Serie: Mein Projekt für Berlin

Bei Anruf Großmutter

Ein Hilfsdienst am Lietzensee bringt Familien mit Paten zusammen, die Großeltern ersetzen sollen

Ersatz-Großeltern in der Großstadt zu finden ist gar nicht so einfach. Weil die Mitarbeiterinnen im Nachbarschaftshaus am Lietzensee aber wissen, wie dringend junge Mütter und Väter familiärer Unterstützung bedürfen, haben sie Mitte Juni einen Großeltern-Hilfsdienst ins Leben gerufen. Er soll ältere Menschen als Paten mit jungen Familien zusammenbringen. Dabei geht es um stundenweise Entlastung, aber auch darum, Kontakte zu knüpfen, zu plaudern oder mal am Wochenende gemeinsam einen Ausflug zu machen.

Dass der Bedarf groß ist, zeigte sich schon beim ersten Informationstreffen im Nachbarschaftshaus. 13 interessierte Familien und neun Ehrenamtliche, die sich um eine Patenschaft bewerben, waren zum ersten Treffen des Großeltern-Hilfsdienstes gekommen.

Das Nachbarschaftshaus kennen viele der Eltern bereits. Dort sind 70 Bürger ehrenamtlich tätig, es gibt die unterschiedlichsten Kursangebote, speziell auch für Eltern und Kinder. Seit 2005 fungiert die Einrichtung als Stadtteilzentrum für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.

"Die Chemie muss stimmen"

Bevor die Großeltern und Familien beim geplanten Großeltern-Hilfsdienst zueinanderfinden können, trägt sich jeder beim ersten Treffen in eine Liste ein. Die ehrenamtlichen Helfer werden dann in persönlichen Gesprächen herausfinden, wer zu wem passen könnte.

"Das Wesentliche ist, dass die Chemie stimmt, alles andere muss sich ergeben", sagt Daniela Wolf, als sie den Zettel ausfüllt. Sie wünscht sich für ihren 13 Monate alten Bruno etwas Unterstützung. Erst vor vier Jahren ist die Kulturmanagerin, die im Haus der Kulturen der Welt arbeitet, mit ihrem Mann von Mexiko-Stadt nach Berlin gezogen. Schon die Großeltern väterlicherseits waren von Wien nach Peru ausgewandert, mütterlicherseits von Bayern nach Argentinien. In Mexiko, wo die meisten ihrer Verwandten jetzt leben, hat die 38-Jährige eine deutsche Schule besucht, sodass sie perfekt Deutsch spricht. Aber die Oma, die mal schnell einspringt, fehlt in Berlin eben doch.

Das geht auch Liane Spohr so, die ihre beiden Söhne Felix (5) und Moritz (4) zum Treffen mitgebracht hat. Sie lebt von ihrem Mann bereits zweieinhalb Jahre getrennt, und die beiden Omas der Jungs wohnen weit entfernt von Berlin in Heppenheim und Bochum. Die alleinerziehende Mutter möchte möglichst schnell wieder arbeiten. Auch deshalb wünscht sie sich Unterstützung: "Ich bin auf Entlastung angewiesen, sonst geht es nicht." Eigentlich hatte sie sich erhofft, als biologisch-technische Assistentin schon längst wieder arbeiten zu können: "Ich möchte doch nicht auf Dauer von Hartz IV leben müssen." Doch den ersehnten 30-Stunden-Job hat sie noch nicht bekommen. "Meine Kinder sind zwar im Kinderladen ganztags betreut, aber wahrscheinlich denken Arbeitgeber, dass sie mit einer alleinerziehenden Mutter doch häufiger Ausfälle haben. Dabei sind wir zum Glück so gut wie nie krank", sagt die 43-Jährige lachend. Sie ist zwar bereits fast acht Jahre aus ihrem Job heraus, absolvierte in dieser Zeit aber auch eine Heilpraktikerausbildung - neben der Bertreuung ihrer Kinder.

Nachdem sich jeder im Saal des Nachbarschaftshauses im Untergeschoss in die Listen eingetragen hat und das Gespräch über Allgemeines wie ein Führungszeugnis, das für das ehrenamtliche Engagement vorgeschrieben und kostenfrei in den Bürgerämtern zu haben ist, sein Ende gefunden hat, kommen Einzelne noch zum Plaudern in den Garten. Wie es der Zufall will, sitzen Liane Spohr und Anja Kleye zusammen auf dem Rasen. Die 50-Jährige hat selbst keine Kinder und kann sich gut vorstellen, ein- bis zweimal die Woche etwas mit Kindern zu unternehmen. Aus gesundheitlichen Gründen sei sie Frührentnerin, aber interessiert und fit genug, sich für andere zu engagieren, sagt sie. Die ehemalige Krankenschwester, die noch drei andere Berufe erlernt hat, unter anderem Heilpraktikerin, engagiert sich schon seit einem Jahr ehrenamtlich in einem Hospiz und sagt: "Auch das kann Spaß machen."

Inzwischen haben sich die alleinerziehende Mutter, ihre beiden Jungen und Anja Kleye schon zweimal getroffen. Zufälligerweise wohnen sie auch nicht weit voneinander entfernt, die Familie in Moabit, die möglicherweise künftige Patin in Wedding. Die Treffen hatten sich spontan durch das Kennenlernen auf dem Rasen des Nachbarschaftshauses ergeben. Bei den Besuchen haben Felix und Moritz Anja Kleye sofort mit in ihr Kinderzimmer gezogen, um ihr die Spielsachen zu zeigen. Dass ihr Engagement dauerhaft sein kann, hat Anja Kleye schon bewiesen. Das Kind, das sie als Studentin zunächst betreut hatte und schließlich mit großzog, weil sich die Eltern trennten, wird bald 22 Jahre alt und studiert in Bremen. Den Werdegang ihres Schützlings hat sie nie aus den Augen verloren.

Uwe Kretschmer (52), von Beruf Chemiker, wünscht sich für seine 16 Monate alten Zwillinge Amelie und Philipp aus einem ganz anderen Grund als die alleinerziehende Mutter eine ältere Bezugsperson: "Babysitten ist nicht das Problem, da gibt es Studenten oder auch Nachbarn. Ich wünsche mir jemanden Älteren, der unseren Kindern Werte vermittelt." Auch er erhofft sich dafür eine verlässliche und langjährige Beziehung zu einer Patin. Das Alltägliche sei geregelt. Seine Frau werde demnächst wieder als Übersetzerin arbeiten, noch aber sei sie in Elternzeit.

"Ich liebe Kinder"

Nitza Medina, die wie viele mit dem Rad zum Treffen gekommen ist, wohnt ebenfalls nicht weit vom Nachbarschaftshaus entfernt. Als sie von der Idee hörte, dass dort Großeltern für junge Familien gesucht werden, war sie sofort begeistert. "Meine Tochter ist groß, sie ist 34 Jahre alt und lebt ihr eigenes Leben, ich aber liebe Kinder und möchte helfen", sagt die 64-Jährige, die 1973 von Israel nach Berlin zog. Dreimal die Woche arbeitet sie als Bürokauffrau, sodass ihr Zeit fürs ehrenamtliche Engagement bleibt.

Weil die Mitarbeiterinnen des Nachbarschaftshauses davon ausgehen, dass der Hilfsdienst sich nach und nach entwickelt, wird im Café "Elternzeit", einem Treffpunkt zum Austausch jeden Montag und Mittwoch (immer 15.30 bis 17.30 Uhr), eine Sprechzeit für dieses Vorhaben eingerichtet. Ab August sollen dann die ersten Kennenlerntreffen stattfinden. Zudem hat der Treffpunkt Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement im Nachbarschaftshaus am Lietzensee e. V., Herbartstraße 25, immer dienstags, 10 bis 13 Uhr, Sprechzeit. Weitere Informationen zum Projekt unter Tel. 303 06 50.