Luftbildfotograf Robert Grahn

Im Flug verändert

Der Berliner Luftbildfotograf Robert Grahn hat die Entwicklung der Stadt in den vergangenen 22 Jahren seit dem Fall der Mauer dokumentiert

Wer von Robert Grahn nur die Bilder kennt, der könnte darauf kommen, in ihm einem Träumer und Romantiker zu begegnen. Einen, für den die Freiheit über den Wolken grenzenlos ist, besonders wenn er über Berlin schwebt, dieser Metapher für die Freiheit mit dem so gnadenlos vernarbten Gesicht; einen, der beim Himmel über Berlin an Engel denkt, die auf die Erde kommen und den Menschen doch nicht die Augen öffnen können; oder auch einen, der als tollkühner Mann in seiner feuerroten Kiste das Abenteuer über der deutschen Hauptstadt sucht, allein in der Luft, wo es sich noch viel besser durchatmen lässt als überall sonst.

Vielleicht handelt es sich bei Robert Grahn sogar um so jemanden. Er würde das allerdings nie im Leben zugeben. Um die Hauptstadt ins Bild zu setzen wie er, braucht man ganz andere Qualitäten: technischen Sachverstand, einen nüchternen Sinn für Winkel und Kalkulation und ein sehr robustes Nervensystem, das einen schwindelfrei hält. Die Geschichten, die Robert Grahn, "Baujahr 1964", wie er das ausdrückt, zu erzählen hat, klingen jedenfalls allesamt so, als ob heißblütige Romantiker auf der Suche nach dem finalen Kick in seinem Job so passend wären wie Buttercreme auf einem blutigen Steak.

Robert Grahn mag selbstverständlich aus beruflichem Interesse keine Wolken, so fängt es schon mal an. Wenn er mit seiner einmotorigen Cessna 172, Baujahr 1966, die er 2007 in mühevoller Kleinarbeit über ein halbes Jahr lang selbst neu aufbaute, über der Stadt unterwegs ist, kann kaum etwas Schlimmeres passieren, als wenn sich der Himmel entgegen allen Vorhersagen zuzieht. Grahn benutzt für seine Fotos eine normale Digital-Profikamera, die er aus dem geöffneten Fenster seines Flugzeuges hält. Die kann ihm dann nicht mehr helfen: Wolken werfen nun einmal Schatten - und ein Schatten auf dem ohnehin wuseligen Pariser Platz, das bedeutet, dass das Bild nicht mehr vorzeigbar, geschweige denn verkäuflich ist. Darum geht es in letzter Konsequenz.

Geerdet im Mahlsdorfer Souterrain

Grahns Firma euroluftbild.de ist keine Künstlerenklave, sondern eine Bildagentur, die ihren Sitz in Mahlsdorf hat, dem grünen Teil Marzahns, der allerdings mit seinen schmucken Einfamilienhäusern von der Hipness Mittes oder des Prenzlauer Bergs tatsächlich einige S-Bahn-Stationen weit weg ist. Grahn empfängt in seinem Souterrain-Büro in blauem T-Shirt, Shorts und Sandalen, der Händedruck verrät genau wie der Brustkorb, dass es sich bei ihm um einen kräftigen Mann handelt. Ein lockerer Seitenscheitel ordnet das braune Haar, dicke Koteletten unterstreichen den maskulinen Eindruck. Grahn, der sich selbst als "Dienstleister" bezeichnet, arbeitet für Zeitungen und Magazine genauso wie für Privatkunden.

Was die Freiheit über den Wolken angeht, so ist dieser Satz für Berlin inzwischen eine komplett falsche Behauptung. Am hauptstädtischen Himmel gibt es längst kontrollierte und unkontrollierte Lufträume. Die Regelung des Innenstadtsperrgebiets im Luftraum war eine Reaktion der Behörden darauf, dass im Juli 2005 ein verirrter Sportpilot in einem Doppeldecker gefährlich nahe am Reichstag abstürzte. Für Robert Grahn bedeutet diese Vorsichtsmaßnahme, dass er sich, wenn er wichtige öffentliche Plätze oder Gebäude ablichten will, einem Extrasicherheitscheck in Berlin-Schönefeld unterziehen muss und für die entsprechenden Genehmigungen draufzahlt. Das lässt die Preise steigen. Wobei es für Grahn, abhängig vom Wetter, wie er nun einmal ist, ohnehin nur wenige Tage gibt, an denen er Chancen hat, Fotos zu schießen, die seinen Ansprüchen genügen. Die besten Lichtverhältnisse gibt es von Mai bis September, ein verregneter Sommer wie der vergangene kann einem das Geschäft ein wenig madig machen.

Robert Grahn kennt Berlin, seit er denken kann. Gebürtig in Potsdam, hat er nur einmal zwischenzeitlich kurz in Thüringen gelebt. Grahn ist ausgebildeter Flugzeugmechaniker, seinen Flugschein machte er 1998. Zuvor flog er für seine Fotos bei anderen Piloten mit. Er vergleicht seine Liebe zum Fliegen ziemlich prosaisch mit dem Rauchen, eine Sucht sei das eine wie das andere. Mit 15 Jahren saß er erstmalig in einem Segelflieger, für ihn ein buchstäblich unbeschreibliches Gefühl.

