Gedenken

"An die Mauer-Morde muss eine Straße erinnern"

Rechtsanwalt und Kunstmäzen Peter Raue setzt sich dafür ein, der Opfer würdig zu gedenken

Als am 13. August 1961 die Machthaber der "Zone", wie die DDR seinerzeit bezeichnet wurde, mit ihrem "Jahrhundertbauwerk", der Errichtung der Mauer, begonnen haben, war ich in Hamburg und habe die unfassbaren Bilder im Fernsehen gesehen. Die dem Ereignis folgenden Nachrichten waren verheerend. Viele Menschen haben Berlin in Sorge um ihre Zukunft verlassen, die Universitäten mussten auf viele Studentinnen und Studenten verzichten, die bis zum Mauerbau Pendler waren, in Ost-Berlin lebten und denen der Weg in den Westen im Wortsinn verbaut war. Deshalb habe ich im September 1961 mein Studium in Berlin aufgenommen. Ich lernte Fluchthelfer kennen, ihren Mut bewundern (lange bevor aus der Fluchthilfe ein Geschäft gemacht wurde) und besuchte regelmäßig den Ostteil der Stadt. Fast genau ein Jahr, nachdem dieser "antifaschistische Schutzwall" errichtet wurde, stirbt grauenvoll leidend Peter Fechter bei einem missglückten Fluchtversuch aus Ost- nach West-Berlin. Eine Stunde liegt er blutend an der Mauer, ohne dass die DDR-Grenzpolizisten das Selbstverständlich-Humanitäre getan und einen Rettungsversuch unternommen hätten, ohne dass es den Menschen im Westen dieser Stadt möglich war, Peter Fechter zur Hilfe zu kommen. Das Bild des sterbenden Peter Fechter ist eingegraben in mein Gedächtnis und in das derer, die diesen Mord miterlebt haben. Ähnlich wie das Foto der Frau, die dem erschossenen Benno Ohnesorg an jenem 2. Juni helfen wollte. Peter Fechter ist ein Synonym geworden für die menschenverachtende Brutalität der DDR-Machthaber, die es für angemessen, richtig, ja, lobenswert hielten, wenn die Grenzpolizisten fliehende Menschen erschossen haben. Deshalb sollte nach Peter Fechter eine Straße in Berlin benannt werden. Nicht, weil hier ein junger Mensch tollkühn versucht hat, in die Freiheit zu fliehen - das haben viele andere auch getan, das hat mehr als 130 Menschen den gewaltsamen Tod gebracht - sondern weil der Name Peter Fechter geradezu paradigmatisch erinnert an ein System, das die Menschen vor dem Verlassen des Staates nur durch eine Mauer inmitten eines zu Recht sogenannten "Todesstreifens" hindern konnte. Daran muss eine Peter-Fechter-Straße erinnern, dass diese Mauer-Morde, befohlen von einer Staatsmacht mitten in Berlin, möglich waren. Berlin hat eine Rudi-Dutschke-Straße: Ganz bestimmt nicht deshalb, weil Rudi Dutschke Großes geleistet hätte, seine inhaltlich unverständlichen, hasserfüllten, in die Menge geschrieenen Reden, sein Kampf gegen Establishment und "Bild"-Zeitung verdienen es wahrlich nicht, eine Straße nach ihm zu benennen. Dieser Akt lässt sich nur damit rechtfertigen, dass die Erinnerung an Rudi Dutschke als warnendes Memento dient, wohin radikalisierter Hass, blinde Wut führen können. So würde der Straßenname Peter Fechter zum Mahnmahl gegen staatliches Unrecht! Daraus wird aber - so meine bittere Prognose - in den nächsten 50 Jahren in Berlin-Mitte nichts werden.

Denn das Bezirksamt Mitte hat einen Beschluss gefasst, wonach erst dann wieder eine Straße nach einem Mann benannt werden darf, wenn es in Berlin-Mitte genauso viel Frauen- wie Männerstraßennamen gibt. An diesem Beschluss scheitert seit Jahren der Versuch, James Simon, den größten Mäzen, den Berlin jemals hatte, mit einem Straßennamen zu ehren.

Dieser Beschluss ist aberwitzig

An diesem aberwitzigen Beschluss hält das Bezirksamt konsequent fest, und eine einzige Ausnahme bestätigt diese Regel: Rudi Dutschke! Er ist dem Bezirksamt so wichtig, die altehrwürdige Kochstraße (zu einem Teil) in Rudi-Dutschke-Straße umzuwandeln. Diese Ehre wird weder James Simon noch Peter Fechter zuteil werden - so lange dieser Beschluss besteht.