Flugverkehr

Vor Turbulenzen wird gewarnt

Die echten Herausforderungen für den Flughafen Tegel kommen im Herbst und Winter, sagen Experten

Die Lufthansa hat Zweifel an der dauerhaften Leistungsfähigkeit des Flughafens Tegel. Zwar hat die Airline wie geplant ihr Streckenangebot ab dem 3. Juni deutlich ausgeweitet. Sie fliegt fortan 39 Ziele direkt von Berlin aus an. Dazu gehören unter anderem die Städte Helsinki, Malaga, Beirut und Tel Aviv. Allerdings sollten die zusätzlichen Strecken vom neuen Airport BER aus abgewickelt werden. Der viel kleinere Flughafen Tegel arbeitet nun am Rande seiner Kapazität.

Angesichts des äußerst engen Zeitplans für die Flugbewegungen wird schon Nebel eine Herausforderung darstellen. Kritisch werde es daher im Herbst und Winter, warnen Experten. "Die Enteisung der Flugzeuge wird in Tegel bei den derzeitigen Voraussetzungen ein großes Problem werden", sagt Thomas Kropp, Bevollmächtigter des Lufthansa-Vorstands für Berlin und Brandenburg. "Wir hoffen, dass die Flughafengesellschaft hierfür an einer Lösung arbeitet." So erwarte die Lufthansa für den Winter großzügige Ausnahmen vom Nachtflugverbot, wenn Nebel, Schnee und Eis den Betrieb behindern. Andernfalls sei das Flugprogramm nicht zu bewältigen.

Sorge bereitet ihm auch die teilweise chaotische An- und Abfahrt der Taxis nach Tegel. "Was sich da abspielt, ist oft nicht mehr akzeptabel", sagte Kropp. Darauf habe er auch Verkehrssenator Michael Müller (SPD) hingewiesen. Da der alten Sicherheitsfirma wegen des geplanten Starts des BER gekündigt wurde und die neue Firma erst im Juli ihren Dienst aufnimmt, kontrolliert derzeit keiner die Taxis. Sie umfahren daher teilweise die Schranke, an der sie eigentlich eine Gebühr zahlen müssen. Vor allem morgens und abends stehen sich die Fahrzeuge deshalb gegenseitig im Weg. Kropp fordert die Politik auf, hier beispielsweise durch den Einsatz von Polizisten für Ordnung auf den Zufahrtswegen nach Tegel zu sorgen. "Wir wollen nicht mit halb leeren Fliegern starten müssen, weil die Passagiere unnötig im Stau festsitzen."

Vertrauen zerstört

Seit der äußerst kurzfristigen Verschiebung der BER-Eröffnung ist das Verhältnis zwischen den betroffenen Airlines und der Flughafengesellschaft angespannt. Denn die Airlines hatten große Erwartungen an den neuen Flughafen. Air Berlin wollte mit dem Start am 3. Juni den Standort zu einem Drehkreuz ausbauen. Dabei landen die Flugzeuge täglich in sechs Wellen in Berlin. Die Passagiere steigen innerhalb einer guten Stunde um und fliegen weiter an ihr eigentliches Ziel. Angesichts der begrenzten Verhältnisse in Tegel ist die Verschiebung für die Air Berlin besonders hart. Denn sie muss ihre Passagiere in Tegel ohnehin schon in einer äußerst rustikalen Zusatzhalle abfertigen. Die Lufthansa wiederum hat einen zweistelligen Millionenbetrag in den Ausbau des Standorts BER investiert und unter anderem eine neue Technikhalle gebaut. Diese steht nun leer und wartet seitdem vergeblich auf ihren Einsatz.

Daran wird sich bis zum neuen Starttermin am 17. März 2013 auch nichts ändern. Bereits jetzt gibt es Zweifel, ob der Zeitplan bis dahin nicht zu eng gesetzt sei. Laut Aussage des neuen Chefplaners des Flughafens, Joachim Korkhaus, sei ein zeitlicher Puffer nicht vorgesehen. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, hält Oliver Wagner, der bei der Lufthansa den Verkehr in Berlin leitet, die Planung für "leichtfertig". Die Lufthansa will sich künftig regelmäßig über den gesamten Baufortschritt am BER unterrichten lassen und verlangt einmal pro Monat einen ausführlichen Bericht über den gesamten Fortschritt. Dabei beschränkt sie sich nicht auf die für sie relevanten Gebiete wie den Check-in und die Gepäckabfertigung. Sie will auch über den Brandschutz informiert werden. Auf den Kosten für die Verschiebung will der Konzern nicht sitzen bleiben. "An der Schadenersatzforderung halten wir selbstverständlich fest", sagt Oliver Wagner. "Wir werden dem Flughafen die Kosten in Rechnung stellen, die uns durch die Verschiebung des Starttermins entstanden sind." Allerdings könne man zu der Höhe erst am letzten Betriebstag von Tegel etwas sagen.

Ausgleich für zusätzliche Kosten

Die Lufthansa hat am BER nicht nur die Technikhalle gebaut, sondern auch bereits Bürogebäude gemietet, die sie nun nicht braucht. Die Airline muss bestimmte Lebensmittel aus Schönefeld nach Tegel liefern lassen, da dort das Catering bereitgestellt wird. Möglicherweise müssen Flugzeuge nachts sogar leer zur Wartung nach Schönefeld geflogen werden, da der Platz in Tegel nicht ausreicht. Globeground hat allein für die Lufthansa weitere 70 Mitarbeiter bereitgestellt, um die Fluggäste abzufertigen.

Für die Anwohner rund um Tegel gibt es jedoch eine gute Nachricht. Zwar hat die Berliner Luftfahrtbehörde die Betriebszeiten für einzelne Strecken um eine Viertelstunde auf 23.15 Uhr verlängert. Die Lufthansa braucht diese Viertelstunde, um vier Flüge pro Woche starten zu lassen. Allerdings kann sie diese Flüge ab Juli zeitlich nach vorne legen.

Verkehrssenator Müller kam nach Tegel, um dort mit den Airline-Managern die neuen Strecken einzuweihen. Die zusätzlichen Verbindungen stärkten laut Müller "die Attraktivität Berlins als Geschäfts- und Privatreiseziel". Dagegen ließ sich bei einer Demonstration der Flughafengegner vor dem Roten Rathaus kein Politiker sehen. Nach Angaben der Veranstalter hatten sich dort 3000 Leute versammelt. Sie forderten unter anderem einen sofortigen Baustopp und Verlegung des BER an einen anderen Standort. Zudem müsse von 22 bis 6 Uhr ein absolutes Nachtflugverbot gelten. Auf der Bühne sang eine Frau das Lied: "Wowereit, du kannst gehen." Die Leute im Publikum trugen Schilder, auf denen Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) als Lügner bezeichnet wurden. Beide Politiker sitzen im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft.