Kultur

Das "Gucken wir mal"- Lab

Vor einer Woche wurde das Guggenheim-Projekt am Pfefferberg eröffnet - ein Besuch

In den Hinterhöfen des ehemaligen Brauereigeländes Pfefferberg in Prenzlauer Berg kleben bunte Spruchbänder: "Warum fühlen wir uns in einer Stadt mit 3,5 Millionen Menschen allein?" und "Warum wandeln wir nicht mehr Fahrspuren in Radwege um?" Ein Kubus im Hinterhof - das Guggenheim Lab - will Antworten auf diese Fragen suchen. Oder weitere Fragen aufwerfen.

Kreuzberger Aktivisten sahen in dem von BMW finanzierten Guggenheim Lab ein Gentrifizierungssymbol. Die Eröffnung in dem von Mietererhöhungen heimgesuchten Bezirk musste wegen der Proteste abgesagt werden. Seit einer Woche steht der luftige Metallgitterbau der New Yorker Guggenheim Foundation nun auf dem Pfefferberg. Auch hier wurde er mit einer Demonstration von rund 50 Gegnern begrüßt. Knapp eine Woche später ist - bis auf den nicht weiter auffälligen Polizeischutz - von Protest nichts mehr zu spüren. "Im Grunde findet sich hier auch nichts, wogegen man demonstrieren könnte", sagt Lutz Henke, Programmmanager des Labs, und es gibt keinen Grund, ihm zu widersprechen. Am frühen Nachmittag bastelt eine Absolventin des Instituts für Technologie Massachusetts mit einer Mitarbeiterin einer Behindertenwerkstatt in Prenzlauer Berg eine Postkarte aus Vinyl. Auf einem Rasenstück präsentiert ein Student einen solarbetriebenen Kaffeeröster. Und wenige Meter weiter erklärt die New Yorker Künstlerin Natalie Jeremijenko, wie man aus synthetischen Papiertaschen hängende Pflanzengärten für den Balkon bauen kann. Alles kein Grund zu protestieren. Aber Grund, eine Frage zu stellen: Warum?

Beschäftigung mit der Stadt

"Der gemeinsame Nenner des Ganzen ist die Beschäftigung mit der Stadt. Ob man dabei nun bastelt oder diskutiert, Lösungen oder weitere Fragen findet, ist erst mal gleichwertig. Es geht darum, einen Dialog zwischen New Yorkern, Berlinern und Ende des Jahres auch mit den Einwohnern Mumbais herzustellen", fügt Lutz Henke die losen Fäden des innerhalb von sechs Jahren durch neun Großstädte reisenden Projektes zusammen. Die erste Woche des Berliner "Labors" lief unter dem Motto "Do It Yourself". Seit der Eröffnung haben rund 50 kostenlose Workshops stattgefunden. Etwa 6000 Besucher nahmen an ihnen teil, schätzt Henke.

Am Freitagnachmittag sind um die 50 Besucher vor Ort, viele von ihnen sind Anwohner, Touristen, Studenten und Rentner. Kuratiert wurde das Programm der ersten Woche von José Gómez Márquez, einem der Direktoren des Massachusetts Institute of Technology - daher das erhöhte Vorkommen von Studenten der renommierten US-Hochschule.

Einer von ihnen ist Ben. Am Vortag hat er mit sechs Berlinern zwischen 20 und 60 Jahren einen solarbetriebenen Kaffeeröster gebaut: Ein Aluminium-Halbrund mit einem Vakuumgefäß in seinem Zentrum. Ein 50 Jahre alter Berliner Unternehmensberater testet im angrenzenden Café der Galerie Aedes die eigens gerösteten Bohnen. Ob er den Solarkocher nachbauen könnte, weiß er nicht, aber er fand es spannend, Ben bei der Konstruktion zu folgen. "Ein tolles Angebot. Ich werde hier wieder vorbeischauen", versichert er, während er auf seinen Kaffee wartet.

"In erster Linie haben wir den Solarröster natürlich für Länder, in denen es keine ausreichende Infrastruktur gibt, entwickelt. Aber auch in einer Stadt wie Berlin ist es wichtig, Anstöße dazu zu geben, was man mit Solarenergie auf seinem eigenen Balkon erreichen kann", sagt der Student aus Massachusetts.

