100 Dinge in Berlin

Rauf auf die Fähre

Am Müggelsee, Wannsee oder auf der Spree können Passagiere die Stadt auf neue Art entdecken

Am anderen Ufer der Müggelspree dümpelt ein rot-blau gestrichenes Ruderboot vor sich hin. "Winken Sie mal", raten uns zwei Radfahrer, die auf einer Bank an der Rahnsdorfer Kruggasse picknicken. Tatsächlich: Nachdem wir energisch mit den Armen gewedelt haben, taucht der Fährmann aus seinem Unterstand auf, springt am Anleger Spreewiesen in sein Boot und rudert zu uns herüber. "Kaum hat man seine Stulle ausgepackt, kommt garantiert ein Passagier", sagt er, zwinkert gut gelaunt und hilft uns in seine schwankende Fähre der BVG-Linie 24.

Wir befinden uns am südöstlichen Rand Berlins, ganz weit weg von der hektischen Stadtmitte. Rahnsdorf ist ein Sommeridyll mit garantiertem Wasserzugang, eine Sinfonie in Grün und Blau. Besonders an sonnigen Wochenenden lockt die Gegend sehr viele Ausflügler an. Dann kommt es vor, dass Schiffsführer Steffen Breest die Müggelspree bis zu 100-mal überqueren muss, um allen Transportwilligen gerecht zu werden.

Manchmal wird viel gerudert

Neben der Ruderfähre ist an der Rahnsdorfer Kruggasse auch sonst viel zu entdecken. Direkt am Wasser liegt das Fährhaus mit seinem Biergarten, daneben bietet die Fischräucherei Thamm sonnabends und sonntags lecker belegte Brötchen an. Und wer ein paar Schritte weiter zum Anger läuft, kann die alte Kirche, die Schule und schön sanierte Wohnhäuser des denkmalgeschützten Fischerdorfes Rahnsdorf besichtigen.

Die Ruderfähre ist eine von insgesamt sechs Fährverbindungen, welche die Stern und Kreisschifffahrt im Auftrag der BVG bedient. Wer die Hauptstadt vom Wasser aus entdecken will, braucht jeweils nur ein BVG-Ticket und kann zwischen Wannsee und Müggelsee ganz unterschiedliche, in jedem Fall aber attraktive Strecken testen.

So etwa startet an der Kruggasse noch eine zweite Fährlinie: die F23. Sie legt auf ihrer rund 20-minütigen Fahrt zur Haltestelle Müggelwerderweg auch an der Traditionsgaststätte Neu-Helgoland an. "Bei schönem Wetter ist hier alles voll", sagt Schiffsführer Ulf Otto. Vom Ausflugsziel mit Wasserterrasse geht es weiter vorbei am Entenwall und an kleinen Sommerhäuschen, die rechts und links wie hingetupft in der grünen Landschaft stehen. Am Entenwall formt die Müggelspree den Kleinen Müggelsee, wo wir ein paar durchtrainierten Ruderern begegnen, die mit energischen Schlägen übers Wasser gleiten. Schnell ist die Haltestelle Müggelhort erreicht: ,,Von hier aus kann man gut zu den Müggelbergen und zum Müggelturm laufen", erzählt ein Passagier, der sein Fahrrad dabei hat. Nach kurzem Zwischenstopp steuert Ulf Otto die Barkasse durch die sogenannten "Bänke", die direkt an den Großen Müggelsee grenzen. Dabei zeigt er auf einen dichten Teppich von Seerosen: "Da brüten Trauerseeschwalben." Auch die Anlegestelle am Müggelwerderweg ist jetzt zu sehen. Von hier aus sind es mit dem Rad nur wenige Minuten bis zur S-Bahnstation Rahnsdorf.

Platz für 300 Fahrgäste

Eine S-Bahnstation am anderen, südwestlichen Ende der Stadt ist Startpunkt einer weiteren traumhaften BVG-Fährlinie: Wannsee. Von der Anlegebrücke in der Nähe des Bahnhofs startet die Fährlinie 10 nach Alt-Kladow.

Als wir ankommen, ist der Steg bereits voller Menschen, denn die ganzjährig betriebene Fähre legt nur einmal pro Stunde ab. Doch auf der MS Lichterfelde ist Platz für alle Wartenden - bis zu 300 Passagiere können auf diesem Fährschiff mitfahren. Nur der Platz für die 25 Fahrräder wird schnell zu knapp.

Für die Kladower ist die F 10 eine wichtige Verbindung zur S-Bahn und damit ins Zentrum. Doch auch an Touristen mangelt es an diesem Nachmittag nicht - die fünf Taiwanesinnen auf der MS Lichterfelde haben aus einem Reiseführer von der Fähre erfahren, wie sie lächelnd erzählen. Und so stellt sich schnell Urlaubsstimmung ein an Bord der F 10, die unter blau-weißem Himmel Fahrt aufnimmt. Vorne sitzen die Ausflügler mit dicken Sonnenbrillen, ein paar kreischen amüsiert auf, als eine Gischtfontäne ihre Jeans durchnässt. Eine Familie aus Leipzig zieht eine Etage höher aufs nächste Deck, der kleine Sohn will es so. Sie alle genießen das geradezu luxuriöse Wannsee-Panorama.

Es ist keine Kunst, sich auf der Fahrt an ein Gemälde von Max Liebermann erinnert zu fühlen - das frühere Sommerhaus des Malers liegt direkt am Ufer. Und überhaupt säumen prachtvolle Villen die Strecke nach Alt-Kladow, während auf dem Wasser zahlreiche Segelboote sehenswerte Manöver vollführen. Wir passieren das Strandbad Wannsee und die Halbinsel Schwanenwerder; Kameraauslöser klicken, als der Grunewaldturm in den Blick rückt.

Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, kann in Alt-Kladow gleich losfahren, denn direkt am Wasser verläuft der Havel-Radweg. Am besten aber ist es, sich erst einmal in einen der Biergarten-Stühle am See fallen zu lassen. Während wir in unsere Bratwurst beißen, sehen wir der MS Lichterfelde nach, die wieder abgelegt und nun ihren Kurs auf Wannsee genommen hat. Wir genießen derweil den Blick aufs Blau und die Leichtigkeit des Seins.