U-Bahn-Tunnel

Einmal in den Untergrund

7000 Berliner erkunden U-Bahn-Tunnel an der Friedrichstraße - Sperrung dauert 16 Monate

Es gibt Momente, da beginnt selbst BVG-Chefin Sigrid Nikutta am Geschäftsmodell ihres Unternehmens ein wenig zu zweifeln. Ein solcher Moment kam für die 43-Jährige am Sonntagmorgen, als bereits kurz vor 8 Uhr Hunderte Menschen vor dem U-Bahnhof Friedrichstraße in Mitte anstanden. Nicht etwa, um von dort weiter mit dem Zug zu fahren. Sie wollten sich vielmehr ein Ticket für einen Fußmarsch durch den U-Bahn-Tunnel sichern. "Eigentlich sind wir ja ein Beförderungsunternehmen. Ich hätte nie gedacht, dass wir mit der Idee eines Tunneltages auf eine solche Resonanz stoßen", sagte Nikutta.

Erstmals konnte die in Ostwestfalen aufgewachsene Managerin ein ganz spezielles Berlin-Phänomen erleben: Mache eine Großbaustelle zugänglich und die Berliner kommen in Scharen zum Schauen. Wenn es dann auch noch etwas umsonst gibt - in diesem Fall Kaufhaus-Gutscheine und kleine BVG-Souvenirs - ist der Andrang gleich doppelt so groß.

Zu denen, die sich fast eine Stunde lang für ein Tunneltag-Ticket angestellt haben, gehörte Hans Orner. "Ich bin hier ja schon viele Male durchgefahren. Das nun mal so ganz aus der Nähe zu sehen, hat schon irgendwie seinen Reiz", begründete der Wilmersdorfer seinen morgendlichen Ausflug in die Stadtmitte. Auch Andrea Wenner aus Reinickendorf hatte sich auf den gut 500 Meter langen Weg über Schotter und Schwellen bis zum Bahnhof Französische Straße gemacht. "Aus purer Neugier", wie sie anschließend sagte. Beinahe jeden Tag sei sie mit S- oder U-Bahn in der Stadt unterwegs, nun wollte sie unbedingt mal einen Blick hinter die Kulissen werfen. Auch wenn BVG-Mitarbeiter ihr - offenbar wegen des großen Andrangs - im Tunnel selbst nur wenig Zeit zum Umschauen gelassen hätten, fand sie das Bauwerk "ziemlich beeindruckend".

Der neue Bahnhof als Video

Besonders gefiel Andrea Wenner eine Video-Filmprojektion, die die BVG unter der Kreuzung Friedrichstraße und Unter den Linden zeigte. Dort soll der neue Bahnhof entstehen, für dessen Bau die U-Bahn-Linie 6 bis Ende Oktober 2013 zwischen Friedrichstraße und Französische Straße unterbrochen ist. Doch erst Mitte 2019 wird der neue Bahnhof fertig sein, der ein bequemes Umsteigen zwischen der Linie U6 (Alt Tegel-Alt Mariendorf) und der bis dahin verlängerten U5 (dann Hönow-Hauptbahnhof) ermöglichen soll. In dem Videofilm ließ die BVG schon mal die alten Tunnelwände einstürzen, dahinter kam dann der Querschnitt des neuen Kreuzungsbahnhofs "Unter den Linden" zum Vorschein (siehe Grafik).

In einem ersten Schritt wird nun der alte U6-Tunnel auf gut 150 Metern Länge abgerissen, um Platz für die riesige Baugrube unter der Kreuzung zu schaffen. Diese wird dann mit großen, wasserdichten Toren abgedichtet, denn die U6 wird ja auch während der Bauarbeiten fahren. Allerdings nur in den Abschnitten Alt Tegel-Friedrichstraße und Alt Mariendorf-Französische Straße.

Auch über die Baugeschichte der U6-Trasse konnten die am Ende mehr als 7000 Besucher des Tunneltages einiges erfahren. Immerhin war sie die erste U-Bahn-Linie, die von der Stadt Berlin errichtet wurde. Andere Verbindungen waren zuvor von privaten Investoren oder den damals noch selbstständigen Städten Charlottenburg und Schöneberg in Angriff genommen worden. 1913 begonnen, musste der Tunnelbau unter der Friedrichstraße 1918 wieder eingestellt werden. Am Ende des Ersten Weltkriegs mangelte es an Arbeitern, Bewehrungsstahl und Geld. "Nach dem Krieg war sogar geplant, die bereits gebauten Tunnel wieder zuzuschütten", sagte Uwe Kutscher, der für die Instandhaltung des U-Bahn-Netzes zuständig ist. Trotz des Geldmangels infolge der Hyperinflation entschied sich Berlin für den Weiterbau, allerdings in einer äußerst puristischen Version, ohne jedweden Zierrat. Die spartanische Ausstattung der Bahnhöfe zwischen Reinickendorfer Straße und Kochstraße ist eine Folge davon. Nicht einmal für die in Berliner U-Bahnhöfen sonst üblichen Fliesen reichte das Geld. Ein Mangel, der sich heute nicht mehr beseitigen lässt, weil fast alle Bahnhöfe unter Denkmalschutz stehen und daher auch bei Modernisierungen im Design nicht verändert werden dürfen.

U6 bis Oktober 2013 unterbrochen

Die BVG bekam von den Tunnelwanderern am Sonntag auch kritische Fragen zum Bauvorhaben gestellt. "Warum wird die U6 für 16 Monate unterbrochen? Früher hat doch so etwas auch nicht so lange gedauert", fragte ein Mann. In der Tat war etwa die U-Bahn-Station Leopoldplatz beim Umbau zum Kreuzungsbahnhof (von 1959 bis 1961) nur ein halbes Jahr lang gesperrt. U-Bahn-Experte Kutscher begründete die heute längere Frist mit Sicherheitsaspekten. "Früher wurde für den U-Bahn-Bau das Grundwasser abgesenkt. Würde man dies für den bis zu 25 Meter tiefen U-Bahnhof Unter den Linden tun, würde ein Grundwasserkegel entstehen, der bis zum Schloßplatz reicht." Die Holzpfähle, auf denen wegen des morastigen Untergrunds fast alle Gebäude in der historischen Innenstadt gebaut wurden, würden dann trocken stehen, Fäulnis wäre die Folge. Gebäuden wie der Staatsoper oder der Humboldt-Universität droht der Einsturz. Um dies zu verhindern, wird der neue Bahnhof nun in einer wasserdichten Betongrube gebaut. "Sicherheit geht hier eindeutig vor Schnelligkeit", so Kutscher.