Betreuung

Bezirke fordern mehr Personal für Gesundheitsdienst

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Regina Köhler

Sie wollen verstärkt Hausbesuche machen

Das "Berliner Gesetz zum Schutz und Wohl des Kindes" zeigt Wirkung. Um Kinder besser als bisher vor Vernachlässigung und Misshandlung zu schützen, war es 2010 in Kraft getreten. Es sieht im Kern ein Einladewesen für die Vorsorgeuntersuchungen vom dritten Monat an bis zum sechsten Lebensjahr vor. Eltern, die diese kostenlosen Vorsorgetermine beim Arzt nicht im vorgesehenen Zeitraum wahrnehmen, werden von den Ärzten an die "Zentrale Stelle für Einladungs- und Rückmeldewesen" in der Charité gemeldet. Diese lädt die Eltern dann schriftlich dringend ein, die Untersuchung wahrzunehmen. Seit 2010 sind 141.000 solcher Briefe verschickt worden.

Oliver Blankenstein, Leiter der Zentralen Stelle, sagt: "Die Familien werden von uns angeschrieben und aufgefordert, ihre Kinder untersuchen zu lassen." Wer auf die Mahnung nicht reagiere, werde an den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst (KJGD) des jeweiligen Bezirks gemeldet. In den vergangenen zwei Jahren seien das 70.000 Familien gewesen. "Die Mitarbeiter der Kinder- und Jugendgesundheitsdienste rufen diese Familien dann an oder besuchen sie nötigenfalls auch", so Blankenstein weiter. Meist stelle sich heraus, dass rund die Hälfte der angeschriebenen Familien bereits einen Untersuchungstermin hat, nur eben später als zum empfohlenen Zeitpunkt. Die anderen Familien hätten allerdings Beratungsbedarf.

"Unsere Schreiben helfen also, Familien mit Betreuungsbedarf besser zu identifizieren", sagt Blankenstein. Schon ein erstes Beratungsgespräch nehme Druck aus dem Alltag der hilfsbedürftigen Familien. Manche Probleme seien schnell geklärt, andere erforderten eine intensive Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsamt und Familie. "Ein frühzeitiges Eingreifen hilft jedenfalls, Vernachlässigung und andere Kinderschutzfälle zu verhindern", betont Blankenstein.

Gesundheitsdienste unterbesetzt

Eine Analyse der Arbeit der Zentralen Stelle hat jetzt ergeben, dass rund 12,5 Prozent der Familien, die dem Kinder- und Jugendgesundheitsdienst gemeldet werden, zusätzliche Beratungsleistungen der Mitarbeiter des KJGD in Anspruch nehmen. "4,6 Prozent der beratenen Familien werden danach von den regionalen Diensten weiter betreut", sagt Oliver Blankenstein. Gerade diese Familien hätten erst durch das neue Einladewesen erreicht werden können.

Kritik kommt derweil aus den Bezirken: Leiter der Kinder- und Jugendgesundheitsdienste wie Matthias Brockstedt aus Mitte und Andreas Zintel aus Neukölln halten die Arbeit des Charité-Zentrums unter Blankenstein bezüglich des Kinderschutzes für wenig effektiv. Sie fänden es wirkungsvoller, wenn Sozialarbeiter Hausbesuche machten und zwar so früh wie möglich. "Wir müssen bei den Schwangeren anfangen", sagt Zintel. Das Einladewesen hingegen sei ein riesiger bürokratischer Aufwand, der Personal und Mittel binde.

Brockstedt und Zintel fordern deshalb mehr Personal für die bezirklichen Kinder- und Jugendgesundheitsdienste. Brockstedt sagt, dass vor allem jene Bezirke, die eine hohe Geburtenrate haben und in denen viele sozial schwache Familien leben, deutlich besser mit Personal ausgestattet werden müssen. "In Mitte haben wir nur eine Sozialarbeiterin, die die Hausbesuche machen kann, die nötig werden, wenn Familien gar nicht auf die Einladung zu den Vorsorgeuntersuchungen reagieren. Das reicht hinten und vorne nicht aus." Er habe deshalb schon im vergangenen Jahr Überlastungsanzeige bei den politisch Verantwortlichen im Bezirk gestellt. "Das werde ich auch in diesem Jahr wieder machen müssen", sagt Brockstedt.