Norbert Lammert

"Das müssen Sie selbst beantworten"

Norbert Lammert diskutiert mit jungen Muslimen. So beliebt wie Christian Wulff macht er sich nicht

Sein alter Gegenspieler ist noch da, als Norbert Lammert in Kreuzberg aus dem Auto steigt. Der Präsident des Bundestags hat elf Stunden Parlamentssitzung hinter sich, ohne Jackett und Krawatte geht er durch die schwüle Abendluft in den Hinterhof. An der Tür des Kulturzentrums der Bosniaken liegen Zeitschriften aus, drei Stapel, als Begrüßung. Das Titelbild zeigt Christian Wulff, er lächelt gewinnend am Rednerpult, darunter sein Zitat: "Sie sind ein positives Stück Berlin."

Norbert Lammert ist an diesem Donnerstagabend gekommen, um mit jungen Muslimen zu diskutieren, vom Projekt Juma, das bedeutet jung, muslimisch, aktiv. Christian Wulff war im August hier, noch als Bundespräsident. Sein Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" lässt bis heute die Augen der religiösen Jugendlichen hier leuchten. Sie haben seine Ansprache in der Vereinszeitschrift abgedruckt und sein Foto auf dem Titel.

Doch so einfach will Lammert es sich hier nicht machen. Ohnehin sieht er einige Bekenntnisse von Wulff skeptisch. Der oberste Parlamentarier pflegte eine Rivalität zum vormals ersten Mann im Staat.

Drinnen, in der Moschee der Bosniaken, tragen die meisten jungen Frauen ein Kopftuch, fast alle hier sind Studenten. Politikwissenschaften, Luft- und Raumfahrttechnik, Soziologie. Ein junger Mann fragt, wann Schluss sei mit dem "Ping Pong": Mal gehöre der Islam zu Deutschland, mal nicht. Er meint die widersprüchlichen Positionen der CDU, Lammerts Partei. Wulff, der sagt, er gehöre dazu. Und Fraktionschef Volker Kauder, der gerne das Gegenteil sagt.

"Ob der Islam zu Deutschland gehört, so wie Christentum und Judentum", hebt Lammert an, "diese Frage müssen Sie selbst beantworten." Klar, er könne jetzt eine "Parole" sagen und behaupten, die Debatte sei beendet. Aber er achte mehr auf Ernsthaftigkeit als "Erfreulichkeit" einer Botschaft. So klar hat sich Lammert selten von Wulffs Formel abgegrenzt. Überhaupt sei die Erwartung falsch: Die Politik könne unmöglich einen gesellschaftlichen Konsens anordnen, "wenn es ihn nicht gibt". Lammert. Er fordert die Muslime auf, nicht auf Ansagen zu warten. "Fast immer entstehen Veränderungen durch engagierte Minderheiten."

Nächste Frage. Ob das Kirchenrecht von 1919 nicht veraltet sei, da die Gesellschaft nun vielseitiger ist. Warum werde der Islam nicht staatlich anerkannt?

"Verblüfft" sei Lammert über diese Frage. "Als typischer Wessi, der katholisch aufgewachsen ist" beobachte er, dass vielen Christen die kirchliche Bindung eher lästig werde, dass sie lieber ihre persönliche Orientierung lebten. Die Institutionalisierung sei doch eher rückläufig. Aber rechtlich? "Ich sehe keine unüberwindlichen Hürden, die einer Institutionalisierung des Islam entgegenstünden", sagt Lammert. Obgleich klar sein müsse, wer den Islam dann vertrete. Doch das funktioniere ja noch nicht einmal bei der regelmäßig tagenden Islamkonferenz. Dort können sich Vertreter des Islam nicht darauf einigen, wer sie repräsentiert.

Kopftuch-Verbot ist verbindlich

Nächstes Thema: Eine Anglistik-Studentin sagt, sogar im britischen Kolonialreich sei der indische Turban am Arbeitsplatz nicht verboten gewesen. Deutschland dagegen diskutiere über Kopftücher, in der Schule sind sie in vielen Bundesländern für Lehrer gar verboten. Lammert sagt, er wisse um das "Potenzial" guter Lehrerinnen, das deshalb verloren gehe. Das Verbot sei aber rechtskräftig, und gerichtliche Entscheidungen müssen verbindlich sein, auch wenn viele damit unzufrieden seien. Verboten seien ja auch Kruzifixe im Klassenraum, wenn dies religiöse Gefühle verletze. "Nein, eine strukturelle Diskriminierung kann ich hier nicht erkennen", sagt Lammert.

Die Salafisten, kostenlose Verteilung des Koran, darüber müssen sie natürlich auch sprechen. Obgleich die Jugendlichen mit dieser militanten Strömung nichts zu tun haben. Lammert sagt: "Fundamentalistische Positionen sind im Rechtstaat zunächst nicht verboten." Das klingt anders als jene CDU-Politiker, die ein Salafisten-Verbot fordern. Lammert wird laut: "Wer mordet oder verletzt, dann ist unerheblich, aus welchen religiösen Motiven."

Einen Patzer erlaubt sich der Bundestagspräsident aber noch. Ob das Juma-Projekt für den Bundestag tätig sein könne, fragt eine Frau. Lammert entgegnet charmant, dass viele Gruppen am Bundestag andocken wollen. Beispielsweise Projekte, die Interessen von Behinderten vertreten. Behinderte? So wollen sich die Muslime hier sicher nicht fühlen. Neben Lammert sitzt Sawsan Chebli, in der Innenbehörde setzt sie sich mit Juma für einen Dialog mit Muslimen ein. Nicht nur sie muss bei diesem Satz schlucken.