Zwischenzeugnis

Frau Freitag schreibt über die Schule

Sie ist Lehrerin in Berlin und will unerkannt bleiben. Ihr Blog ist ein Erfolg. Nun berichtet sie in der Berliner Morgenpost

Frau Freitag liebt ihren Job. Wenn Sie davon erzählt, fallen Worte wie "Action" und "Verantwortung". Für wen sie arbeitet und mit wem, das ist geheim. Auch ihren wahren Namen will sie nicht verraten. Frau Freitag ist Lehrerin. In den nicht gerade für Action bekannten Fächern Kunst und Englisch.

Geheim bleiben soll ihre Identität wegen ihres Nebenjobs. "Jeden Nachmittag, wenn ich von der Schule nach Hause komme, setze ich mich hin und schreibe", sagt sie. "Das ist inzwischen wie ein Ritual, erst danach habe ich richtig Feierabend." Seit Mai 2009 führt sie einen Blog über ihre Abenteuer in der Mittelstufe. "Na, wie war's in der Schule?" heißt er. Während sie sich anfangs noch über jeden einzelnen Besucher ihrer Seite freute, hat fraufreitag.wordpress.com mittlerweile die Zwei-Millionen-Marke geknackt. 2011 hat sie ihr erstes Buch herausgegeben: "Chill mal, Frau Freitag" (Ullstein Verlag) stand vier Wochen lang auf Platz eins der Bestsellerliste, ein Jahr in den Top Ten. Der Nachfolger "Voll streng, Frau Freitag" ist im Juli erschienen und gleich auf Platz zwei der Bestsellerliste gelandet.

Angefangen hat es mit den Achtklässlern, deren Klassenlehrerin sie damals war. An einer Schule "in einem ganz normalen Bezirk", wie sie immer wieder betont. Sie schrieb kleine Anekdoten aus dem Unterricht auf. Wie diese:

Unterricht in meiner Klasse. Englisch. "Money, money, money, mustbefunny - in a rich man's world. Aha-ahaaa, all thethings I could do..." Ich schalte den CD-Player ab. "Hat irgendjemand irgendetwas verstanden?"

"Es geht um Geld und Bitches", sagt Emre. "Geld ja, Bitches habe ich jetzt nicht gehört. Aber wir lesen den Text gleich noch mal." Es folgt ein schlimm-stockendes Vorlesen und ein mühsames Übersetzen. "Okay, wie will die Frau aus dem Lied denn an Geld kommen? Sie nennt zwei Möglichkeiten." "Jackpot, in Las Vegas." - "Und einen reichen Typen heiraten."

"Genau. Und sind das gute Pläne? Abdul? Emre?" Emre: "Also, ich finde nicht. Ich würde schwarzarbeiten." Esra meldet sich: "Emre will elf Kinder und dann vom Kindergeld leben."

Witzig, ohne dabei laut zu sein

Weil alles so streng geheim ist, darf an dieser Stelle nur wenig über Frau Freitag gesagt werden. Nur so viel: Sie ist 44 Jahre alt, lebt mit ihrem Freund - "dem einzigen Nicht-Lehrer, den ich noch kenne", sagt sie scherzhaft - zusammen, das Paar hat keine Kinder. Sie ist attraktiv, aber nicht aufgetakelt, witzig, ohne dabei laut zu sein. Man hat das Gefühl, es fällt ihr selbst nicht leicht, so wenig von sich preiszugeben. Weil sie sonst ein offener, herzlicher Mensch ist. Vielleicht ist es das, was sie so nah an ihre Schüler lässt. Doch wie bei vielen Lehrern gab es auch bei ihr diesen Punkt, an dem sie gerade so am Burn-Out vorbeischrammte. "Ich war Klassenlehrerin einer sehr anstrengenden, schwer pubertierenden Klasse, die mich an meine nervlichen und pädagogischen Grenzen brachte", sagt sie. In der Hoffnung, Leidensgenossen zu finden, suchte sie im Internet nach Seiten, auf denen andere Lehrer über ihren Alltag berichteten. "Aber es gab nichts." Also ließ sie sich von ihrem Freund einen Blog einrichten, um sich den Frust von der Seele zu schreiben.

Ihre Schüler nennt sie Emre, Abdul oder Samira. Der Ton ist witzig, die Themen ernst. Es geht um Erwachsenwerden, um Identitätsfindung. Bei aller Geheimniskrämerei - Frau Freitag schreibt wahre Begebenheiten auf. Das macht ihren Blog so einzigartig. Sie jammert nicht über das Bildungssystem, über mangelnde Integration oder ihre eigene Überlastung.

Wenn man ihre kleinen Geschichten so liest, drängt sich der Eindruck auf, dass ihre "ganz normale Schule" einen recht hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund haben muss. Sie wünsche sich, dass ihre Schüler einmal starke Erwachsene werden und stolz auf sich sind, sagt sie. In der Zwischenzeit wolle sie helfen, dass die Jugendlichen zu sich selbst finden. "In der Pubertät ist es cool, einen Migrationshintergrund zu haben", sagt sie, "da kramt noch der letzte einen irgendwo hervor." Sie lacht. Ein herzliches, ein unprätentiöses Lachen. Dann wird sie wieder ernst. Es sei ihr wichtig, die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. "Am Ende des Schuljahres haben mir viele der Schüler gesagt, dass sie sich als Deutsche fühlen." Sie will nicht falsch verstanden und in eine Schublade mit Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") oder Heinz Buschkowsky ("Multikulti ist gescheitert") geschoben werden. "Mir ist wichtig, dass sich meine Schüler zugehörig fühlen", sagt sie.

Sie freue sich jeden Morgen auf die Schule. "Wenn ich dann nachmittags meine Kolumnen schreibe, muss ich oft kichern. Ich habe Spaß bei der Arbeit." Frau Freitag erzählt also aus dem Alltag einer Lehrerin in Berlin - aus dem alltäglichen Wahnsinn unseres Bildungssystems, aber auch dem des "schönsten Berufs der Welt". Fest steht: Es ist immer was los bei ihr. Action pur sozusagen. Ab heute immer freitags in der Berliner Morgenpost.