Fanmeile

"Gute Plätze geben wir nicht mehr her"

Auf der Fanmeile am Brandenburger Tor feiern Berliner und Touristen den Sieg der deutschen Elf über Dänemark

Steen und Karen Lisbeth fallen auf. Sie tragen rot-weiße Trikots. "Danske" steht auf ihrer Brust. Gefühlt sind die beiden Banker aus Grenaa an der dänischen Ostseeküste an diesem Sonntagabend die einzigen Fans der gegnerischen Mannschaft auf der ganzen langen Fanmeile. "Das macht uns nichts aus, wir werden unser Team trotzdem ordentlich anfeuern", sagt der 65-Jährige. Die Dänen seien eher eine leise Mannschaft, aber immer für Überraschungen gut. "1992 hat auch keiner mit uns gerechnet, und dann sind wir Europameister geworden", sagt Karen Lisbeth. Steen tippt daher auch auf einen überraschenden Ausgang des Spiels: "Wir gewinnen 1:0".

Es sollte anders kommen. Aber trotz der Niederlage ist Dänemark an diesem Sonntagabend auch ein Sieger auf der Fanmeile. Zwar hält sich die Zahl der Fans in Rot-Weiß auf der Straße am 17. Juni im Promillebereich, an jeder Ecke zu sehen sind aber die weißen geschlungenen Schriftzüge auf grünem Grund, die dänisches Bier anpreisen. Anderes Bier sucht man hier vergebens. Den Deutschland-Fans ist das egal, das Pils fließt an diesem schönen Sommerabend zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule in rauen Mengen.

Mehrere hunderttausend Besucher sind wieder auf der Fanmeile. Die Eingänge werden bereits frühzeitig geschlossen. Auch Andreas und Melanie mit ihrer elfjährigen Tochter Gina sind dabei. Sie freuen sich über gute Sicht. "Die guten Plätze geben wir nicht mehr her", sagt Melanie.

Kurz vor Spielbeginn. Viele deutsche Fans singen die Nationalhymne mit. Um 20.45 Uhr endlich Anstoß. Die Fans jubeln. Am hinteren Ende der Fanmeile Richtung Großer Stern ist noch etwas Luft, hier stehen Janina und Matthias Arm in Arm, Janinas Freundin Anne ist auch dabei. Die drei Studenten aus Schöneberg sind zum ersten Mal auf der Fanmeile. Doch während Matthias gebannt auf die große Leinwand schaut, quatschen die Freundinnen lieber. Und verpassen glatt das erste Tor in der 19. Minute. Erst als Matthias brüllt und hüpft, schauen die 20-Jährigen auf.

Wer auf die Fanmeile will, muss am Eingang seine Taschen kontrollieren lassen. Trotzdem haben es offenbar ein paar Fans geschafft, Böller aufs Gelände zu schmuggeln. Beim 1:0 knallen sie direkt vor einer der Leinwände. Rauchschwaden ziehen über das Gelände.

24. Minute. Kurz nach dem ersten Tor schießen die Dänen den Ausgleich. Aus hunderttausend Kehlen kommt ein Raunen, einige rufen "Buuuuh" oder "Pfui", wirklich aufzuregen scheint sich aber keiner. Niemand zweifelt hier offenbar an einem deutschen Sieg.

32. Minute. Freistoß für Deutschland. Mesut Özil kurz vorm Schuss. Die Fans im Lemberger Stadion klatschen, die Fanmeile übernimmt den Rhythmus sofort. Dann geht ein "Ooooooh" durch die Menge. Daneben. Der Pfiff zur Halbzeit ertönt. Etwas eher als das passende Bild dazu auf der Leinwand. "Das nervt ein bisschen", sagt Thomas (42). "Man weiß durch den Ton schon vor dem Bild, ob eine Chance vergeben wird." Der Applaus nach der ersten Hälfte ist laut, aber noch nicht euphorisch. "1:1 - dabei kann es noch nicht bleiben." Claudia (30) und Hans-Jürgen (60) tragen bei jedem Deutschlandspiel auf der Fanmeile blau. Auf ihrer Brust prangt nicht das Logo des DFB, sondern das von Toi Toi Dixie - Claudia und Hans-Jürgen sind für 60 Plastik-Klohäuschen in der Nähe der Amerikanischen Botschaft am Tiergarten zuständig. "Die Leinwand können wir theoretisch durch die Bäume hindurch ein bisschen sehen", sagt Claudia. Aber schon seit dem späten Nachmittag kommen die Dixie-Betreuer gar nicht mehr zum Hochschauen. Sie putzen im Akkord. Vor allem in der Halbzeitpause ist der Andrang groß. Unzählige Besucher strömen jetzt zu den Toiletten. Das dänische Bier muss raus. "Wer schlau ist, kommt schon zehn Minuten vor der Pause", sagt Hans-Jürgen.

2:1

65. Minute. Vorm Brandenburger Tor hüpft eine Menge Männer mit bunten Perücken und gröhlt "Humtahumtahumta Täteräää". Drumherum ist die Menge eher ruhig für Fanmeilenverhältnisse. Langsam werden die Gesichter der Zuschauer besorgter.

"Sei froh, dass du das grad nicht mit ansehen musst, davon kriegt man Kreislaufprobleme", sagt ein Fan mit schwarz-rot-goldenem behörnten Wikinger-Hut zu einem Bierverkäufer, der in seinem Getränkestand die Leinwand nicht beobachten kann. Portugal führt inzwischen im Spiel gegen die Niederlande. Es wird eng.

74. Minute. Mario Gomez wird ausgewechselt. Kein Tor von ihm in diesem Spiel. Die Besucher der Fanmeile honorieren seinen Einsatz trotzdem mit Applaus. 80. Minute. Tor für Deutschland. Jetzt ist kein Halten mehr. Die Menge ist so laut, sie übertönt sogar die voll aufgedrehten Lautsprecher mit dem Kommentator der ARD. Der Moderator der Fanmeile stimmt "Auf geht's, Deutschland schießt ein Tor" an, alle stimmen ein. Noch Minuten später ist der Lärmpegel auf der Straße des 17. Juni ohrenbetäubend.

An der Würstchenbude neben dem sowjetischen Ehrenmal nutzt Ralph eine Zigarettenpause, um einen Blick auf die Leinwand zu werfen. Hinter seinem Grill hat der 53-Jährige dazu keine Chance. "Da sehe ich nix." Aber Job sei nun mal Job. Dafür haben er und seine Kollegen ihre Bude mit Fähnchen geschmückt und sich Flaggen ins Gesicht gemalt. Ein bisschen bei der Fanmeilen-Stimmung mitmachen könne man trotz Arbeit schließlich auch, sagen die drei. Angesichts des Sieges der deutschen Elf können sie sich dem Jubel und der Freude auch kaum entziehen.