Museen

Die Rückkehr des Pharao

100 Jahre nach Entdeckung der Nofretete wird die Büste ihres Mannes restauriert und ausgestellt

"Diese Nase." Wer Asterix bei Kleopatra gelesen hat, diesen Comic mit der Königin des alten Ägypten, der lernt, dass die mächtige Frau ein entzückendes Riechorgan hatte, ganz anders als die Knollennasen ihrer Untertanen. Antike Büsten belegen dieses Markenzeichen der Kleopatra. Aber stimmt das überhaupt? Wer in diesen Tagen hinter die Kulissen des Neuen Museums schaut, wo gerade die Ausstellung "Im Licht von Amarna - 100 Jahre Fund der Nofretete" vorbereitet wird, lernt viel darüber, das historische Herrscher nicht selten so aussehen, wie Zeitgenossen sie sich gerade vorstellen. Mehr noch: Dass die Wahrheit wie eine Skulptur ist, die je nach Weltanschauung immer wieder neu geformt wird.

Doch das soll sich nun ändern. Vom 7. Dezember an, dem 100. Jahrestag ihrer Entdeckung, werden erstmals verschiedene Versionen einer zertrümmerten Büste des König Echnaton in einer Sonderaustellung gezeigt. Sie wird nicht gänzlich wiederhergestellt, um sie nicht zu verfälschen. Stattdessen zeigen 3D-Kopien, wie sie ausgesehen haben könnte. Echnaton ist der Mann der Nofretete, die in Berlin viel bekannter ist als der König. Wohl deshalb, weil von ihr jene einmalige Büste erhalten ist, die jährlich bis zu 700.000 Besucher anschauen. Auch Nofretetes Schönheit ist nicht ganz ohne Zweifel: Einige Experten vermuten, dass die Büste ursprünglich mehr Hautfalten zeigte.

Nun aber geht es um Echnaton, den Mann der Nofretete. Die Geschichte, die nun im Neuen Museum weiterspielt, könnte im Jahr 1935 vor Christus begonnen haben. Der König war gestorben. Anhänger des Nachfolgers ziehen durch die Stadt Amarna. Sie finden eine Werkstatt mit Büsten des ehemaligen Herrschers. Sie glauben daran, dass dies sein Ebenbild im Jenseits ist. Also schlagen sie seine Ohren ab, damit er nicht mehr hören kann. Sie bohren seine Augen aus, damit er nicht mehr sehen kann. Und sie zertrümmern seine Nase, damit er in seiner Welt nicht mehr riechen kann.

Verschollene Lippen

Sein Andenken sollte ausgelöscht werden, denn Echnaton hatte verkündet, dass es nur einen Gott gebe: die Sonne. Nach seinem Tod aber sollte das nicht mehr gelten. Die Ägypter kannten viele Götter. Historisch gibt es kaum eine Frage mit mehr Sprengkraft: Gibt es einen Gott? Oder mehrere Götter? Gesichter auslöschen, das ist ein beliebtes Instrument um die Vergangenheit der offiziellen zeitgenössischen Wahrheit anzupassen, auch der jungen totalitären Geschichte. Stalin, Herrscher der Sowjetunion, ließ seinen ehemaligen Wegbegleiter Leo Trotzki auf Aufnahmen schwärzen. Und noch im Jahr 2001 sprengten die Taliban die 35 Meter hohen Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan.

Die Büste des Echnaton soll nun behutsam restauriert werden - vor allem um nicht zu verbergen, dass sie einst zertrümmert wurde. "Wir wollen das nicht vertuschen", sagt Paul Hofmann, der als Restaurator an der Büste arbeitet. Was er vor einem halben Jahr in die Hände bekam, erinnerte an eine Figur aus "Alien", dem Kinoschocker, der von außerirdischen Monstern handelt. Der Königshut sah aus wie ein wulstiger Schädel. Das Gesicht war eine grässliche Anhäufung von Brocken. "Das anzuschauen, hat einfach nur weh getan", sagt Hofmann. Seine Gradwanderung besteht nun darin, der Figur ein Gesicht zu geben, ohne viel zu erfinden. Die Lippen des Königs etwa: Die waren noch dran, als der Archäologe Ludwig Borchardt sie 1913 nach Berlin brachte. Ob man sie falsch lagerte oder ob sie im Krieg beschädigt wurde, man weiß es nicht. Sicher ist nur, dass die Büste 1958 aus Moskau zurückkehrte, nachdem die Russen sie in den Kriegswirren mitnahmen. Wem die Büste gehört, ist ohnehin ein Dauerstreitthema - es gibt Stimmen, die dem deutschen Archäologen vorwerfen, er habe die Ägypter damals um die Büste betrogen.

Hofmann, den Restaurator, interessiert das nicht, sagt er. Ihm sei auch egal, dass es sich bei dem Gesicht um einen berühmten Herrscher handele. "Das ist mir schnuppe." Es klingt so, als brauche er diese innere Freiheit für seine Arbeit, in der die Versuchung groß sein muss, eigenhändig Geschichte zu schreiben. Und sei es nur, eine Nase zu verändern.

Stattdessen recherchiert Hofmann, er ist auf der Suche nach alten Fotos, um zu erfahren, wie wohl die Lippen damals aussahen. Mit ihnen würde die Büste wohl anmutig aussehen - derzeit scheint es, als stoße sie einen stummen Schrei aus.

Replik aus dem Computer

"Alles, was ich ändere, ist reversibel", sagt der Restaurator. Seine Änderungen können rückgängig gemacht werden. Das ist ein Fortschritt, denn bereits nach ihrer Entdeckung wurde die Büste bearbeitet und auch in den 50er-Jahren. "Nach der Mode der damaligen Zeit, nur leider haben sie Klebstoffe benutzt, die man nie wieder abbekommt." So dürfte der originale Zustand der Schulterpartie des Pharao-Abbildes verloren sein. Hofmann arbeitet mit Materialien, die ablösbar sind. Auch das unterscheidet ihn von den Geschichtsveränderern früherer Zeiten: Als Stalin die Fotos von Trotzki schwärzen ließ, ging es gerade darum, dass es endgültig sein sollte. Auch wenn die früheren Restauratoren dagegen wohl von romantischer Fantasie beflügelt waren - auch ihre Eingriffe wiegen schwer.

Um dem Museumsbesucher trotzdem Interpretationen zu liefern, wie die Büste wohl ausgesehen hat, werden in der Ausstellungen erstmals weitere Techniken kombiniert: Die Scanner des 3D-Labors der TU Berlin und die Computertomographie der Charité. "Diese Daten und Techniken sind bisher noch nie kombiniert worden", sagt Professor Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums. Ziel sind zunächst getreue 3D-Repliken, die größtenteils am Computer gefräst werden. Diese Büsten werden dann so bearbeitet, dass sie vielleicht nah drankommen an den Zustand, wie ihn der Archäologe Ludwig Borchardt 1912 entdeckte. Gezeigt wird auch die Replik einer erhaltenen Echnaton-Büste, die im Pariser Louvre steht, aber nicht transportiert werden darf.

Die Ausstellung "Im Licht von Amarna - 100 Jahre Fund der Nofretete" präsentiert auch weitere Objekte, die teilweise bis heute in Kisten lagen: Schmuck und Keramiken. Der Besucher soll die Stadt Amarna erleben können - wie sie war, und wie Archäologen sie fanden. Einen Treppenwitz bietet die Geschichte schon jetzt: Die Büste der Nofretete ist wohl so prächtig erhalten, weil die Randalierer sie damals nicht so wichtig fanden. Deshalb ist Nofretete heute berühmt.