Meine Woche

Das Leid der Autofahrer

Christine Richter über die Senatspläne für noch mehr Radspuren

Ich gestehe: Ich bin es leid. In der vergangenen Woche teilte der Staatssekretär der Verkehrsverwaltung, Christian Gaebler (SPD), mit, dass der Senat den Radverkehr in Berlin weiter stärken will. Zulasten der Autofahrer, denn wenn mehr Fahrradwege auf den Straßen angelegt werden, bleibt weniger Platz für die Autofahrer. Und weil es auch mehr Abstellflächen für Fahrräder geben soll, fallen in den Stadtteilen natürlich Parkplätze weg. Auf 20 Prozent, so Gaebler, soll der Fahrradverkehr in Berlin in den kommenden Jahren gesteigert werden. Dafür will er natürlich auch mehr Geld ausgeben - für die Radspuren, für die Abstellmöglichkeiten.

Ich bin sie leid, diese Politik gegen Autofahrer. Es ist ja nicht so, dass in den vergangenen Jahren nichts in Berlin geschehen wäre. Wir haben uns seit langem an Bus- und Fahrradspuren auf dem Kurfürstendamm gewöhnt, sogar an die merkwürdige Verkehrsführung auf der Wilhelmstraße in Mitte, wo die Radspur an den Kreuzungen zwischen zwei Autospuren hindurchführt - und es meiner Meinung nach für die Radfahrer viel gefährlicher macht. Auch über die vielen Radspuren auf den Hauptverkehrsstraßen und Vorrangampelschaltungen für Radfahrer wundern sich höchstens noch die Besucher aus anderen Hauptstädten. Wir Autofahrer akzeptieren inzwischen klaglos, dass etliche Radfahrer auf die Straße ausweichen, weil sie die Fahrradwege nicht nutzen. Und ich kann, besser: mag, gar nicht mehr zählen, wie viele Parkplätze in Prenzlauer Berg weggefallen sind für die metallenen Bögen, an den die Räder angeschlossen werden sollen. Von der "Fahrradstraße" Choriner Straße ganz zu schweigen.

Es gibt für Radfahrer sicherlich Gründe, sich zu beklagen: beispielsweise über die Fahrradwege auf den Bürgersteigen, die im Laufe der Jahre zu Holperstrecken geworden sind. Weil die Bezirke den brüchig gewordenen Asphalt nicht reparieren, weil die Wurzeln nach oben drücken und keiner der Verantwortlichen sich darum kümmert. So ist mancher gezwungen, mit seinem Rad auf die Straße auszuweichen. Natürlich gibt es auch die rücksichtslosen Autofahrer, die abbiegen, ohne in den Rückspiegel zu schauen, die zu nahe an Radfahrern vorbeifahren, die immer wieder und hemmungslos auf ausgewiesenen Fahrradwegen parken.

In der Diskussion über die künftige Verkehrsplanung in Berlin wird jedoch meist eins ignoriert: Es gibt viele Menschen, die auf das Auto angewiesen sind. Und es gibt noch mehr Menschen, die gerne mit dem Auto unterwegs sind. Die in der Freizeit auch schon mal aufs Rad umsteigen, aber zum Job mit dem Wagen unterwegs sind und deshalb einen Parkplatz an der Arbeitsstelle und einen in der Nähe ihre Wohnung oder ihres Hauses brauchen. Auch für sie muss Politik gemacht werden, nicht nur gegen sie. Erst recht von Berliner Senatspolitikern, die im Dienstwagen mit Fahrer unterwegs sind.

Dringlich ist außerdem eine Initiative, den Radfahrern die Straßenverkehrsordnung beizubringen. Warum es wichtig ist, dass man bei Rot an der Ampel anhält. Warum man ein an der Kreuzung wartendes Auto nicht mal links oder mal rechts überholt. Warum das Radfahren auf dem Bürgersteig nur Kindern erlaubt ist, nicht aber Erwachsenen. Auch nicht, wenn die Straße mit Steinen gepflastert ist. Warum man in der Dunkelheit mit Licht unterwegs sein sollte - nicht nur als Autofahrer.

Es gibt für Politiker also genug zu tun. Es müssen nicht noch mehr Fahrradwege und Radstellplätze sein.

Christine Richter leitet gemeinsam mit Gilbert Schomaker die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Gilbert Schomaker über seine Woche in Berlin.