100 Dinge in Berlin

"Ich wollte nur durchkommen"

Ehemalige DDR-Häftlinge führen Besucher durch die Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen

Die Rosen führen einen aussichtslosen Kampf. Gelb und Rot blitzten sie hier und da über der kargen Erde im Innenhof auf, rundherum nichts als Mauern und Fenstergitter. Es gehört zu diesem Ort, dass Tristesse hingenommen, ja erwartet wird. Wer das frühere Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen besucht, wird nicht von Schönheitssinn geleitet, sondern von der Neugier auf Vergangenheit. Und vom Wunsch nach Wissen und Verstehen.

An diesem Morgen kommt das Wissen sehr agil um die Ecke, in Gestalt von Harry Santos. Jahrgang 1955, hochgewachsene Gestalt, gestutzter Vollbart, über dem Baumwollstrickpullover hängt ein gemustertes Halstuch. Santos kennt die Klischees, für Bartträger schon: Ja, Kontakte in die Bürgerrechtsbewegung der DDR gab es. " Aber ich war kein Held", wird er während der Führung sagen, und: "Ich war brav hier. Ich wollte nur durchkommen". Als politischer Gefangener saß Santos Anfang der 80er-Jahre ein, in der Untersuchungshaftanstalt am Alexanderplatz, in Neu-Strelitz, Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt). Auch in Hohenschönhausen war er kurze Zeit. Heute ist er einer von 65 Besucherführern, die Besucher in zweistündigen Touren durch die ehemalige Haftanlage an der Genslerstraße geleiten, mit ihrem Gewirr langer Gänge, karger Zellen und muffiger Verhörräume. 45 von den 65 Führern sind frühere Häftlinge. "Geschichte", lobt ein Besucher im Gästebuch, "sollte immer von Zeitzeugen erzählt werden."

Die ältesten Besucherführer erlebten noch das sowjetische "Speziallager Nr. 3". Später folgte die Phase des sowjetischen Untersuchungsgefängnisses im Keller. "U-Boot" wurde dieser Trakt mit seinen fensterlosen, feuchten Zellen genannt. Ob man nicht mal kurz zumachen könne, fragt jemand in Santos' Gruppe, als sie in der Zelle stehen, und zeigt auf die dicke Stahltür. Auf keinen Fall", entgegnet der sehr schnell und sehr bestimmt und erzählt davon, wie den Inhaftierten nach kurzer Zeit die Haare schimmelten. Und davon, wie aus einer Gruppe von Linken-Politikern einer hinter ihm und anderen Besuchern einmal die Tür zuschlug und dagegentrat. Man muss Santos nur anschauen beim Reden, um zu ahnen, was das aufwühlte. Auch er verbrachte in Chemnitz einige Wochen in einer solchen Zelle.

Im zu seiner Zeit längst neu errichteten Untersuchungsgefängnis der Stasi in Hohenschönhausen wusste Santos bis zum Schluss nicht, wo er sich befand. Ampeln auf den Fluren, deren PVC-Belag mal mit Fliesen-, mal mit Dielen-Imitation noch immer DDR-Geruch ausströmt, verhinderten, dass sich die Inhaftierten jemals sahen. Ständig wurde verhört, 120 Verhörräume hat der fünfstöckige Bau. Zellen gibt es 101, die größten für drei Insassen.

Vom Inventar des Stasi-Knastes ist wenig erhalten. Hier und da ein Wählscheiben-Telefon, etwas Überwachungstechnik des ehemals modernen Hochsicherheitsgefängnisses. Eine Zelle ist mit Bettzeug und Häftlingspantoffeln ausgestattet. Die Gefangenenwaggons des "Grotewohl-Express" genannten Häftlingszuges werden immer donnerstags gezeigt. Das Haftkrankenhaus, Teil einer Führung am Mittwoch, ist mittlerweile fast leer geräumt. Umso eindringlicher sind die Berichte der Zeitzeugen. Der Besuch lohnt sich.

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstraße 66, 13055 Berlin, Tel. 98 60 82 30, www.stiftung-hsh.de , öffentl. Führungen Mo.-Fr. stündlich 11 bis 15 Uhr, Sa/So/feiertags 10 bis 16 Uhr, Eintritt 5, erm. 2,50 Euro