Was bei der Arbeit über Berlin besonders ist? Die Ordnung, die diese Stadt ausstrahle, sagt Robert Grahn - und das wird jeden überraschen, der im Stau stand, weil aus irgendwelchen Gründen mal wieder eine Großbaustelle die Straßenführung in ein absurdes Umleitungswirrwarr verwandelte.

Von oben betrachtet stellt sich das ganz anders dar: "Wenn Sie über Frankfurt oder Düsseldorf fliegen, dann können Sie die Grenzen zum Umland gar nicht richtig erkennen." Berlin sei ringförmig aufgebaut, und die Grenzen seien deutlich markiert. Sehr deutlich, fügt man im Kopf hinzu, denn zumindest zwischen Westteil und Umland stand ja einmal eine Mauer, die möglichst unüberwindbar sein sollte.

Bei der Durchsicht der Motive in seinem Buch bemerkte Grahn etwas Paradoxes: Dadurch, dass er seit Anfang der 90er-Jahre so viele Bilder von den wichtigsten Orten und Gebäuden Berlins gemacht hatte, fiel ihm kaum auf, wie sehr sich einige von ihnen verändert hatten.

Er bekam die Wandlungen der Kraterlandschaften zu vollgebauten urbanen Zentren ja nur scheibchenweise mit. Von dem Publizisten Karl Scheffler, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte, stammt der berühmte Ausspruch, Berlin sei dazu verdammt, immer zu werden und niemals zu sein. Der Luftfotograf Robert Grahn sieht das etwas entspannter, etwas mehr mit Wolf Biermanns "Nur wer sich verändert, bleibt sich treu". Man würde ihn beispielsweise niemals privat am Potsdamer Platz begegnen; zu gesichtslos, sagt er. Andererseits könne er sich noch an Zeiten erinnern, als er selbst als Kind mitten auf der Leipziger Straße spielte, was überhaupt kein Problem war, es kam ohnehin kaum je ein Auto.

Wandel als städtisches Prinzip

Eine Großstadt ohne Veränderung, das sei undenkbar - und gerade in Berlin sei es problemlos vorstellbar, dass der Potsdamer Platz innerhalb der nächsten 30 Jahre wieder abgerissen und noch einmal von Grund auf neu gestaltet werde. Grahn scheint das nicht absurd zu finden, er stellt es einfach nur fest.

Einiges von dem, was in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern gebaut wurde, habe man inzwischen ja auch wieder eingestampft. Der Lauf der Dinge. Und wenn Mitte und Prenzlauer Berg inzwischen für die meisten Berliner unbezahlbar geworden sind, dann ist das Preisniveau in dieser Stadt, verglichen mit London oder Paris, nach Grahns Meinung noch immer sehr zivil. Was stimmt - und deswegen freuen sich so viele Touristen aus anderen Städten immer über die besonders entspannte Atmosphäre in Berlin.

Auf sein Buch kommt Robert Grahn nur zögerlich zu sprechen. Man müsse ganz sachlich sagen, dass viele Fotografen selbstverliebt seien. Insofern - seine eigene Arbeit zu bewerten, nein, das stehe ihm nicht zu. Es dauert ein wenig, bis er sich dazu durchringt, das Buch als eines zu bewerten, mit dem man "sich sehen lassen" könne. Dann erzählt er lieber wieder von seinem Job. Wie er 2010 zur Fußballweltmeisterschaft acht, neun Stunden lang über den Stadien kreiste und abends die Fotos noch digital bearbeitete. Oder, nicht ohne Stolz, dass er am Wochenende in die Ukraine fliege und seine Agentur, wenn denn alles funktioniere, die einzige weltweit sei, die von allen WM-Stadien in Polen und der Ukraine Luftfotos anbieten könne.

Gerne überfliegen und fotografieren würde er Paris. Er kennt die Stadt von Besuchen, bewundert die Architektur. Aber das dürfte schwierig werden: Über der französischen Hauptstadt dürfen nur mindestens zweimotorige Flugzeuge unterwegs sein, seine Cessna, die er vor zwei Jahren feuerrot anstrich, käme also nicht in Betracht. Und außerdem sind die entsprechenden Genehmigungen noch wesentlicher schwieriger einzuholen als in Berlin. Robert Grahn macht allerdings nicht den Eindruck, als ob ihn das abhalten könne.

Für die deutsche Hauptstadt hat er einen großen Wunsch. Ein Gebäude solle bitte für möglichst immer da stehen, wo es ist - und das ist der Fernsehturm am Alexanderplatz: "Glauben Se, ick rede hier von dem Türmchen da in Charlottenburg?", fragt der Fotograf auf einmal sehr lebhaft. Seit er sich erinnern könne, sei dieser Dorn aus Beton immer überall sichtbar gewesen, gefühlte vier Millionen Mal habe er ihn jetzt überflogen, und noch jedes Mal habe er durch immer neue Lichteinfälle etwas Neues entdecken können, etwas, das ihn stets neu inspirierte. Na bitte. Klappt doch mit der Romantik. Zumindest ab und zu.

Robert Grahn: "Wandel im Flug - Berlins Veränderung nach der Wende", Verlag Berlin Story. 144 Seiten, fester Einband,19,80 Euro.