Sozialpolitik

Hausbesetzer im Rentenalter

Freizeittreff soll geschlossen werden, deshalb kampieren die Senioren in dem Gebäude in Pankow

Sie sind zum Äußersten entschlossen. Doris Syrbe (72), Margret Pollak (67) und mehr als 30 andere Rentner sind zu Hausbesetzern geworden. Sie wollen ihre Begegnungsstätte an der Stillen Straße 10 in Niederschönhausen nicht kampflos aufgeben. Seit vergangenem Freitag kampieren die Senioren in den Räumen der Villa, haben Pritschen aufgestellt und Zahnputzzeug mitgebracht. Denn an diesem Tag sollte der Treff endgültig schließen. Das Bezirksamt Pankow und die Bezirksverordnetenversammlung haben das beschlossen, um Geld zu sparen. Sie wollen, dass die 29 Kurse des Freizeittreffs, darunter Schach, Gymnastik, Gedächtnistraining, Malen und Englisch, an verschiedenen Einrichtungen in der Umgebung weitergeführt werden. Und dass der Liegenschaftsfonds das Gebäude verkauft.

Bezirksamt lässt nicht räumen

Eine Lösung ist vorerst nicht in Sicht. Etwa 60.000 Euro zahle der Bezirk im Jahr für das Haus, sagte die Pankower Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) am Dienstag. Langfristig müsse das Gebäude saniert und barrierefrei umgestaltet werden. "Das kostet mehr als zwei Millionen Euro." Sie könne den Haushaltsbeschluss zur Schließung der Freizeitstätte nicht einfach in den Ferien aufgeben und stattdessen eine andere Einrichtung schließen, so die Stadträtin. Sie habe jedoch nicht vor, das Haus räumen zu lassen, sondern wolle ein Gespräch mit den Besetzern führen. "Wir stellen uns auf einen längeren Kampf ein", sagt Doris Syrbe, Leiterin des Seniorentreffs. Die Besetzung soll so lange dauern, bis eine Lösung im Sinne der Rentner gefunden ist. Diese wollen bleiben, würden aber auch einen anderen Standort akzeptieren, in dem alle Gruppen Platz haben. Doch Stadträtin Zürn-Kasztantowicz sagt: "Ich kann keinen anderen Standort anbieten, ich habe kein anderes Objekt zur Verfügung."

Mehr als 300 Senioren besuchen die Villa, die von Montag bis Freitag in der Zeit von 9 bis 17 Uhr geöffnet ist. Vorerst haben sich die Hausbesetzer nachts auf die einzelnen Räume verteilt. Mit dabei auch Margret Pollak (67). "Wir haben einen langen Atem", sagt die einstige OP-Schwester. Weil der Warmwasserboiler kaputt ist, müssen die Rentner mit kaltem Wasser vorlieb nehmen. Aber das schreckt sie nicht. Margret Pollak kommt seit vier Jahren an die Stille Straße 10. Sie gehört zum Klubvorstand des Seniorentreffs, kümmert sich zum Beispiel um Geburtstage. Sie erzählt von Faschingsfeier, Frühlingsfest und Weihnachtsfeiern, die die Rentner im Haus organisieren. "Der Treff ist mein zweites Zuhause", sagt sie. 43 Jahre lang habe sie gearbeitet. "Wir werden alle älter. Da braucht man Kontakte zu anderen." Der Älteste im Haus sei ein 96-Jähriger. Er nimmt, wie Margret Pollak, an den Gymnastikkursen im Keller teil. Dort gibt es Matten, Bälle, Hanteln und Stangen. Zur Weihnachtsfeier habe er getanzt, erzählt sie. "Es war herrlich. Aber das ist die Gemeinschaft." Auch während der Besetzung sollen die Kurse weiterlaufen - doch das Bezirksamt habe am Montag die Kellerräume abschließen lassen, erzählt Doris Syrbe. "Wir mussten die, die zum Kurs gekommen sind, wieder nach Hause schicken." Auch der Raum, in dem die PCs standen, ist verschlossen worden, die Computer sind bereits abtransportiert. Doch die Sprachkurse finden weiterhin statt. Die Singegruppe trifft sich. Es wird auch in dieser Woche Schach gespielt, gemalt und gezeichnet.

Seit 1998 gebe es den Freizeittreff an der Stillen Straße 10, erzählt Doris Syrbe. Das Haus sei Mitte der 30er-Jahre gebaut worden. Es war auch die ehemalige Residenz von DDR-Stasi-Minister Erich Mielke, die nach der Wende zum Standort des Kulturamtes wurde und danach zur Begegnungsstätte. Lange hatten die Senioren vergeblich gegen die Schließung des Hauses protestiert. "Wir waren in den vergangenen Monaten zu jeder Sitzung der BVV", sagt Margret Pollak. Doch die Haltung der Politiker habe sich nicht geändert. "Man hat uns andere Orte genannt, an denen die Kurse stattfinden sollen." In einem Jugendtreff zum Beispiel, in einem Seniorenheim und in einer Kita - doch dort seien die Senioren nicht willkommen. "Wir haben gesagt, dass wir das Haus besetzen werden, wenn es keinen anderen Weg gibt", sagt Doris Syrbe. "Aber man hat uns nicht ernst genommen."