Meine Woche

Schwierige Suche nach der Wahrheit

Christine Richter über den Flughafen BER, die Kosten und den Aufsichtsrat

In der vergangenen Woche bin ich am Flughafen gewesen. Nein, nicht im Süden Berlins, auf der Baustelle des neuen BER, sondern in Tegel. Ein Freund kam zu Besuch, ich habe ihn abgeholt. Ich mag Tegel, diesen wunderbar übersichtlichen Flughafen mit kurzen Wegen sehr, er auch - und er freut sich jetzt, dass er die nächsten Monate weiterhin dort ankommen wird, dass er also nicht den weiten Weg von Schönefeld ins Stadtzentrum zurücklegen muss. Ein bisschen freue ich mich mit, aber nur ein bisschen, zu peinlich ist die BER-Verschiebung für Berlin.

Und vor allem zu teuer. Nahezu jeden Tag kommen jetzt neue Details zum BER-Chaos ans Licht. Beispiel: die Kosten. 2,4 Milliarden Euro waren für den neuen Hauptstadtflughafen veranschlagt. So stand es in allen Unterlagen, so haben es die politisch Verantwortlichen stets erzählt. Am vergangenen Montag gab der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) - Mitglied im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft - dann öffentlich zu, dass allein das Terminal doppelt so teuer wie geplant wird. Also schon über eine Milliarde Euro kosten wird.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wollte in den vergangenen Tagen zwar keine Zahl nennen, erklärte aber immerhin, dass man bei den Krediten "an der Kante" sei. Was so viel heißt wie: Der Kreditrahmen ist ausgeschöpft. Damit wäre die Drei-Milliarden-Euro-Grenze wohl erreicht. Und durch die Verschiebung der BER-Eröffnung auf März 2013 kommen noch viele, viele Millionen Euro hinzu - weil Tegel und Alt-Schönefeld weiterbetrieben werden müssen, weil die Airlines Schadenersatz fordern, weil die Einzelhändler und Gastronomen, die am BER neue Geschäfte und Restaurants eröffnen wollten, ebenfalls für die Einkommensausfälle entschädigt werden wollen. Schon ist die Rede von einer Klagewelle. Vier Milliarden Euro, so teuer könnte der BER werden, sagen einige Flughafen-Experten. Was für eine Wahnsinnssumme.

Vier Mal hat der Aufsichtsrat - mit Wowereit als Aufsichtsratsvorsitzendem an der Spitze - im vergangenen Jahr getagt. Vier Mal, das entspricht der Pflichtzahl an Aufsichtsratssitzungen. Ich kenne das aus meinem Berufsalltag so, dass man sich, wenn ein größeres Projekt ansteht, in kürzeren Abständen trifft - damit auch nichts schiefgeht, damit alle Beteiligten auf dem gleichen Stand sind, damit auftretende Probleme schnell gelöst werden können, damit die To-do-Liste abgehakt werden kann. Vier Sitzungen sind bei dem Milliardenprojekt BER geradezu lächerlich wenig. Wie hat Wowereit da die Aufsicht sichergestellt?

Am Freitag diskutierte der Bundestag über die BER-Panne. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Martin Lindner, der auch Landeschef der Berliner Liberalen ist, verlangte den Rücktritt Wowereits als Aufsichtsratsvorsitzender. Noch ist Lindner der Einzige, der diese Forderung erhebt. Er wird es, wenn im nächsten Jahr die Abschlussrechnung für den BER vorliegt, nicht bleiben.

Christine Richter leitet gemeinsam mit Gilbert Schomaker die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Gilbert Schomaker über seine Woche in Berlin.