Energie

Wo Gasleuchten verschwinden

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Brigitte Schmiemann

Senat legt eine Liste mit Straßen vor, in denen ab Juni auf modernes Elektrolicht umgerüstet wird

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will ab Juni im großen Stil mit der Umrüstung der Gasleuchten beginnen. Sie werden durch Elektroleuchten ersetzt, die mit mehr als 180.000 Stück ohnehin schon zum großen Teil Berlins Straßen erhellen. Noch gibt es 43.500 Gasleuchten in Berlin. Mit 30.700 sind die meisten davon sogenannte Aufsatzleuchten, neben Hänge-, Modell- und Gasreihenleuchten. Sie stehen hauptsächlich im Westen der Stadt.

Begonnen wird mit den Gasreihenleuchten, von denen 8000 Stück in Berlin vorhanden sind. Es gibt sie als vier-, sechs- und neunflammige Reihenleuchte, die besonders auf den Hauptstraßen der Stadt zu finden ist. In diesem Jahr sollen die ersten rund 1900 Gasleuchten gegen das Elektro-Modell "Jessica" des Berliner Leuchtenherstellers Selux AG ausgetauscht werden, der Rest folgt bis 2016. Schwerpunkt der Umrüstung ist zunächst Lichterfelde, 2013 dann auch Dahlem und Charlottenburg, 2014 Zehlendorf, Neukölln, Frohnau und Hermsdorf.

Die neuen elektrischen Leuchten waren im Rahmen eines europaweit ausgeschriebenen Wettbewerbs ausgewählt worden. Pro Stück kostet der neue Leuchten-Kopf mit der Leuchtstofflampe, die aussieht wie eine Neonröhre, 250 Euro. Allein beim Energieverbrauch könnten pro Jahr rund 300 Euro pro Leuchte eingespart werden.

Drei Millionen Euro jährlich sparen

Nicht nur die Köpfe, auch die fast sieben Meter hohen Masten werden erneuert. 29,5 Millionen Euro stehen für das Projekt zur Verfügung. In neun Jahren soll sich das Geld für die Umrüstung gelohnt haben - durch günstigere Wartungs- und Verbrauchskosten. Die von der Behörde beauftragten Umrüst-Firmen RAKW und Zwarcow, außerdem Vattenfall und die Gasag Tochter nbb, rechnen für das Auswechseln pro Laterne mit einem Arbeitsaufwand von zwei Tagen.

"Die Gasreihenleuchten sind besonders kostenintensiv. Nach Abschluss des Projekts spart das Land Berlin mehr als drei Millionen Euro jährlich an Betriebskosten und reduziert die CO2-Emissionen um etwa 9200 Tonnen pro Jahr", sagte Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) bei einem Pressegespräch am Montagabend mit anschließender Besichtigung der neuen Leuchten in der Rheinbabenallee in Schmargendorf. Die neue Leuchte habe den Vorteil, dass sie langfristig mit einem anderen Einsatz auch auf LED-Licht umgerüstet werden könnte. Noch sei diese Variante aber zu teuer.

Laut Gaebler werden bei den Reihenleuchten rund 220 erhalten bleiben. In den Unesco-Welterbesiedlungen Weiße Stadt in Reinickendorf, Schillerpark in Wedding und in Siemensstadt sowie in der Siedlung Onkel-Toms-Hütte in Zehlendorf, in Teilen der Gartenstadt Frohnau, unweit des Rüdesheimer Platzes, am Klausenerplatz, in Alt-Charlottenburg und am Lietzensee.

Während von den Reihenleuchten nur rund 2,5 Prozent erhalten bleiben, will die Senatsbehörde vom Rest der Gasleuchten etwa fünf Prozent stehen lassen. Vor allem in denkmalgeschützten Quartieren sollen sie erhalten bleiben. "Ziel ist, möglichst von allen Leuchtentypen gasbetriebene Exemplare in zusammenhängenden Bereichen zu erhalten", heißt es. In anderen Denkmalbereichen sollen die Leuchten erhalten bleiben, aber LED eingesetzt werden. Wie das aussehen kann, zeigte Staatssekretär Gaebler an der Max-Eyth-Straße Ecke Clayallee, wo vor der Residenz einer Botschaft zwei Aufsatzleuchten mit LEDs aufgestellt wurden, damit der Botschafter helleres Licht hat.

Gaslicht-Liebhaber wie der Verein "Denk mal an Berlin", "Gaslicht-Kultur" oder auch die Baukammer Berlin sind längst alarmiert und wollen am kommenden Montag auf einer Veranstaltung im Rathaus Charlottenburg gegen den Austausch protestieren und über die Bedeutung des Gaslichts für Berlin informieren. Auch "Europa Nostra", eine Vereinigung mit Sitz in Den Haag, die sich um das kulturelle Erbe Europas kümmert, hatte den Regierenden Bürgermeister vor wenigen Monaten dazu aufgerufen, auf die Pläne zu verzichten. Berlin besitze bei Weitem die größte Dichte von Gasbeleuchtung in der Welt. Der Erhalt habe weltweite kulturhistorische Bedeutung.

Für die Senatsverwaltung jedoch hat das Kosten- und Energieargument den Ausschlag zur Umrüstung auf Elektrobetrieb gegeben. "Letztlich ist die Entscheidung auch eine klimapolitische. Elektroleuchten seien wesentlich effizienter als Gasleuchten, sagte Gaebler. Nach seiner Rechnung verbrauchen die noch vorhandenen 8000 Reihenleuchten 48,7 Gigawattstunden Energie pro Jahr. Elektrisch betriebene würden bei gleichem Beleuchtungsniveau nur 1,4 Gigawattstunden im selben Zeitraum benötigen. Würde das Gas für die Reihenleuchten nicht in Leuchten verbrannt, sondern beispielsweise in einem Heizkraftwerk für die Stromerzeugung verwendet, könnten neben der entstehenden Wärme davon noch rund 100.000 elektrische Leuchten betrieben werden, hat Gaebler ausgerechnet.

Infos für Laternen-Liebhaber

"Es ist einfach unverantwortlich, solche Mengen von Energie dauerhaft zu verschwenden", unterstützte Stephan Völker, Leiter des Fachgebiets Lichttechnik an der Technischen Uni, diese Einschätzung. Wer sich am Montag von den Gaslicht-Liebhabern informieren lassen möchte (auch das Landesdenkmalamt wird vertreten sein): Rathaus Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 100, Beginn 19.30 Uhr.