100 Dinge in Berlin

Einem Mythos auf der Spur

Die Tour durch den alten Tempelhofer Flughafen ist eine Reise in die Berliner Geschichte

Wollen Sie mal einem Denkmal aufs Dach steigen und unbekannte Unterwelten eines der größten Gebäudekomplexe der Welt kennenlernen? Das ist im ehemaligen Flughafen Tempelhof möglich - bei einer der täglichen Touren durch den geschichtsträchtigen Bau, die ungewöhnliche Einsichten gewähren.

Der Ausblick vom Dach ist grandios, die Weite mitten in der Stadt einzigartig. Von der Plattform auf der Haupthalle des ehemaligen Airports reicht die Sicht an diesem sonnigen Sommertag über das Rollfeld und die 240 Hektar große Parklandschaft des einstigen Flugfeldes weit hinaus. Das mit Menschen belebte Grün der beliebten neuen Freizeitfläche Berlins scheint in der Ferne fast im Himmel zu verschwinden. Die Drachen der Besucher und die Segel der Kite-Surfer sind am Horizont als bunte Flecken zu erkennen. Der Superlativ "Höhepunkt" mag abgegriffen sein. Auf diese Station der zweieinhalbstündigen Führung durch das weltbekannte Denkmal trifft er aber zu.

Auch wenn hier oben auf den hölzernen Bohlen ebenso deutlich wird, dass der ehemalige Flughafen Tempelhof keineswegs ausschließlich Inbegriff positiver Assoziationen ist. Der Prestigebau der Nationalsozialisten bleibt Zeugnis von deren Ideologie und Gigantomanie. So sollte das bis zu 40 Meter auskragende und 1,2 Kilometer lange Dach über den Hangars zur Tribüne für mehr als 80.000 Menschen werden. Hitler wollte in seinem "Luftstadion" jährlich die neuesten Kampfflieger präsentieren. Doch die Tribüne wurde nie realisiert. Selbst die neue Haupthalle des Flughafens wurde erst am 2. Juli 1962 eröffnet - 25 Jahre nach der Vollendung des Rohbaus.

Weite Strecken

Man sollte gut zu Fuß sein bei der abwechslungsreichen Tour. Zwar präsentieren die fachkundigen Fremdenführer natürlich nur die Höhepunkte der 284.000 Quadratmeter Grundfläche mit ihren allein 9000 Büroräumen, trotzdem werden in dem riesigen Gebäude dabei weite Strecken abgelaufen.

Treppauf, treppab, durch riesige Hallen, Innenhöfe, über Straßen und lange Flure leitet an diesem Tag Elke Dittrich die Teilnehmer der Führung. Bevor die 52-Jährige, die über den Flughafenarchitekten Ernst Sagebiel (1892-1970) promoviert hat, die Gruppe auf das Dach führt, geht es hinunter zum tiefsten Punkt des Gebäudes. Dreieinhalb Stockwerke im schmalen Treppenhaus hinab, vorbei an dem eigenen Heizkraftwerk der Anlage, erreicht man eines der vielen Kapitel in der Geschichte dieses Ortes.

An den Wänden klebt schwarzer Ruß. Vereinzelt sorgen Lampen für Licht, an manchen Stellen bröckelt der Beton. Es ist eng und kalt hier unten, aber auch spannend. Hier, in knapp zwölf Metern Tiefe, wirkt der Mythos der gigantischen Flughafenanlage angeschlagen. Fast ein wenig unheimlich, wie das Setting eines Thrillers. Eine Assoziation, die nicht mal verkehrt ist. Denn dieser Ort hat zwar nichts mit Fiction, aber mit Film zu tun. Eine der fünf Kammern des Bunkers ist bei Kriegsende komplett ausgebrannt. Sowjetische Truppen öffneten die geheimen Kellerräume mit einer gewaltsamen Sprengung der vorgelagerten dicken Stahltür. Die Flammen vernichteten alles. Denn in diesem Bunker lagerte die Hansa Luftbild, eine Tochter der 1926 in Berlin gegründeten Deutschen Luft Hansa AG, ihre hochexplosiven Nitrofilme. Diese mittlerweile wegen ihrer Gefährlichkeit verbotenen Filmträger verbrennen, sobald sie mit einer Hitzequelle in Berührung kommen. Was auf dem hier eingelagerten Material genau zu sehen war, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Wahrscheinlich waren militärische Luftbildaufnahmen darunter.

Ortswechsel: der Frachthof. Von diesem Hof aus - in den Jahren 2007/2008 einer der Drehorte des Hollywoodstreifens "Operation Walküre" und heute unter anderem Lagerplatz für Firmen -, steigt die Tour erneut in den Keller des Flughafens hinab. Diesmal in den ehemaligen Luftschutzbereich. Der Flughafen Tempelhof war einer der ersten öffentlichen Bauten mit Luftschutzbunker. Sie standen der Bevölkerung bei Bombenalarm offen. Den mehr als 2000 Zwangsarbeitern, die während des Zweiten Krieges in Tempelhof Kampfflugzeuge und Kriegsgerät für das NS-Regime montieren mussten und auf dem Feld in Lagern hausten, blieb der Schutz allerdings verwehrt. Am Columbiadamm stand das Konzentrationslager Columbia-Haus, eines der ersten Konzentrationslager der Nationalsozialisten in Deutschland. Angesichts dieser Realitäten scheinen die heute noch gut lesbaren, aufmunternden Sprüche und Malereien nach Wilhelm Busch auf den weißen Kellerwänden besonders grausam: "Begeistert blickt er in die Höh: Willkommen herrliche Idee."

Spuren der US-Streitkräfte

Neben dem Eisenbahn- und Straßentunnel unter der Haupthalle des Flughafens ist der wohl ungewöhnlichste Bereich im Gebäude selbst die Basketballhalle. Fünf Stockwerke über der Haupthalle, die nach der Inbetriebnahme des zivilen Luftbetriebs im Jahr 1951 in Tempelhof mit Fluggästen belebt war, existiert tatsächlich ein richtiges Basketballfeld. Nach den Planungen von Architekt Sagebeil war die Fläche ursprünglich für einen Bankettsaal vorgesehen. Doch zu den vielen Geschichten und der wechselhaften Historie des ehemaligen Flughafens gehören eben auch die unzähligen amerikanischen Soldaten, die hier von 1945 bis 1993 ihren Dienst taten, teilweise sogar wohnten und das Areal prägten - auch mit ihren Freizeitaktivitäten.

Die Spieler der Berlin Braves - des Basketballteams der US Air Force - warfen hier beim Training eifrig Körbe. Seit dem Abzug der US-Armee fristet die denkmalgeschützte Sporthalle allerdings ein Dornröschenschlafdasein. Im Gegensatz dazu geht es in der imposanten 100 mal 50 Meter großen Haupthalle, die natürlich auch als eine Station zur Führung gehört, oft geradezu hoch her. Seit der Schließung des Flughafens im Oktober 2008 ist die Halle ein gefragter Ort für Events wie Berlinale- oder Modewoche-Partys. Wenn hier jedoch nicht gerade eine Großveranstaltung läuft, wirken die 15 Teilnehmer der Tour fast ein wenig ehrfürchtig in dem riesigen Raum, der schon allein durch seine Größe beeindruckt. Genau wie die Weite des Tempelhofer Felds.