Unterschriftenaktion

Kein Verständnis für Taut

Vor dem Jagdschloss sind sich Radfahrer, Spaziergänger und viele Jogger einig: Der Glaserker passt nicht zum Ensemble

Wie so oft spaziert Wolfgang Oelkers auch an diesem Morgen mit Hund Lilly am Jagdschloss Glienicke vorbei. Die Kleinpudeldame muss immer wieder wegen vorbeifahrender Bagger zur Seite springen. Seit Jahren geht der 76-Jährige diese Runde, seit Jahren führt sie nun vorbei an einer Baustelle. Der Arzt aus Wannsee hat den Wiederaufbau nach dem Brand 2003 miterlebt, die täglichen Fortschritte verfolgt. Er kennt auch den Streit über das große, von Planen verhüllte Loch in der Fassade. Und ist nur zu gern bereit, sich dazu zu äußern. "Natürlich habe ich eine Meinung zur Fassade", ruft der resolute Herr schon von Weitem. Er kommt heran, um sein Urteil zu verkünden: "Für den Taut-Erker habe ich kein Verständnis."

Über dem Park liegt an diesem Morgen noch immer feuchter Dunst. Nur ab und zu zerreißt das Donnern der Baumaschinen die Stille. Auf der Wiese vor dem Jagdschloss wird der Brunnen aus dem Jahre 1890 rekonstruiert. Dafür zuständig ist Manfred Scharweit. Der Landschaftsarchitekt will sich nicht zur Fassade äußern und vor allem nicht dazu, ob der Glaserker von Max Taut oder die historische Front von Albert Geyer wiederaufgebaut werden sollten. Über die Sanierung des Brunnens gibt er aber bereitwillig Auskunft. Bis August werden die Betonplatte und die Einfassung mit neuen Steinen ausgebessert. Dann soll die Fontäne wie vor 120 Jahren wieder in die Höhe schießen.

Fast aus dem gleichen Jahr wie der Brunnen stammt die Fassade von Albert Geyer. Doch während der Brunnen wieder aufgebaut wird, soll es die dazu passende Schlossansicht nicht mehr geben. 1889 stockte Geyer den Mittelbau auf und fügte einen Turm hinzu. Der Eingang erhielt eine herrschaftliche Freitreppe zum Garten. Das alles verschwand, als Max Taut 1963 einen Glaserker an die Stelle der Treppe setzte, damit das Gebäude als Jugendbegegnungsstätte genutzt werden konnte. Durch den Mauerbau musste er auch den Eingang auf die Gartenseite in den Erker integrieren.

Als sich nach dem Brand herausstellte, dass der Glaserker so marode ist, dass er abgerissen werden muss, begann der Streit, ob Geyer oder Taut erhaltenswert sei. Während Landeskonservator Jörg Haspel den Glaserker als Zeugnis des Kalten Krieges bewahren will, fordern Anwohner, Politiker, Architekten und Denkmalschützer die Rekonstruktion der historischen Fassade.

Sanierung fast abgeschlossen

Mittlerweile ist das Jagdschloss, das aufgrund seiner Bauzeit am Ende des 17. Jahrhunderts dem Barock zugeordnet wird, fertig saniert - bis auf das Stück Fassade. Der Sandstein am Sockel wurde abgeschliffen, die Fassade mit eingefärbtem Putz versehen. "Sehen Sie, wie schön es geworden ist", sagt Wolfgang Oelkers. Da gehöre doch nicht so eine Glasfassade davor. Der 76-Jährige hat schon Unterschriftenlisten für die historische Fassade ausgefüllt. "Es muss ja nicht alles ganz genau wie früher sein, aber wenigstens sollte die Freitreppe wieder in den Garten führen", sagt der Arzt.

Dieser Meinung schließen sich an diesem Tag die meisten Spaziergänger, Jogger und Radfahrer im Schlosspark an. "Schrecklich" sei der Glasbau, sagt Irene Erbe aus Klein Glienicke. Sie kenne das Schloss schon vor dem Brand und finde, dass der Glaserker nicht dazu passe. Genauso sehen es Lilliane und Wilfried Zeuke. "Der Glasvorbau war schlecht integriert und einfach furchtbar", sagen die beiden. Jeden Tag spazieren sie am Jagdschloss vorbei und sind sich einig: Die Fassade von Albert Geyer sei das Original und das müsse wieder aufgebaut werden.

Etwas weiter entfernt im Park, direkt am Teich, spielt eine Mutter mit ihren drei kleinen Kindern. Sie ist geteilter Meinung. "Ich fand die Glasfassade nicht schön", sagt die gebürtige Französin. Noch schlimmer finde sie aber das Machtspiel der Politiker. Sie denke dabei an den vom Bezirk verhängten Baustopp. Unproduktiv sei das gewesen und hätte Monate Zeitverlust bedeutet. Ihr sei es wichtig, dass der Bau endlich abgeschlossen werde.

Offenbar geht es aber beim Wiederaufbau des Taut-Erbes nicht nur um ein ästhetisches Problem. Wolf-Borwin Wendlandt war 25 Jahre in der Berliner Denkmalpflege tätig und hat bis vor drei Jahren die Sanierung des Jagdschlosses begleitet. Für die Entscheidung seines ehemaligen Chefs, Landeskonservator Jörg Haspel, hat er überhaupt kein Verständnis. Die Frage sei doch gewesen, so Wendlandt, warum der Glaserker so marode war, dass er komplett abgerissen werden musste. Er liefert die Antwort sofort hinterher: "Weil die ganze Eisenkonstruktion auf bauphysikalisch schwachen Füßen stand." Tauwasser habe eindringen können und habe für Rostbefall gesorgt. "Das zarte Gerüst des Glaserkers ist nicht zu rekonstruieren", sagt der Architekt. Allein die heutigen Vorgaben an Statik und Wärmedämmung würden etwas ganz anderes daraus machen. Wenn aber der Taut nicht zu rekonstruieren sei, liege es auf der Hand, das Mauerwerk wie bei Albert Geyer zu schließen. Das sei auf jeden Fall möglich.

Ihre Meinung ist gefragt: Soll der Glaserker von Max Taut von 1963 wieder aufgebaut werden oder die historische Fassade von Albert Geyer von 1889? Schreiben Sie uns: Berliner Morgenpost, Stichwort Jagdschloss Glienicke, Brieffach 3110, 10888 Berlin. Oder mailen Sie uns: aktionen@morgenpost.de