Doku

Von der Tragödie zum Triumph

Ein Kinofilm schildert das Leben von drei behinderten Spitzensportlern, die bei den Paralympics in London starten

Sie hat sich überreden lassen. Viel lieber wäre Kirsten Bruhn am Strand geblieben, als mit dem Motorrad in der Mittagshitze die griechische Insel Kos zu entdecken. Doch ihr Freund drängte sie mitzukommen und so nahm sie auf dem Sozius Platz. Es sollte noch einmal ihr letzter großer Urlaub vor dem Grafikdesign-Studium sein, es wurde ihr letzter Urlaub ohne Rollstuhl. Auf einer schmalen Straße kamen ihnen in einer Kurve Jeeps mit Touristen entgegen. Sie mussten ausweichen. "Und dann bin ich ganz unglücklich in eine Schotterkuhle gefallen", erinnert sich die heute 42-Jährige an den Unglückstag im Jahr 1991. Der erste Lendenwirbel war gebrochen. Diagnose: querschnittsgelähmt.

An diesem Unglück ist die braun gebrannte, attraktive blonde Frau aber nicht zerbrochen, genauso wenig wie der Australier Kurt Fearnley, der aufgrund eines genetischen Defekts im Rollstuhl sitzt und der erblindete Henry Wanyoike aus Kenia. Alle drei eint, dass sie Schicksalsschläge verkraften mussten, aus denen sie noch stärker hervorgegangen sind. Sie haben sich mit ihrer Leidenschaft für den Sport zurück ins Leben und an die olympische Spitze gekämpft und treten im August bei den Paralympics in London an.

Begleitet werden die deutsche Schwimmerin, der kenianische Marathonläufer und der Rennrollstuhlfahrer aus Australien in London von einem Team der "Parapictures Film Production", das nicht nur die Wettkämpfe, sondern auch ihr Leben von der Tragödie zum Triumph in dem 90-minütigen Kinofilm "Gold - Du kannst mehr als du denkst" dokumentieren wird. Der Film kommt Ende Februar 2013 in die Kinos. Das Projekt wird von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und dem Deutschen Filmförderfonds unterstützt. Für das Making-of des Filmprojekts, also die Hintergründe des Drehs, haben sich die drei Spitzensportler kürzlich zum ersten Mal im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn getroffen und Fotos und Videos gemacht.

Filmproduzent Andreas F. Schneider kann das Leben und Leiden seiner Protagonisten sehr gut nachvollziehen. Er war selbst Wettkampfsportler im Handbiken. In seinen letzten Sommerferien vor dem Abitur ist er kopfüber in das seichte Wasser eines Baggersees gesprungen. "Es hat ordentlich gekracht", sagt der 48-Jährige. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Nach einem Jahr im Krankenhaus und in der Rehaklinik holte er das Abitur nach und studierte Betriebswirtschaftslehre. In Hamburg wurde er Marketing-Experte und entdeckte den Sport als perfekten Ausgleich. Mit einem Adaptivrad - bei dem ein drittes Rad vor den Rollstuhl montiert wird - war er bald schneller als die anderen Radfahrer. 2005 gründete er gemeinsam mit dem Internationalen Paralympischen Komitee den Internet-TV-Sender "ParalympicSport.TV". Gleichzeitig übernahm er einen Geschäftsführer-Posten bei der Filmproduktionsfirma, die jetzt die drei Ausnahmesportler begleitet. "Es geht nicht nur darum, den Behindertensport mehr in die Öffentlichkeit zu holen", sagt Andreas F. Schneider. Vielmehr wolle er starke Geschichten über drei der weltbesten paralympischen Athleten erzählen und in das Bewusstsein holen.

