BER

Früh gewarnt, stets ignoriert

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Flughafen-Skandal: Aufsichtsrat will am heutigen Mittwoch die Manager zur Rede stellen

Es ist der Tag der Entscheidung: Eine Woche nach der Absage des Eröffnungstermins des künftigen Hauptstadtflughafens, kommt am heutigen Mittwoch der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft zusammen. Die Vertreter der Länder Berlin und Brandenburg sowie des Bundes wollen die Geschäftsführer Rainer Schwarz und Manfred Körtgen befragen, wie es zu dem Desaster kommen konnte. "Wir erwarten präzise Auskunft darüber, was schief gelaufen ist", sagte Senatssprecher Richard Meng am Dienstag. Dass Flughafen-Führungskräfte gekündigt werden, hatten Berlin und Brandenburg in den vergangenen Tagen nicht ausgeschlossen. Ob der Aufsichtsrat auch einen neuen Eröffnungstermin beschließt, ist fraglich.

Die im Aufsichtsrat vertretenden Regierungschefs von Berlin und Brandenburg, Klaus Wowereit und Matthias Platzeck (beide SPD), sprechen inzwischen nicht mehr von einer Inbetriebnahme im August - wie noch unmittelbar nach der Eröffnungsabsage vergangene Woche. In Luftfahrtkreisen wird davon ausgegangen, dass alle notwendigen Baufertigstellungen 2012 nicht mehr zu schaffen sind.

Die Gremien tagen auf der Baustelle in Schönefeld. Den Auftakt macht am Vormittag der Projektausschuss, ein Arbeitskreis des Aufsichtsrats mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) als Vorsitzendem. Am Nachmittag tagt dann der Aufsichtsrat unter Vorsitz Wowereits. Das Kontrollorgan hat 15 Mitglieder, darunter Platzeck, Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) und Verkehrsstaatssekretär Rainer Bomba (CDU) als Vertreter des Bundes.

FDP und Grüne in Brandenburg forderten unterdessen eine grundsätzliche Debatte über die Rolle von Politikern in Aufsichtsräten. FDP-Fraktionschef Andreas Büttner plädierte für mehr Fachleute in Kontrollgremien. Grünen-Fraktionschef Axel Vogel sprach von einem "generellen Versagen des Aufsichtsrates". Er forderte die Mitglieder der Landesregierung dazu auf, ihre Funktion in dem Gremium nach der Sitzung am Mittwoch abzugeben und Leute zu entsenden, die ihr Metier verstünden. Zu den Vorwürfen der Opposition bemerkte Platzeck, das Gremium habe immer "klar und deutlich nachgefragt".

Deutliche Warnsignale

Warnsignale gab es schon vor Monaten. Doch die Geschäftsführung des Flughafens hat sie offenbar ignoriert. Bereits im März gab es eindeutige Hinweise, dass der Flughafen Willy Brandt BER am 3. Juni nicht eröffnet werden kann. Das geht aus einem internen Schreiben der Unternehmensberatung McKinsey hervor. Die Firma hat den Flughafen bei der Logistikplanung und der Anordnung der Geschäfte in der Abflughalle des BER beratend unterstützt. Auf diese Weise hatten sie einen guten Einblick in das Projekt. Anfang März war für die Berater absehbar, dass der Flughafen Anfang Juni keinesfalls startklar ist. Dies teilten sie dem Geschäftsführer des Flughafens, Rainer Schwarz, in einem Brief mit. McKinsey wollte die Informationen nicht kommentieren.

