Unternehmenskultur

Wenn das Büro zum Spielplatz wird

Senatorin Sandra Scheeres besucht die familienfreundlichsten Unternehmen Berlins

Sandra Scheeres (SPD), Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, redet nicht lange drumherum. "Die Vereinbarung von Familie und Beruf ist anstrengend", sagt sie im Anproberaum für orthopädische Einlagen im Berliner Sanitätshaus Koch. Doch gerade diese simple Tatsache will man hier nicht einfach so hinnehmen - denn bei Firma Koch versucht man, das Gegenteil zu beweisen.

Dort traf Scheeres am Donnerstag einen der drei Gewinner des zweiten Landeswettbewerbs "Unternehmen für Familie - Berlin 2012". Insgesamt 22 Teilnehmer hatten sich um die Auszeichnung als familienfreundlichstes Unternehmen beworben. Der Berliner Beirat für Familienfragen richtet sie in den Größenordnungen "3 bis 20 Mitarbeiter", "21 bis 100" und "mehr als 101 Mitarbeiter" aus. Insgesamt zwei der Gewinner-Unternehmen besuchte Scheeres. In der ersten Kategorie erhielt die Steuerberatungskanzlei Katrin Fischer den Titel. Als großes Unternehmen darf sich die Gasag AG "familienfreundlich" nennen.

Das Sanitätshaus Koch gewann in der zweiten Kategorie. Mareen Koch, die Geschäftsführerin des Sanitätshauses, will die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für ihre Mitarbeiter einfacher machen. "Ich kenne die Probleme. Ich habe selber zwei Kinder und bin alleinerziehend. Da weiß ich, wie der Hase läuft", sagt Koch. Seit vier Jahren arbeiten ihre 38 Mitarbeiter mit flexiblen Arbeitszeitkonten, der Betrieb bezuschusst die Kinderbetreuung. Bei ihrem Rundgang durch Geschäftsraum, Lager und Werkstatt lobt Sandra Scheeres den Vorbildcharakter des Konzeptes: "Die Familienfreundlichkeit ist auch ein Vorbild für die Auszubildenden hier im Betrieb. Die sehen so, dass das möglich ist und setzen es vielleicht selber irgendwann mal im eigenen Betrieb um."

Auch Pflege soll möglich sein

Ungefähr die Hälfte der Mitarbeiter des Familienbetriebs hat Kinder - auch Stine Klinger. Während sie im Einkauf arbeitet und ihr Lebensgefährte Axel Grotzke ein Stockwerk höher eine Oberschenkelprothese montiert, spielt ihre dreijährige Tochter Johanna in der Kita. Aber nicht jeder Tag verläuft so problemlos. Deswegen schätzt Klinger die familienfreundliche Einstellung ihrer Chefin sehr. "Wenn es Probleme in der Kita gibt, dann wird einem nicht das Gefühl gegeben, dass das schlimm ist", sagt sie. Doch "familienfreundlich" heißt nicht nur Verständnis dafür aufzubringen, dass Angestellte Kinder haben, betont Scheeres. "Wenn man den demografischen Wandel betrachtet, hat auch das Thema Pflege einen immer höheren Stellenwert. Unterstützung im Pflegefall von Angehörigen bringt auch denjenigen etwas, die als Eltern nicht von Familienfreundlichkeit eines Unternehmens profitieren konnten", sagt Scheeres.

Das Thema "Pflege von Angehörigen" hat auch bei der Gasag einen hohen Stellenwert in der Unternehmenskultur. Mit einem Beratungsangebot zur Altenpflege und der Möglichkeit, Zeit für die Kurzzeitpflege zu nehmen, will die Gasag den Mitarbeitern entgegenkommen und wurde unter anderem dafür ausgezeichnet.

Mit Teilzeitregelungen, dem Verzicht auf feste Kernarbeitszeiten und der Kooperation mit einem Familienservice soll hier die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert werden. Zudem können die Mitarbeiter nach Absprache auch tageweise im Home Office arbeiten. So wie Murat Kretschmer. Der 40 Jahre alte Portalverantwortliche der Pressestelle der Gasag arbeitet jeden Montag und Dienstag von Zuhause aus - nur ein paar Meter von seinem neun Monate alten Sohn Tim entfernt. "Es ist schon ein gutes Gefühl, zu wissen, der Sohn ist nur zwei Räume weiter. Und wenn er schreit, kann auch ich mal kurz nachschauen, was los ist", sagt er. Scheeres betont bei ihrem Besuch, dass sie solche flexiblen, familiennahen Möglichkeiten wichtig findet.

Gute Stimmung im Haus

Auch die Unternehmen profitieren von einem familienfreundlichen Umfeld, selbst wenn es organisatorisch für den laufenden Betrieb nicht leicht ist, wenn Väter in Elternzeit gehen. "Für uns ist das als Unternehmen wichtig, um für die Zukunft sicherzustellen, dass wir qualifizierte Arbeitskräfte haben", sagt Gasag-Vorstand Andreas Prohl. Damit ein Unternehmen wirklich familienfreundlich werden kann, müsse sich allerdings erst nach und nach die Unternehmenskultur ändern, betont Eberhard Richter, Hauptabteilungsleiter Personal bei der Gasag. "Das wichtigste ist die Selbstverständlichkeit, dass man die Möglichkeiten ohne schlechtes Gewissen in Anspruch nehmen kann", sagt er. Ein Eltern-Kind-Büro soll dafür sorgen, dass Familienfreundlichkeit auch greifbar ist. In dem hellen Raum liegt ein blauer Sitzsack, daneben stehen eine kleine Tafel, ein Wickeltisch, ein Regal mit Spielsachen und ein Schreibtisch für die Eltern. Etwa einmal wöchentlich wird der Raum genutzt.

Sandra Scheeres lässt sich davon ein wenig inspirieren - schließlich ist sie als Familiensenatorin auch Chefin. "Ich möchte auch ein solches Kinderzimmer einrichten, in dem sich ein Kind richtig wohl fühlt", sagt sie. "Es ist mir als Chefin auch wichtig, gute Stimmung im Haus zu haben."