EM-Halbfinale

Italiener feiern in Kreuzberg mit ihrer Mannschaft

Restaurant Osteria Uno ein Schauplatz großer Emotionen

Um 20 Uhr zwängt sich Fabio Angilè, der Chef des italienischen Restaurants Osteria Uno an der Kreuzbergstraße, vorbei an den Gästen, die jetzt bis auf den letzten Platz das Zelt füllen. Vier Euro kostet der Eintritt, den die zwei Kassiererinnen am Zelteingang einfordern, dafür gibt es ein Freigetränk. Hinter einer provisorisch aufgebauten Theke zapft Lucia Colombo das Bier. Sie ist erst seit einem Monat in Deutschland. "Am liebsten würde ich für immer hierbleiben", sagt die 25-Jährige, die in Mailand keine Zukunft sah. "Deshalb wäre es auch in Ordnung, wenn Deutschland heute gewinnt, meine neue Heimat."

Das sehen nicht viele so im Festzelt. Kurz vor Spielbeginn erscheint auf der Leinwand, auf dem der Sender "Rai Uno" läuft, das erste Mal die italienische Mannschaft. "Italia, Italia", dröhnen die Rufe der Fans durch das Zelt.

Etwas abseits steht Malou Mampell mit dem Freund Max Dejka. Die 23-Jährige ist hier eine Ausnahmeerscheinung: Sie hat sich die Deutschland-Farben auf die Stirn gemalt und trägt Ohrringe in Schwarz-Rot-Gold. "Die einzigen deutschen Fans hier sind wohl wir und die Reporter vom RBB", sagt Mampell. Die beiden haben nicht damit gerechnet, dass nur italienische Fans kommen. "Wir waren auch bei anderen Spielen hier, aber nie bei Italienspielen", sagt Max Dejka.

Kurz vor Anpfiff, die Leinwand zeigt Grün-Weiß-Rot, es folgt die italienische Nationalhymne, die von der stehenden Menge begleitet wird: "Fratelli d' Italia. Italia s'e desta...", schallt es durch das Zelt, Applaus. Dann die deutsche Hymne: Einer von Malou Mapells Freunden hält die Fahne hoch, ansonsten bleibt die Euphorie eher übersichtlich.

Das Spiel läuft. Minute 19:26. Der Kommentator feuert italienische Silben heraus - dann trifft Mario Balotelli. Mario-Mario-Rufe werden angestimmt, die Fans steigen auf die Bänke, reißen die Flaggen in die Luft, umarmen sich, springen hoch. Dann wieder Mario Balotelli, mit dem zweiten Tor. Jetzt hält es auch die Kassiererin nicht mehr auf ihrem Holzstuhl, sie reißt die Arme nach oben. Wieder "Balotelli"-Rufe. Die Fans schwenken Fahnen, in den vorderen Reihen nehmen sie sich Huckepack auf die Schulter.

Der Anschlusstreffer sorgt schon nicht mehr für große Unruhe, dann ist es vorbei. Gökhan Cosen (29) ist einer der wenigen Fans der deutschen Mannschaft. Er kann es nicht fassen. "Ich kann nichts sagen", sagt er. Andererseits: "Wenn man zweimal Balotelli freistehen lässt, dann kommt so was dabei raus." Aber für die große Mehrheit in der Osteria ist es ein wunderschöner Tag. Wenigstens hier...