Bildung

Das hat sie doch mit links gemalt

Eine Weddinger Grundschule geht einen neuen Weg für Kinder, die Linkshänder sind

Konzentriert schieben Jasmin, Chantal und Steve ihre Füller über das Papier. Sie ziehen den Stift nicht wie fast alle anderen Kinder ihrer Klasse. Die Sechstklässler von der Andersen-Grundschule in Wedding schieben, weil sie Linkshänder sind. Schon bevor Steve eingeschult wurde, wusste er, dass er mehr auf links als auf rechts gepolt ist. "Gemerkt habe ich das beim Sport", sagt der Elfjährige, "ich habe den Ball mit dem linken Fuß gekickt oder mit der linken Hand geworfen." Da war es für den Jungen logisch, dass er auch das Schreiben mit links angeht.

Steve, Jasmin und Chantal sind in guter Gesellschaft. Auch Barack Obama, Mesut Özil oder Angelina Jolie schreiben mit links. Etwa 20 Prozent Linkshänder gibt es. Oft wird ihr Anteil allerdings geringer gemessen, weil viele Menschen schon im Kleinkindalter auf rechts getrimmt werden und gar nicht wissen, dass sie eigentlich Linkshänder sind. Auch in der Andersen-Grundschule gibt es nur etwa 25 von knapp 450 Kindern, die sich selbst als Linkshänder bezeichnen. "Das spiegelt sicher nicht den tatsächlichen Anteil", sagt Karl-Eugen Denner.

Idee kam von den Lesepaten

Der 58-Jährige ist Lesepate an der Weddinger Grundschule und selbst Linkshänder. Von ihm kommt die Idee, zum Internationalen Tag der Linkshänder am jeweils 13. August, eine Arbeitsgemeinschaft für Linkshänder zu gründen. Am Montag trafen sich daher alle betroffenen Schüler erstmals zum Erfahrungsaustausch. In Zukunft sollen nun die Erst- und Zweitklässler beim Schreibenlernen gezielt gefördert werden. Karl-Eugen Denner und seine Lesepaten-Kollegin Monika Bergen, auch eine umgeschulte Linkshänderin, wollen dafür zweimal in der Woche die jungen Linkshänder aus dem Unterricht nehmen und mit ihnen besondere Übungen machen. Für sie sei es besonders wichtig, Schwungübungen an der Tafel zu machen, sagt Denner.

So viel Engagement für Linkshänder gab es in der Schule nicht immer. Bis in die 70er-Jahre hinein wurden Linkshänder auf rechts getrimmt. Karl-Eugen Denner kann sich noch darin erinnern, wie er in eins auf die Finger bekam, wenn er intuitiv mit links geschrieben hatte.

Heute wurden die Schulrichtlinien zwar so geändert, dass Kinder nicht mehr zum Schreiben mit rechts umerzogen werden. Aber es findet kaum spezielle Förderung statt. "Es gibt für Lehrer keine Schulung, darum ist es nicht viel, was wir über die Linkshändigkeit wissen", sagt Kerstin Andersson, Lehrerin an der Andersen-Schule. Sie erkennt nur selten, wenn ein Kind besser mit links schreiben sollte - bei mehr als 20 Kindern in einer Klasse. "Eine krakelige Handschrift ist jedenfalls kein Indiz", sagt sie, "noch in der dritten Klasse haben die fast alle Schüler." Hinzu komme, dass viele Kinder bei Schuleintritt im manuellen Bereich sehr ungeübt seien. Wenn sie dann an der Tafel schreibt, machen es die Kinder ihr einfach nach - mit der rechten Hand.

Die Lehrerin ist daher dankbar, dass sich Monika Bergen und Karl-Eugen Denner jetzt auch in die Klassen der Schulanfangsphase setzen und die Kinder beobachten wollen. So kann auch sie ihren Blick für Linkshänder schulen. Nach den Ergebnissen der schulärztlichen Untersuchungen sollen nur vier der Schulanfänger an der Andersen-Grundschule Linkshänder sein. Denner ist jedoch überzeugt, dass er in den kommenden Wochen noch mehr Kinder ausfindig machen wird.

Obwohl Linkshändigkeit heute nicht mehr als Makel gilt, herrsche eine große Unerfahrenheit damit, sagt der 58-Jährige, der früher als EDV-Pädagoge arbeitete. In vielen Kitas gebe es zum Beispiel nur Scheren für Rechtshänder, sodass die Vorschulkinder gar nicht die Möglichkeit haben, ihre Schneidefertigkeiten mit links zu erproben. Auch die zehnjährige Jasmin hat im Kindergarten gelernt, mit rechts zu schneiden. Dabei ist sie bis heute geblieben, obwohl die Schülerin von Anfang an einen Füller für Linkshänder bekommen hatte. Ihre Mutter hatte erkannt, dass sie mit links schreibt.

Nicht alle Eltern reagieren aufgeschlossen, wenn sie merken, dass ihr Kind lieber mit links schreibt und malt. Im arabischen Raum gilt die rechte Hand als rein, die linke aber als unrein. Daher wollen manche Eltern nicht, dass ihre Kinder mit links schreiben. Da auch die Andersen-Grundschule einen Migranten-Anteil von 90 Prozent hat, vermutet Denner, dass vielleicht auch hier Kinder sind, die vom Elternhaus umerzogen wurden.

Umerziehen kann Folgen haben

Wie wichtig es ist, dass Kinder die für sie richtige Schreibhand finden, wird auch in vielen Untersuchungen belegt. Manche verkannten Linkshänder bekommen psychische Probleme, sie stottern oder haben Schreib- und Denkblockaden. Bei Karl-Eugen Denner zeigte sich das bei Fremdsprachen. "Immer wenn ich an der Tafel stand, war die Vokabel wie weggeblasen. Wenn es gut lief, kam ich mit einer Fünf heraus", erinnert er sich. Solche Blockaden sind Jasmin, Chantal und Steve erspart geblieben. Sie fühlen sich auch nicht als Außenseiter. "Gehänselt wurde ich noch nie", sagt die zwölfjährige Chantal. Höchstens neugierige Fragen gebe es manchmal. Und Jasmin ist sogar ein bisschen stolz darauf, Linkshänderin zu sein. In ihrer Federtasche hat sie eine besondere Ausstattung: Füller, Bleistift mit speziellen Mulden und Anspitzer sind für Linkshänder ausgerichtet. Trotzdem hat es die Grundschülerin auch schon mal mit rechts versucht. Nicht, um mit ihren Mitschülern mithalten zu können, "sondern um mir besser die Nägel lackieren zu können", erzählt das Mädchen. Das mit dem Rechtsschreiben hat zwar nicht so richtig geklappt - ihre Nägel könne sie dafür an der rechten Hand schon ganz gut anmalen, sagt sie und lacht.