Sternstunde in Sydney

Da ist zum Beispiel Henry Wanyoike aus Kenia. Er erblindete mit 19 Jahren über Nacht. Ein leichter Schlaganfall war die Ursache. Der junge Mann verweigerte daraufhin das Essen und musste von den Schwestern der Christoffel-Blindenmission aufgepäppelt werden. Der Wendepunkt kam, als er eines Tages ein anderes blindes Mädchen in eine Augenklinik begleitete und alles gut klappte. Da wusste er, dass er leben und wieder Marathon laufen will. "Ich möchte Gold gewinnen", sagte er zu den Schwestern. Bei den ersten Qualifizierungen trat er ohne Turnschuhe an und durfte mit nach Sydney. Dort wurde sein Traum wahr. Die Bilder gingen um die Welt, wie sein Guide, mit dem er über ein Band verbunden war, einen Schwächeanfall erlitt, wie schließlich der blinde Mann den erschöpften Sehenden ins Ziel schleppte. Trotz dieser Zeitverzögerung reichte der Vorsprung für den Sieg.

Den Australier Kurt Fearnley hatten die Ärzte bei der Geburt schon aufgegeben. Das letzte Wirbelsegment fehlte komplett. Die Klinik bot den Eltern an, den Jungen gleich zu behalten. Doch sie nahmen ihn mit in ein 200-Seelen-Dorf, wo er mit den anderen Kindern aufwuchs. Rollstühle gab es noch nicht, also robbte er auf den Händen den anderen hinterher. Als die ersten Rollstühle auf den Markt kamen, sammelte die Gemeinde 10.000 Dollar. Heute gehört Kurt Fearnley zu den besten Rennrollstuhlfahrern der Welt. In seinem Dorf ist er ein Held. Zu den Wettkämpfen in London werden ihn 30 Familienmitglieder und Freunde begleiten. "Es ist der vermeintlich Schwache, der heute seine Dorfgemeinschaft mitzieht", sagt Filmproduzent Andreas F. Schneider. Mit seinem Film will er aber auch Menschen ohne Behinderung ermutigen, die eigenen Grenzen zu erkennen, um sie dann zu überschreiten.

Die Idee für den Film hatte Gregor Doepke, Sprecher der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Seit 2004 unterstützt der Versicherer die Paralympics, "nicht zuletzt, weil Sport bei der Rehabilitation eine große Rolle spielt", sagt Doepke. Er sei mehrere Male bei den Paralympics gewesen, die immer für ein "Gänsehauterlebnis" gesorgt hätten. Dass man heute mit dem Thema Behinderung ohne Tabu umgehen könne, habe der Film "Ziemlich beste Freunde" gezeigt.

Sechs Mal in der Woche Training

Unterstützt wird er bei der Filmidee auch von Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor des UKB. Die Klinik gehört zu den elf Häusern deutschlandweit, die in Trägerschaft der Unfallversicherung sind. "Es ist unsere Aufgabe, Patienten wieder so zu rehabilitieren, dass sie in ihr normales Umfeld zurückkehren oder sich den neuen Herausforderungen stellen können", sagt Ekkernkamp. Seit einigen Wochen ist Kirsten Bruhn Mitarbeiterin in der Pressestelle seiner Klinik. Eine so sportliche, lebensbejahende Frau im Rollstuhl werde eine Vorbildfunktion für Patienten haben, die sich nach einem schlimmen Unfall aufgeben wollen, so der Ärztliche Direktor. Für das Training werde sie aber vorerst freigestellt.

Sechs Mal in der Woche zieht Kirsten Bruhn im Moment ihre Bahnen, immer vier bis sechs Stunden. Brust ist die Paradestrecke der Schwimmweltmeisterin und Goldmedaillengewinnerin. Durch die schnelle Frequenz der Arme und den Auftrieb des Wassers bleiben ihre Beine in der Wagerechten. Sie sei heute ein dankbarer Mensch, der die Dinge, die er hat, wertschätzt, sagt die Sportlerin. Eine Konsequenz hat Kirsten Bruhn dennoch aus dem Unfall gezogen. "Ich lasse mich seitdem zu nichts mehr überreden."