Weiterhin Fluglärm

Enttäuschung statt Party

Für die Anwohner des Flughafens Tegel gibt es keinen Grund zum Feiern

Kein Fest. Nirgendwo. Mit dem geplatzten Termin für den letzten Start einer Maschine vom Flughafen Tegel am Sonnabend sind auch viele Grill- und Gartenpartys abgesagt worden. Vor allem in Siedlungen und Gartenkolonien in Staaken, Pankow und Tegel wollten seit Jahrzehnten Lärmgeplagte die endgültige Schließung des Flughafens im Norden Berlins feiern.

"Es sollte die Nacht der Befreiung vom Fluglärm werden", sagt Reinhard Wilk aus Staaken. "Jetzt ist es nur noch eine große Enttäuschung. Wir hatten uns endlich auf einen ruhigen Sommer in unserem Garten gefreut." Am Vatertag 2011 hatte er von seiner Frau ein Maßband mit 370 Zentimetern geschenkt bekommen. "Ich wollte bis zur Schließung jeden Tag einen Zentimeter abschneiden", sagt er. "Jetzt liegen noch 24 Zentimeter Maßband zuhause rum, weil die Schließung 24 Tage vorher abgesagt wurde." Gemeinsam mit seiner Frau Heidrun und weiteren Nachbarn sitzt er am Sonntag im Wintergarten von Marion Honekamp. Die Rentnerin wohnt in der ehemaligen Siemens-Siedlung am Hohenzollernkanal (Ho-Ka-Siedlung) nahe am Flughafen.

1200 Nachtflüge in einem Jahr

"Wir wollten in der Siedlung grillen und feiern", sagt sie. Weiter kommt sie nicht. Ein Flugzeug im Steigflug macht jede weitere Unterhaltung unmöglich. "Mit den Plänen für ein Fest im kommenden Frühjahr warten wir erst einmal ab. Einladungen werden wir sicher nicht verschicken." In diesem Moment dröhnt ein Hubschrauber über die kleine Wohnsiedlung. "Hubschrauberflüge werden überhaupt nicht aufgeführt", sagt Rolf-Roland Bley. Er ist Mitbegründer der Bürgerinitiative "Gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen" und seit zehn Jahren in der Fluglärmschutzkommission. Darum erhält er Listen mit allen Flugbewegungen zwischen 23 und sechs Uhr früh. "Allein im vergangenen Jahr waren es mehr als 1200 Nachtflüge."

In der Ho-Ka-Siedlung werden seit Jahren durch landende Flugzeuge Dachziegel von den Häusern gerissen. "Der Luftsog war schon so stark, dass in meinem Gartenteich das Wasser teilweise herausgerissen wurde und die Goldfische plötzlich über der Wasseroberfläche in der Luft waren", sagt Marion Honekamp. "Bei Ostwind fliegen die Maschinen in einer Höhe zwischen 60 und 80 Metern über die Häuser. Dann wäre eine Unterhaltung überhaupt nicht möglich."

Die Nachbarn stehen im Garten zusammen, als Lärm die nächste Maschine ankündigt. "Jetzt hilft nur noch schreien", ruft Edelgard Henze in die Runde. Wenig später ist das laute Dröhnen vorbei. "Wir wurden doch hier von allen vergessen", sagt die Frau. "Überall gibt es Schallschutzfenster und Lärmschutzmaßnahmen. Nur bei uns nicht." Dabei wurde die Siedlung bereits vor dem Flughafen gebaut. "Die Häuser sind überhaupt nicht für einen Flugbetrieb in unmittelbarer Nähe gebaut worden", sagt Nachbarin Birte Martens. Auf einer Veranstaltung des Flughafenbetreibers habe man ihr gesagt, sie könne ja vor Gericht auf Schallschutzmaßnahmen klagen. "Der Mitarbeiter hat mir gleich gesagt, dass der Klageweg Jahre dauern würde und Tegel bis dahin geschlossen ist."

Die Bürgerinitiative ist vor knapp drei Wochen dem Aktionsbündnis Berlin-Brandenburg beigetreten. "Gemeinsam werden wir am kommenden Sonntag ab 15 Uhr im Flughafengebäude Tegel demonstrieren", sagt Bley. "Wir sprechen uns für ein generelles Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr aus." Es wird an diesem Nachmittag viel über den Flughafen diskutiert. Ausbau, Schließung, Nachtflüge. "Wir befürchten, dass Tegel offen gehalten wird, auch wenn der neue Flughafen in Schönefeld eröffnet wird", sagen sie.