Gewaltzunahme

Wieder Schüsse im Rocker-Milieu

Zwei Männer werden vor einem Klubhaus in Gesundbrunnen von unbekannten Tätern niedergeschossen. Senator ist alarmiert

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Rockergruppierungen haben einen neuen Höhepunkt erreicht. In der Nacht zu Donnerstag wurden zwei Männer, die den Bandidos angehören, in Gesundbrunnen niedergeschossen und schwer verletzt - direkt vor dem Klubhaus des Bandidos MC Eastgate an der Provinzstraße. Die erst kürzlich neu aufgestellte Task-Force gegen Rockerkriminalität hat die Ermittlungen übernommen. Offizielle Angaben zu den Hintergründen der Tat gibt es zwar nicht, doch deutet alles darauf hin, dass hinter dem Mordanschlag wieder Konflikte über das zuletzt ins Wanken geratene Machtgefüge der Rocker in Berlin stehen.

Die Provinzstraße am Donnerstag, wenige Minuten vor 23 Uhr: Im Bandido-Quartier herrschte viel Betrieb, eine Zusammenkunft von Angehörigen verschiedener Chapter war in vollem Gange, als mehrere Schüsse fielen. Auf dem Gehweg brachen zwei Männer getroffen zusammen. Einen traf ein Projektil im Rücken, der andere wurde am Bein verletzt. Die Täter konnten unerkannt entkommen.

Rund 50 Bandidos überprüft

Die um 22.52 Uhr alarmierten Rettungswagen der Feuerwehr trafen sechs Minuten nach den Schüssen ein. Sanitäter versorgten die 33 und 38 Jahre alten Verletzten, bevor sie in die Virchow-Klinik der Charité im Wedding eingeliefert wurden. Wenig später trafen etwa 50 Polizeibeamte in der Provinzstraße ein. Wie nach Schusswaffengebrauch oder bei Rockerrazzien üblich, rückte zusätzlich ein Spezialeinsatzkommando an. Die SEK-Beamten mussten in dieser Nacht aber nicht eingreifen. Freiwillig ließen die 40 bis 50 Bandidos ihre Personalien außerhalb des Klubgeländes überprüfen. Erst weit nach Mitternacht war die Kontrolle beendet, alle Personen durften anschließend auf das Klubareal zurückkehren. Festnahmen gab es keine, ebenso wenig Anhaltspunkte zu den Tätern. Bis auf Patronenhülsen, die nach der Schießerei von Kriminaltechnikern gesichert und dokumentiert wurden.

Die Ermittlungen zu den Schüssen übernahm die 8. Mordkommission, unterstützt vom Fachkommissariat für Rockerkriminalität. Zusätzlich ist laut Polizei die neu geschaffene "Task-Force Rocker" mit zehn Staatsanwälten in die Ermittlungen eingeschaltet. Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, sollen die angeschossenen Rocker keine hochrangigen Bandidos sein. Möglich sei, dass seitens der konkurrierenden Hells Angels Druck auf die Bandidos ausgeübt werden sollte, um weitere Mitglieder zu Übertritten zu bewegen, sagte ein szenekundiger Beamter am Donnerstag. Hintergrund könnten aber auch Streitigkeiten über beabsichtigte Übertritte zu den Hells Angels sein. Die Polizei wollte angesichts der erst begonnenen Ermittlungen offiziell keinen Kommentar abgeben.

Auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) wollte über den Anschlag nicht spekulieren. "Wir nehmen diese Vorfälle sehr ernst. Wir werden das kriminelle Rockermilieu weiter mit hoher Intensität und Priorität verfolgen. Die Polizei zeigt starke Präsenz und übt Druck aus", sagte Henkel. Der innenpolitische Sprecher der Grünen, Benedikt Lux, verurteilte den Anschlag scharf. "Der Vorfall zeigt, dass es im Umfeld von Rockern immer wieder zu höchst gefährlichen Straftaten kommt", sagte Lux. Hinsichtlich des von Innensenator Henkel verfügten Verbots der Hells Angels Berlin City forderte Lux am Donnerstag weitere Anstrengungen. "Es reicht nicht aus, nur einen Rockerklub zu verbieten, denn die Straftaten werden weiterhin begangen", sagte der Grünen-Abgeordnete.

Nach Jahren bewaffnet ausgetragener Fehden der konkurrierenden Rockergruppen und ständiger Razzien in Vereinslokalen hatte der Innensenator Ende Mai schließlich den Druck auf die Rocker erhöht und die Berliner Gruppe Hells Angels Berlin City unter Führung des Türken Kadir P. verboten. In den späten Abendstunden des 29. Mai hatte die Polizei den Hells Angels Berlin City die 38 Seiten starke Verbotsverfügung übergeben. Die Beamten begannen damals sofort damit, sämtliches Inventar in dem Vereinsheim, darunter auch Motorräder, zu beschlagnahmen. Allerdings waren die Rocker im Vorfeld der Razzia gewarnt worden und hatten ihre Sachen zuvor schon weggebracht. Wer die geplante Durchsuchung verraten hatte, ist bis heute unklar. Die Polizei sucht seitdem zwar nach dem "Maulwurf" in den eigenen Reihen - bislang ohne Erfolg, wie es aus dem Präsidium heißt.

Mordanschlag auf André S.

Nach dem Verbot der Hells-Angels-Gruppe startete die Polizei in Berlin und Brandenburg weitere Razzien, etwa gegen die Hells Angels in Potsdam oder gegen die Bandidos in Hennigsdorf und Berlin. Dabei erfolgten Festnahmen wegen bandenmäßigen Drogenhandels. Trotz des Verbots und der Razzien setzte sich der Rockerkrieg in Berlin jedoch fort und eskalierte mit dem Mordanschlag auf den Chef der Hells Angels Nomads André S. In der Nacht zum 10. Juni wurde der Rocker-Chef auf der Zingster Straße in Hohenschönhausen angeschossen. Passanten entdeckten den 47-Jährigen gegen drei Uhr. Insgesamt sechs Schüsse sollen auf ihn abgefeuert worden sein. Mit lebensgefährlichen Verletzungen wurde der Rocker in ein Krankenhaus gebracht.

Wer auf André S. geschossen hat, ist bislang noch ungeklärt. Er selbst konnte das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen.