Neue Prüfungen

Erstmals zentrale Tests für Neuntklässler

Was früher der Hauptschulabschluss war, heißt jetzt Berufsbildungsreife. Damit werden die Leistungen der Schüler vergleichbar

Für Schüler der neunten Klassen an den Sekundarschulen stehen in diesem Schuljahr zum ersten Mal zentrale Prüfungen in Deutsch und Mathematik an. Das Bestehen der Vergleichstests ist Voraussetzung für die Berufsbildungsreife, die von nun an den einfachen Hauptschulabschluss ersetzt. Bisher hatte jeder Schüler, der die neunte Klasse geschafft hatte, automatisch einen Hauptschulabschluss. Nur Schüler der Gymnasien sind von den Tests ausgenommen.

Mit der Sekundarschulreform vor zwei Jahren wurden die Hauptschulen abgeschafft und damit auch der Abschluss, der bei den Ausbildungsbetrieben ohnehin kaum noch einen Wert hatte. Mit der Berufsbildungsreife soll jedoch nicht nur die Bezeichnung geändert werden. Die Prüfungen fordern den Schülern künftig Mindeststandards im Rechnen und Schreiben ab, die von der Wirtschaft häufig vermisst wurden.

"Die Einführung zentraler Tests ist immer auch ein Schritt auf dem Weg zu mehr Transparenz in den Anforderungen und zu einer höheren Vergleichbarkeit der Leistungen", sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Mit diesem Ziel seien in Berlin bereits zentrale Prüfungen im Abitur und beim Mittleren Schulabschluss eingeführt. Das gleiche Ziel gelte auch für die zentralen Vergleichsarbeiten in der Jahrgangsstufe neun.

Wichtiges Signal

"Einheitliche Standards sind ein wichtiger Fortschritt", sagt Thomas Schumann, Schulleiter der Herbert-Hoover-Sekundarschule in Wedding. Die neue Bezeichnung sei mehr als nur eine formale Änderung. "Es geht jetzt nicht mehr um einen Abschluss, sondern um einen Anschluss in die Berufsausbildung", sagt Schumann. Das sei für die Schüler ein wichtiges Signal.

Im vergangenen Jahr konnten die Sekundarschulen schon freiwillig und zur Probe an den Tests teilnehmen. Etwa 30 Schulen hatten sich daran beteiligt, darunter auch die Hoover-Schule. "Die Aufgaben waren zu bewältigen und ganz gut durchdacht", resümiert Schulleiter Schumann. Es sei für die Schüler zudem eine gute Übung für die Prüfung zum Mittleren Schulabschluss. Abgefragt werden Standards, die von der Kultusministerkonferenz vorgegeben werden. Dazu gehören in Mathe beispielsweise Prozentrechnungen, Längen und Flächen berechnen oder Schlüsse aus statistischen Daten ziehen.

Auch wenn die Arbeiten einen hohen organisatorischen Aufwand von den Schulen verlangten, würden sie dazu beitragen, den neuen Abschluss aufzuwerten, meint Michael Rudolph, Leiter der Friedrich-Bergius-Sekundarschule in Friedenau.

Der Leiter der Martin-Buber-Sekundarschule in Spandau ist dagegen skeptisch. "Die Tests sind eine große zusätzliche Belastung", sagt Lutz Kreklau. Ab Mitte März bis in den Juni seien die Lehrer und Schüler in drei Jahrgängen nun mit Prüfungen beschäftigt. Die Gefahr bestehe darin, dass andere Inhalte auf der Strecke bleiben. Allerdings sehe er auch die Notwendigkeit eines verbindlichen Tests, nachdem das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen abgeschafft worden ist, sagt Kreklau.

Für die Berufsbildungsreife müssen die Neuntklässler mindestens ausreichende Leistungen erreichen. Ein "mangelhaft", also eine Fünf in einem der beiden Tests, kann durch mindestens eine Drei in dem anderen Prüfungsfach ausgeglichen werden. Zudem muss die Summe aller Zeugnisnoten mindestens einen Durchschnitt von 4,0 ergeben.

Allerdings ist es nicht so, dass man die Schule ohne Abschluss verlässt, wenn man die Prüfungen nicht besteht. Wer bei den Tests durchfällt oder nicht die ausreichenden Noten auf dem Zeugnis hat, wird trotzdem in die zehnte Klasse versetzt. Hier wiederholt der Schüler dann den Stoff der neunten Klasse und auch die Vergleichsarbeiten. Schüler, die plötzlich durchstarten wollen, können sogar gleichzeitig an den Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss teilnehmen.

"Für die Schulen bedeutet das eine riesige Herausforderung", sagt Paul Schuknecht, Leiter der Friedensburg-Sekundarschule und Sprecher der Vereinigung der Berliner Schulleiter. In den künftigen zehnten Klassen müssten dann Schüler, die die Berufsbildungsreife nicht geschafft haben, genau so gefördert werden wie jene, die weiter zum Abitur wollen. Das käme einem Spagat gleich. Das größte Problem dabei seien die Klassenstärken. Denn während in den Sekundarschulen die siebten und achten Klassen auf maximal 26 Schüler begrenzt sind, können die neunten und zehnten Jahrgänge bis auf 32 Schüler aufgefüllt werden. "Genau das passiert jetzt, wir haben etliche zusätzliche Schüler in diesen Jahrgängen, die von den Gymnasien kommen", sagt Schuknecht. Schon jetzt habe er Klassen mit 32 Schülern. Dieses Problem sei bei der Reform übersehen worden, denn erst jetzt erreichen die ersten Sekundarschüler den neunten Jahrgang. "Hier besteht dringend Nachbesserungsbedarf", sagt Schuknecht.

Die Industrie- und Handelskammer will erst mal die Ergebnisse abwarten: "Standardisierte Tests verbessern zwar die Vergleichbarkeit, ob sich die Kompetenzen der Bewerber dadurch auch verbessern, muss sich erst zeigen", sagt Thilo Pahl, Geschäftsführer für Ausbildung bei der IHK.