100 Dinge in Berlin

Froschkonzert am Teich

Die Dorfkirche Marienfelde scheint wie aus der Zeit gefallen - Ein Ort zum Nachdenken

Es ist, als ob man durch einen Vorhang schlüpft. Als würde man Berlin von einer Sekunde auf die andere verlassen - und sich auf einmal in einem Dorf in der Uckermark befinden. Eben noch der rauschende Verkehr auf der Malteser Straße, jetzt steht man auf einem saftigen, etwas wilden Stück Wiese, schaut auf die kleine, uralte Marienfelder Kirche, lauscht dem Gezwitscher der Vögel, die auf den Zweigen der Linden sitzen. Ach, was für ein Ort zum Ausruhen, Durchatmen.

Irgendjemand muss einen doch mal wieder wach rütteln. Vielleicht kann das Peter-Michael Seifried, seit mehr als 20 Jahren Kantor der Gemeinde. Da ist man schon nicht mehr ganz so empfänglich für die Idylle hier, oder? Nein, auch er möchte erst mal schwärmen. Von den Sommerabenden, wenn die Frösche am Teich ein Konzert geben. Und von Heiligabend, wenn es rund um die Kirche laut und voll wird. "Heiligabend ist Kult. Auch bei Regen, Frost und Sturm haben wir dann 1500 Leute hier stehen", erzählt er. Gottesdienst gibt es im Stundentakt. Turmbläser treten auf. Vor der Kirche singen die Menschen Weihnachtslieder.

Seifried kennt hier jeden Baum, jeden Stein. Er weiß, dass es einst eine Patronatsloge in der Kirche gab, in der der Gutsbesitzer auf Augenhöhe mit dem Pfarrer auf der Kanzel war. Er erzählt von Zeiten, als die Männer zum Gottesdienst durch eine Tür von der Südseite eintraten und die Frauen durch eine Tür im Norden. Oder von den vielen kriegerischen Bedrohungen, als sich die Leute in der Kirche vor Feinden verbargen, einen Wehrbalken vor die massiven Eichentüren setzten und wie wild die Glocke läuteten. Was man im benachbarten Mariendorf vernahm, und dort wieder die Glocke läutete. So trug sich der Alarm schnell bis nach Tempelhof. Dort wurden die Pferde gesattelt. Schnell ritt man los, um der bedrängten Gemeinde zur Hilfe zu eilen.

Dann führt Seifried zu einem seltsamen Baum. Er steht unweit der Grabstätte der Kieperts, jener Familie, die einst als Gutsherren in Marienfelde residierten. Es ist ein Maulbeerbaum. Er wurde vor einigen Jahren wieder neu gepflanzt, weil es eine Geschichte mit Maulbeerbäumen und Kirchen gibt. Friedrich der Große wollte einst unabhängig von der Seideneinfuhr sein. Er verfügte, dass an sämtlichen Kirchen Maulbeerbäume gepflanzt werden. Kaum war der Baum in der Erde, bekamen die Pfarrer eine Kiste mit Raupen. Die sollten sie mit den Blättern füttern. Dann, so die Idee, sollten die Raupen anfangen zu spinnen, die Kokons sollten abgeliefert werden. Daraus sollte preußische Seide gemacht werden. "Es war aber der klassische Schuss in den Ofen", sagt Seifried, "entweder haben die Pfarrer die Raupen nicht ordentlich gefüttert, oder die Raupen haben nicht verstanden, was das sollte."

Dann schweigt Seifried. Wir lauschen den Klängen der Orgel, die aus der Kirche nach draußen dringen. Ja, hier kommt man bestimmt noch einmal her.

Die Marienfelder Dorfkirche ist zu den Gottesdiensten um 9.30 Uhr, zu Konzerten und an Sonn- und Feiertagen von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Informationen unter www.kantorei-marienfelde.de