Kirche

Ex-Pfarrer tritt nach Vorwurf des Missbrauchs zurück

Bistum: "Schwerer Verstoß gegen priesterlichen Dienst"

Fünfzehn Monate nach Bekanntwerden eines Missbrauchsvorwurfs an einem damals 16-Jährigen ist ein früherer Pfarrer der Kirchengemeinde Sankt Marien in Reinickendorf von seinem Amt zurückgetreten. Nach Angaben des Erzbistums Berlin habe Kardinal Rainer Maria Woelki den Geistlichen dazu aufgefordert.

Anlass ist der Vorwurf sexuellen Missbrauchs an dem Jugendlichen in den 90er-Jahren, wie der Generalvikar des Erzbistums, Tobias Przytarski, am Sonntag der Gemeinde bekannt gab. Nach Morgenpost-Informationen soll sich der Vorfall im Jahre 1997 ereignet haben, als der beschuldigte Pfarrer an der Steglitzer Rosenkranz-Basilika tätig war.

Der heutige Seelsorger der Gemeinde, Pfarrer Markus Brandenburg, verlas das Schreiben bei einem Gottesdienst. Dem Pfarrer habe nichts nachgewiesen werden können, hieß es. Nachdem er den Text vorgetragen hatte, bezeichnete sich einer der Kirchenbesucher als das Opfer und bekräftigte den Vorwurf des Missbrauchs. Der Mann bestritt, dass nichts gegen den beschuldigten Pfarrer vorliege und wiederholte, missbraucht worden zu sein. Er fühle sich im Stich gelassen, sagte er.

Vorwürfe erstmals im März 2011

Der Kirchengemeinde Sankt Marien war der Vorwurf seit März 2011 bekannt. Der damalige Diözesanadministrator, Weihbischof Matthias Heinrich, leitete eine Untersuchung ein. Mit Beginn des Verfahrens wurde dem beschuldigten Pfarrer die Ausübung des priesterlichen Dienstes untersagt. Nach Angaben Przytarski ergab die Untersuchung, dass weder nach weltlichem noch nach kirchlichem Recht eine Straftat vorgelegen habe, jedoch ein schwerer Verstoß gegen den priesterlichen Dienst. Deshalb habe der Erzbischof die disziplinarrechtlichen Maßnahmen angeordnet. Przytarski bedauerte zugleich, dass dem Vorwurf nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt nachgegangen worden sei. Der Sprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner, sagte am Sonntag der Berliner Morgenpost, dass noch nicht entschieden sei, wie mit dem Pfarrer in Zukunft intern umgegangen werde. "Im Moment werden wir uns dazu auch nicht äußern", so Förner.

Nach Bistumsangaben sind in den vergangenen zehn Jahren 19 Mitarbeiter des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt worden. Davon seien acht Vorwürfe etwa wegen des Todes der beschuldigten Person nicht mehr zu klären. Fünf Fälle seien abgeschlossen. In sechs Fällen laufe das Verfahren noch, in keinem davon gebe es staatsanwaltliche Ermittlungen. Zumeist handle es sich um Vorgänge aus der Zeit vor 1980. In sieben Fällen hätten Opfer Entschädigungsleistungen beantragt, die in drei Fällen bereits bewilligt seien.