Das Gros der Lab-Besucher interessiert sich für die über die Balkonbrüstung hängbaren Agrarkultur-Säcke der Künstlerin Natalie Jeremijenko. Helmut Ahrens aus Schöneberg kommentiert ihren Workshop: "Wir haben gerade erfahren, dass man seinen täglichen Eiweißbedarf auch mit Schneckenschleim decken kann, den man mittels dieser Agrarkulturtaschen auch selbst anlegen kann." In den Säcken aus synthetischem Papier stecke eine Mischung aus Kohle und Humuserde. Ein rotes Kreuz auf weißem Grund ziert den ökologischen Blumenkastenersatz. Das humanitäre Schutzzeichen soll hier für eine gesunde Lebensweise, trotz urbanen Umfelds stehen. Helmut Ahrens sagt, er wolle nun Beeren auf seinem Balkon pflanzen. Vielleicht, so mutmaßt man, ist es letztlich doch ganz gut, dass der Kubus nicht nach Kreuzberg in die direkte Nähe des Prinzessinnengartens gezogen ist. Denn dort hätte man sich über die vermeintlich neue Idee des Urban Gardenings vielleicht doch ein wenig gewundert. Am Lab dagegen probieren zwei Berlinerinnen mittleren Alters staunend Blätter der süßen Stevia-Pflanze. Kopfhörer sitzen auf ihren Ohren. Die englischsprachigen Vorträge des Guggenheim Labs werden live gedolmetscht.

Unter dem auf Metallpfeilern stehenden Quader sind weitere zwölf Besucher zusammengekommen, manche sind aus Salzburg angereist, andere kommen aus dem Kiez, sind aus Zufall hier gelandet. Nun halten alle ein Smartphone in der Hand. Eine der Guggenheim-Guides, Klara Hein, erklärt: "Hier startet gleich eine Studien-Tour, bei der geklärt werden soll, ob besonders laute oder hässliche Orte Stress auslösen. Dazu müssen an ausgewählten Stationen über das Smartphone Fragen beantwortet werden. Ein am Arm angebrachtes Band prüft zusätzlich die Oberflächen-Spannung der Haut." Zu welchen Orten die einstündige Versuchstour führt, darf nicht verraten werden.

Am frühen Abend füllt sich das Lab. Musik erklingt. Auf dem Rasenstück stehen immer mehr Kinderstühle, liegen Hula-Hoop-Reifen. Rebecca Halls, eine in Berlin wohnende Tanzlehrerin aus Kanada, lässt gemeinsam mit Kindern und Rentnern die Hüften kreisen. Im charmant gebrochenen Deutsch erklärt sie, dass sie zudem hier ist, um in einem Film mitzuwirken. Ein Film? Lutz Henke klärt auf: "Das deutsch-amerikanisch-italienische Künstlerkollektiv ,Alterazioni Video' wird hier innerhalb einer Woche einen Film drehen. Einen Turbofilm."

Casting für einen "Turbofilm"

Unter dem Dach des Lab ist bereits ein Castingbereich aufgebaut. Ein haariger Mann, eine hübsche Frau, ein Türke - so lauten die rudimentären Rollenausschreibungen. Interessierte müssen zunächst einen Fragenkatalog beantworten, dann in einem Boot vor einem Blue Screen paddeln und zum Schluss zum Zahnarzt.

"Zähne werden in dem Film irgendeine Rolle spielen", bemüht sich Hajo Hantel, Zahnarzt aus Weißensee, um eine Erklärung. Er macht Gebiss-Fotos und notiert einen Bericht - alles ohne medizinische Indikation, versteht sich. Warum er das genau tut, weiß er auch nicht. Sicher ist nur: Am 20. Juli wird der Turbofilm im Lab Premiere feiern.

Um stadtpolitische Inhalte soll es erst im dritten, von der Berliner Psychologin Corinne Rose kuratierten Workshopabschnitt gehen, so Programmmanager Henke. Ab dem 7. Juli solle unter anderem mit einem Feuerwehrauto zu leerstehenden Gebäuden gefahren werden, um mit den Bürgern über mögliche Nutzungen zu diskutieren.

Beim Verlassen des Pfefferbergs gehen die Besucher wieder an den Spruchbandfragen des Eingangsbereichs vorbei. Antworten hat man im Lab nicht gefunden. Weiterführende Fragen ebenfalls nicht. Aber wahrscheinlich sind die Erwartungen nach der ganzen Aufregung im Vorfeld einfach zu hoch, an das Kunstprojekt aus New York. Und am Ende gilt für das Lab, was auch für den Turbofilm gilt: Die Handlung ist noch offen, aber die Stadt spielt eine Rolle. Irgendwie.