Charité

Azubis als Sitzwachen im Krankenhaus

Gewerkschaft nennt Anweisung "skandalös"

Obwohl die Charité gerade erst im Focus-Ranking hervorragend abgeschnitten hat, gibt es intern Ärger: Offenbar sollen Krankenpflege-Azubis als Ersatz für entfallende Leiharbeitskräfte in normalen Diensten auf den Stationen eingesetzt werden. Sie sollen an Betten von Halbkoma-Patienten wachen. Das sieht eine Vereinbarung vor, die die Pflegedirektion und die "Pflegerischen Centrumsleitungen" vor Pfingsten abgeschlossen haben.

Ziel ist es, die "Leasingkosten" zu senken, indem weniger Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen in der Krankenpflege eingesetzt werden. Bisher durften die einzelnen Kliniken nach Bedarf Leiharbeitskräfte anheuern. Künftig soll deren Einsatz zentral über den Charité-Vorstand laufen.

Dem Management ist offenbar klar, dass es mit weniger Leiharbeitern zu Personalengpässen kommen wird. Entsprechend fallen die Vorschläge an die untergeordneten Einheiten aus: "Ausgefallene Dienste / Sitzwachen werden kompensiert durch eigene personelle Ressourcen, durch Pool-Mitarbeiter und Auszubildende", heißt es in dem Papier vom 24. Mai, das dieser Zeitung vorliegt. Es folgen weitere Möglichkeiten, wie die Kliniken die fehlenden Kräfte ersetzen sollen. Unter anderem sollten die Pfleger "die Indikation für den Einsatz von ärztlich angeordneten Sitzwachen" überprüfen und "alternative Strategien" klären.

"Katalog des Schreckens"

Die Gewerkschaft Ver.di hält diese Anweisung für "skandalös" und spricht von einem "Katalog des Schreckens". "Personalnotstand und Patientenmangelversorgung eskalieren auf dramatische Weise", heißt es in einer Information der Ver.di-Betriebsgruppe. Keine Krankenschwester dürfe ärztliche Anordnungen infrage stellen, wie das im Falle der Sitzwachen vorgeschlagen wird, so die Gewerkschaft.

Besonders erzürnt es die Arbeitnehmervertreter, dass nun Azubis einspringen sollen, wenn Leiharbeitskräfte künftig ausbleiben. "Auszubildende dürfen laut Krankenpflegegesetz nicht zur Personalkompensation eingesetzt werden", schreibt die Charité-Betriebsgruppe der Gewerkschaft in dem Infobrief, der am Dienstag verteilt wurde.

Wie viele Leiharbeitnehmer bisher in der Charité neben den laut Internet-Seite der Universitätsklinik 4100 Pflegekräften tätig sind, konnte Charité-Sprecherin Stefanie Winde am Dienstag nicht sagen. 2011 seien aber zwölf Millionen Euro "Leasingkosten" angefallen. Auch die Arbeitnehmervertreter verfügen über keine Informationen zur Gesamtzahl.

Winde verweist darauf, dass im vergangenen Jahr wieder 100 zusätzliche Krankenschwestern und -pfleger eingestellt worden seien. Damit konnten die Leasingkosten gesenkt werden. Die Charité bevorzuge "feste und dauerhafte Arbeitsverhältnisse". Weil nun mehr eigene Kräfte zur Verfügung stünden, seien die Regelungen für den Einsatz von Fremdkräften "geschärft" worden. Auszubildende, die ganz überwiegend übernommen würden, kämen nur im Rahmen ihres Praktikumseinsatzes während der Ausbildung in Abstimmung mit der Ausbildungseinrichtung gesetzeskonform zum Einsatz.