Fassadenstreit

Gegner des Glaserkers legen nach

Im Fassadenstreit über das Jagdschloss Glienicke wollen sich Bürger an die Unesco wenden

Der Streit über die historische Fassade des Jagdschlosses Glienicke geht in die nächste Runde. Gegner des von Max Taut 1963 nachträglich einfügten Erkers wollen mit einem Einwohnerantrag an die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf den Wiederaufbau des Glasanbaus doch noch verhindern.

Seit Monaten streiten Historiker und Architekten, Bürger und Politiker darüber, ob die parkseitige Fassade des Jagdschlosses nach den Plänen von Albert Geyer aus dem Jahr 1889 wiederhergestellt werden oder ob Max Tauts Umbauten übernommen werden sollten. Der Bezirk hatte wegen des Streits zeitweilig sogar einen Baustopp verhängt. Landeskonservator Jörg Haspel und der Senat hatten sich schließlich aber entschieden, die Tautschen Elemente wieder aufzubauen. Sie seien wichtige bau- und zeitgeschichtliche Dokumente, so die Begründung.

Jetzt sammeln Bürgerinitiativen Unterschriften, um per Einwohnerantrag den Wiederaufbau des Glaserkers zu stoppen. BVV und Bezirksamt werden demnach aufgefordert, sich mit einem "dringenden Hilferuf" an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und den Senat zu wenden, "damit die Bauarbeiten am Jagdschloss Glienicke so wie von BVV und Bezirksamt gewollt mit dem Nachbau der historischen Geyer-Fassade vollendet werden können". Der Regierende Bürgermeister müsse endlich "die Notbremse ziehen, um diese Verfremdung der historischen Fassade zu verhindern", sagte Annette Ahme von der Bürgerinitiative "Schöne Mitte - Schöne Stadt".

1000 Unterschriften müssen die Anhänger der historischen Fassade sammeln, damit sich die BVV mit dem Einwohnerantrag befasst. In der ersten Sitzung nach der Sommerpause, am 15. August, soll der Einwohnerantrag behandelt werden, hofft Annette Ahme. Karin Berning von der Initiative Weltkulturerbe Glienicke hat sich zudem an das Weltkulturerbe-Zentrum der Unesco in Paris gewandt. "Ich habe darum gebeten, dass sie einen Gutachter schicken, der sich die Sache ansieht", sagte die Lichtenraderin am Montag. Der Wiederaufbau des Taut-Erkers aus den 60er-Jahren sei mit dem Status eines Weltkulturerbes nicht vereinbar, ist Karin Berning überzeugt.

Auch eine Petition an das Berliner Abgeordnetenhaus bereiten die Gegner des Glaserkers derzeit vor. Die Landespolitiker werden aufgefordert, einen sofortigen Baustopp für den Taut-Erker zu beschließen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung reagiert zurückhaltend auf die Ankündigungen der Bürgerinitiativen. "Es ist eine gemeinsame Entscheidung von Oberer und Unterer Denkmalschutzbehörde gefallen. Auch der Bezirk war daran beteiligt", sagte Sprecherin Daniela Augenstein lediglich. Norbert Schmidt (CDU), Baustadtrat in Steglitz-Zehlendorf, widerspricht entschieden: "Es gibt kein Einvernehmen zwischen dem Landesdenkmalamt und dem Bezirk in Sachen Taut." Der Bezirk sei aber verpflichtet, den Vorgaben des Landes zu folgen.

Angesichts des Baufortschritts werde vermutlich nur noch die Senatsverwaltung für Bildung als Bauträger den umstrittenen Erker verhindern können. "Andernfalls wird dieses schändliche Werk wohl errichtet werden", erwartet Schmidt. Bei der Senatsbildungsverwaltung, die das Schloss als Jugendbildungsstätte nutzt, will sich niemand zum Fassadenstreit äußern. "Wir sind als Nutzer daran interessiert, dass die Arbeiten bald abgeschlossen sind", so Sprecher Thorsten Metter. Die Bauarbeiten an der Gartenfassade des Jagdschlosses Glienicke sollen nach der bisherigen Planung im September abgeschlossen sein.