicklungsamtes. Der Bebauungsplan, mit dem auch die Freiflächen der Baumschule gesichert werden, sei 1992 begonnen worden und hänge von dieser verkehrlichen Entwicklung ab. Wie viele Jahre die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung noch für die Planung braucht, ist nach Auskunft einer Sprecherin offen. Die Südostverbindung sei als langfristige Planung im Stadtentwicklungsplan Verkehr vorgesehen. "Die vorhandene Späthstraße kann auch bei einem Ausbau die Funktion nicht aufnehmen. Eine andere Verbindung muss noch gefunden werden", so die Sprecherin.

In der Baumschule geht unterdessen der Alltag weiter. Die Hortensien, die in einer großen Schau ihre unterschiedlichen Formen und Farben präsentieren, müssen gegossen werden. Ebenfalls die großen Dattelpalmen und anderen mediterranen Pflanzen. Im Hofcafé ist um die Mittagszeit besonders viel los. Und im Büro, das noch einen guten Eindruck davon gibt, wie das Kontor in der Anfangszeit aussah, wird gerechnet und telefoniert. Die Flächen, auf denen die Baumschule noch Pflanzen zieht, sind zwar kleiner geworden, aber neue Geschäftsfelder kompensieren den Verlust einigermaßen, sagt Geschäftsführer Zahn. So gibt es einen Kräutergarten, und in der neuen Anzuchtanlage mit in die Erde versenkbaren Töpfen wachsen rund 600 Bäume und Sträucher, die vermutlich besser durch den Winter kommen, als die Pflanzen des vergangenen Winters. Durch die extreme Witterungsabfolge - im Januar gab es frühlingshafte Temperaturen, die Pflanzen trieben aus, die Kälte kam im Februar - wurde auch in der Späth'schen Baumschule fast die Hälfte der Pflanzen vernichtet.

Countdown für 300-Jahr-Feier läuft

Diplom-Gartenbauingenieur Zahn, der seit 1987 im Betrieb ist, plant zudem schon jetzt die Veranstaltungen für 2013, wo es ein Rosarium und eine große Verkaufsausstellung mit Freiland-Bonsais geben soll. Sogar der Countdown für die 300-Jahr-Feier im Jahre 2020 läuft schon. Historiker arbeiten dazu die Zeit der Baumschule während des Nationalsozialismus, der DDR und der Nachwendezeit mit der Treuhand auf. Der letzte Inhaber der Familie, Dr. Hellmut Ludwig Späth, war 1945 im KZ Sachsenhausen von den Nazis ermordet worden. Er hatte das Geschäft kurz vor dem Ersten Weltkrieg übernommen und den ganz großen Erfolg erzielt: Unzählige Gärten, Friedhöfe und Parkanlagen in ganz Europa wurden von den Späth'schen Gartengestaltern angelegt. Ein Stolperstein auf der Treppe zum Verwaltungskontor, verlegt anlässlich des 290-jährigen Betriebsjubiläums im September 2010, erinnert an ihn. Nach der Wende, 1997, wurde das Unternehmen der Familie Späth rückübertragen. Sie verkaufte es nach Auskunft von Zahn einige Jahre später an die heutigen Eigentümer, ein Konsortium, in dem die Familien Georg Graf zu Castell-Castell und Felix Gädicke, Christian von Stechow und Christoph Rechberg Gesellschafter sind.

Am 22. und 23. September erwartet Zahn wieder 200 Gartenfirmen aus Europa, die ihre Pflanzen präsentieren und verkaufen. Geplant ist zudem die Sonderschau "Frühling im September".