Zwischenzeugnis

Werd' doch Lehrer

Frau Freitag arbeitet als Lehrerin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag

"Und was machst du so?"

"Ich bin Journalist." Journalist, denke ich und gucke mir den Typen genauer an. Er sieht gar nicht so aus. "Nun guck doch nicht so traurig. Journalist ist doch ein ganz toller Beruf." Gequältes Lächeln. "Na ja, das läuft alles nicht mehr so gut wie früher. Die Bezahlung hat sich in den letzten zehn Jahren gar nicht geändert.

"Na, ist doch schön", sage ich - meine mathematischen Fähigkeiten sind nicht die allerbesten. "Mein Gehalt hat sich sogar verschlechtert", versuche ich ihn zu trösten. Er guckt in sein Bier. Ich zur Tür.

Es sind noch mehr Gäste gekommen. Ich habe Hunger und würde mir gerne etwas vom Buffet holen, aber ich kann den traurigen Journalisten ja nicht hier alleine lassen. "Na, streng genommen hat sich meine Bezahlung ja auch verschlechtert" sagt er. "Werd' doch Lehrer", schlage ich vor. Mein Lösungsvorschlag für jedes Problem. "Guck mal, Lehrer sein ist super. Du könntest Deutschlehrer werden. Du hast ja bestimmt Deutsch studiert, oder", frage ich. Er nickt. "Oder noch besser, du wirst Mathelehrer. Die suchen sie wie verrückt. Hast du zufällig auch Mathe studiert?" "Nee."

"Physik?" Er schüttelt den Kopf. "Theaterwissenschaften", sagt er. "Ist doch super", sagt meine Freundin Frl. Krise, die auch Lehrerin ist. "Da kannst du doch DS unterrichten. Schwer gefragt das Fach. Kriegst du sofort einen Job."

"Was ist denn DS?" "Darstellendes Spiel. Theaterspielen mit den Schülern." Der traurige Journalist trinkt einen Schluck. Er ist noch nicht überzeugt. Jetzt hebt er den Kopf, guckt mich an und fragt: "Warum bist du denn Lehrerin geworden?"

Da muss ich nicht lange nachdenken: "Ich wollte ins Lehrerzimmer rein." "Häh?" "Als Schülerin durfte ich nicht rein, aber das sah immer so interessant aus. Und jetzt kann ich da jeden Tag rein. Ist echt super!"

Lehrerzimmer sind wirklich die schönsten Orte. Wenn man aus dem Unterricht kommt und sich erschöpft in einen Stuhl plumpsen lässt... Geburtstag und Weihnachten an einem Tag. Das kann nur noch getoppt werden von dem Geräusch der Kaffeemaschine und einer anstehenden Freistunde. Perfekte Momente: Man hat Zeit und jemand hat schon Kaffee aufgesetzt. Den trinkt man dann gemütlich und verzehrt seine Schulbrote - Brot schmeckt am besten als Schulbrot. "Du solltest dir das wirklich noch mal überlegen."

"Aber da kann ich doch gleich in einem Büro arbeiten. So ein Büro ist doch quasi das gleiche wie ein Lehrerzimmer."

Ich muss nachdenken. Hat er da Recht? "Aber, wenn der Aufenthalt im Büro nicht unterbrochen wird, dann kann man den doch gar nicht richtig genießen. Man kann doch auch das Wochenende nur genießen, weil es vorher die Wochentage gab. Immer Urlaub - ohne Arbeit ist ja eigentlich kein Urlaub, sondern Arbeitslosigkeit."

"Ja, Urlaub ist schön", sagt er leise und ich sehe, wie er mit seinen Gedanken langsam wegdriftet. "Wenn du Urlaub magst, dann ist Lehrer wirklich der beste Beruf für dich. Wir haben ja eigentlich dauernd Ferien. Die werden mal kurz durch Unterricht unterbrochen, aber da gewöhnt man sich dran. Also als Ferienfan - definitiv Lehrer werden!"

Frl. Krise grinst. Der Journalist steht auf: "Ich hol mir mal was zu Essen."

"Lehrerzimmer, Ferien....tzzzz Frau Freitag, du erzählst einen Schwachsinn. Der Hauptteil der Arbeit ist ja wohl am Schüler. Unterricht, Unterricht vorbereiten, Unterricht halten, Unterricht nacharbeiten... davon solltest du mal reden." "Ach das... das glaubt uns doch sowieso nie jemand. Und wie viel Spaß das macht, kann man auch nicht erklären - das muss man selbst erleben."