Berliner helfen

Kunst-Atelier für Obdachlose

Berliner helfen unterstützt das Zentrum Gitschiner 15: Talentschmiede und Volkshochschule für Menschen ohne Geld

Seit acht Jahren kommt Manne in die Gitschiner 15. Anfangs war er nur Gast im Café der sozialen Einrichtung in Kreuzberg, trank einen Kaffee oder kaufte sich eine Stulle. Heute ist er "die gute Seele vons Janze". Egal, was es zu tun gibt, Manne packt an. So ist er es gewöhnt, vom Bau. 23 Jahre hat Manfred Mechlinski dort gearbeitet. Dann wurde der Berliner schwer krank. Inzwischen bezieht er Erwerbsunfähigkeitsrente. Die Gitschiner 15 ist für den 50-Jährigen zur Heimat geworden. "Andere Rentner gehen ins Sportstudio, ich komme hierher", grinst er, schnappt sich einen Stapel Geschirr und trägt es in die Küche. Manne ist eben keiner, der nur rumsitzt. Inzwischen kümmert er sich als Mann für alles, vor allem um alles, was kaputt geht.

Ohne Menschen wie Manne wäre man in der Gitschiner 15 aufgeschmissen. Das Projekt, das Begegnungsstätte und gleichzeitig eine außergewöhnliche kostenlose Volkshochschule für obdachlose und arme Erwachsene ist, wird immer wieder von Politikern gewürdigt. Aber das integrative Konzept passt in keine Förderrichtlinie. Und daher überlebt die Gitschiner 15 nur mit Spenden, aber vor allem bürgerschaftlichem Engagement.

Soziale Ausgrenzung bekämpfen

Das mehrstöckige Gebäude an der Gitschiner Straße 15, in dem sich früher eine Kerzenfabrik befand, wurde im November 2000 als Einrichtung gegen soziale Ausgrenzung eröffnet. Es bietet mit dem alkoholfreien Café im Erdgeschoss Kontakte und Speisen und Getränke für wenig Geld. Vor allem aber Kultur. Das Motto lautet: Kunst trotz(t) Armut. Im Zentrum kann jeder seine Talente anbieten oder umgekehrt etwas lernen. Ob musizieren, Samba tanzen, töpfern, nähen oder fit werden im Umgang mit Computern - das Angebot ist breit gefächert. Alle Menschen haben Talente. Und wer sie einsetzt, baut damit auch sich selber auf. Diese Meinung vertritt man im Zentrum - mit großem Erfolg.

Die beliebte Fahrradwerkstatt musste zwischenzeitlich geschlossen werden - aus Kostengründen. "Das Geld fehlt eben an allen Ecken und Enden", erklärt Jürgen Horn. Er selber ist seit drei Jahren dabei, mal finanziert über Spenden, mal ehrenamtlich. "Das Haus hat ein hohes Suchtpotential", findet der gelernte Sozialtherapeut, "wer hier mal gearbeitet hat, der will nicht mehr weg." Seine und weitere dringend benötigte Stellen im Haus können jetzt gesichert werden dank 10.000 Euro, die der Verein " Berliner helfen" dem Projekt zur Verfügung gestellt hat. " Das Geld war wirklich ein Segen und absolut überlebensnotwendig, " freut sich Projektleiter Werner Neske.

Denn das Problem ist jeden Monat dasselbe: Betriebskosten, Material und die sozialarbeiterische Tätigkeit müssen bezahlt werden. "Was wir vor allem dringend brauchen, ist Unterstützung für unser Betreuungspersonal. Die Erfahrung hat gezeigt, dass ein Projekt wie Gitschiner 15 nicht allein von Ehrenamtlichen und ständig wechselnden 1-Euro-Kräften in Gang gehalten werden kann", sagt Christiane Pförtner von der Kirchengemeinde Heilig Kreuz Passion, die Träger des Zentrums ist. Mit wachsender Armut werden die Besucher immer mehr. Und die kommen nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Osteuropa. Dadurch sind die Aufgaben gewachsen. Neben der Sozialberatung bietet man inzwischen auch Gesundheitsberatung an. "Wir brauchen einfach qualifizierte Mitarbeiter, damit es bei uns weiterhin gut läuft", so Neske, der hofft, dass sich in Zukunft weitere großzügige Sponsoren finden.

Durch Patenschaften versucht das Gitschiner-Team seit einiger Zeit, die Kassen aus eigener Kraft zu füllen. Privatleute oder Firmen, die eine Patenschaft (ab 500 Euro pro Jahr) für das Haus übernehmen, bekommen als Gegenleistung ein Gemälde. Man will nicht nur als Bittsteller daherkommen, sondern den Sponsoren einen Gegenwert anbieten. "Leider sind aus den meisten keine Dauerpatenschaften entstanden, wie wir es uns gewünscht haben", sagt Christiane Pförtner. 660 Bilder für Patenschaften sollen es einmal werden - jeweils eine für jeden Quadratmeter des Hauses.

Bekannter Chor

Eines der Highlights des Hauses ist die Malerwerkstatt in der Kreativ-Etage im zweiten Stock. Hunderte Bilder, Öl und Aquarell, sind in den vergangenen Jahren entstanden. Mehrere Ausstellungen in Berlin hat es bereits mit der Kunst aus Kreuzberg gegeben. Besonders stolz ist man auf das eineinhalb mal drei Meter große Gemälde " Dschungel", das als Gemeinschaftsprojekt von sieben Besuchern der Einrichtung entstanden ist.

Doch nicht nur die bildende Kunst zählt zu den besonderen Aktivitäten des Hauses. Berühmt ist seit Jahren auch der Chor unter der Leitung von Jocelyn B. Smith. Sie unterstützt die "Voices of Berlin", in dem sich inzwischen Menschen aus allen sozialen Schichten und allen Stadtteilen zusammenfinden. "Wir sind eine Riesenfamilie", sagt die bekannte Soul- und Blues-Sängerin.