Auch die Gutachter des TÜV Rheinland, die unter anderem die Funktionsfähigkeit der Brandschutzanlagen bestätigen sollen, warnten frühzeitig. Ein Protokoll vom 28. Februar dieses Jahres, das der Berliner Morgenpost vorliegt, belegt, dass die Flughafengesellschaft bereits zu diesem Zeitpunkt darüber informiert wurde, dass die Betriebssicherheit des Flughafens nicht bis zur geplanten Eröffnung am 3. Juni bescheinigt werden könne. Die für die Genehmigungsverfahren am BER zuständige Bauaufsichtsbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald warnt zudem in einem internen Schreiben vom 7. März, dass man nicht gewillt sei, der Flughafengesellschaft "Abweichungen oder Erleichterungen von den Prüfgrundsätzen zu gestatten". Den von der FBB favorisierten "interimsweisen" manuellen Betrieb der Brandschutzanlagen bis Ende des Jahres lehnt das Amt ab. Sollte die Sicherheitsmängel im Fluggastterminal nicht abgestellt werden, droht die Behörde zudem an, werde man sogar den "weiteren Probebetrieb untersagen". Die Flughafengesellschaft wollte sich am Dienstag auf Nachfrage weder zum Schreiben der McKinsey-Berater noch zu den TÜV-Protokollen äußern.

Klar ist jedoch, dass die Dokumente die Position der beiden Geschäftsführer, Rainer Schwarz und Manfred Körtgen bei der außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrats erheblich schwächen. Denn offenbar haben die Flughafen-Manager den Ernst der Lage nicht wahrhaben wollen. Noch am Wochenende hatte Rainer Schwarz erklärt, dass er über die zahlreichen Mängel erst kurz vor der Absage des Eröffnungstermins Mitte vergangener Woche unterrichtet worden sei.

Doch nicht nur interne Dokumente der Flughafengesellschaft belegen etwas anderes. Auch Arbeiter berichten, dass am BER längst nicht alles so rund läuft, wie die Geschäftsführung stets behauptet hat.

Mängel in der Gepäckhalle

Demnach bestehen insbesondere in der Gepäckhalle noch erhebliche Mängel. Sie ist nach Ansicht von Arbeitern viel zu eng gebaut, sodass Kofferanhänger teilweise auf dem Vorfeld geparkt werden müssen. Dies ist an den Flughäfen Tegel und Schönefeld streng untersagt. Denn aus Sicherheitsgründen darf kein Gepäckstück nach der Sicherheitskontrolle unbeaufsichtigt im Freien stehen. Zu groß ist das Risiko, dass etwas gestohlen wird oder gar gefährliche Gegenstände nachträglich unbemerkt in den Koffer geschmuggelt werden. Am BER wurde da offenbar von Anfang an bei der Planung nachlässig gearbeitet.

Sortiert werden die Koffer im ersten Untergeschoss des Terminals in einer etwa 200 Meter langen Halle. An jeder Gepäckinsel werden die Koffer von bis zu vier Flügen gleichzeitig sortiert. Allerdings ist der Platz zwischen den Inseln so knapp bemessen, dass nur insgesamt zwei Gepäckhänger mit jeweils sechs Wagen nebeneinander stehen können. Dies reicht nicht aus, wenn zum Beispiel ein großer Ferienflieger ankommt. Dort haben die Passagiere an die 280 Gepäckstücke an Bord. Um sie zu der Gepäckinsel zu bringen, sind acht bis elf Wagen notwendig. Doch diese haben dort keinen Platz.

Schuld ist ein weiterer Fehler bei der Planung. In Tegel konnten auf jeden einzelnen Wagen bis zu 45 Koffer gestapelt werden. Daran hat man sich bei der Planung des BER offenbar orientiert. Dabei haben die Planer jedoch übersehen, dass am BER jeder Wagen mit einer Regenplane vollständig abgeschlossen sein muss. Denn bis zum Flugzeug sind es am BER, anders als etwa in Tegel, oft mehrere Hundert Meter. Aus dem Grund passen nur bis zu 30 Koffer auf einen Wagen. Folglich kann es passieren, dass für die Abfertigung eines vollen Fliegers fast doppelt so viele Wagen notwendig sind wie geplant. Und diese müssen dann nach draußen ausweichen - ohne Aufsicht.

Thema der Aufsichtsratssitzung am heutigen Mittwoch dürften auch die zusätzlichen Kosten durch die verschobene Eröffnung des 2,5-Milliarden-Euro-Baus sein. Die Betreiber gehen von 15 Millionen Euro pro Monat aus. Schadenersatzforderungen sind dabei noch nicht eingerechnet.