Florian Graf

CDU-Fraktionschef gibt Täuschung in der Doktorarbeit zu

Florian Graf schrieb von zwei Autoren aus dem Internet ab. Heute entscheidet die Universität

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Florian Graf hat für seine Doktorarbeit Teile von mindestens zwei wissenschaftlichen Arbeiten anderer Autoren aus dem Internet kopiert - ohne dies kenntlich zu machen. Auch im Literaturverzeichnis seiner Promotion tauchen die Autoren nicht auf. Wie am Dienstag bekannt wurde, betrifft der Plagiatsvorwurf sieben der 209 Seiten seiner Promotion. Dabei geht es um einen Passus über den wissenschaftlichen Forschungsstand zur CDU. Zudem hat er Fehler beim Zitieren gemacht. In einem Brief, den Graf am Montag an die Universität Potsdam geschrieben hat, gab er zu, sich fremdes Wissen zu Eigen gemacht zu haben. "Dies ist eine Täuschungshandlung", so Graf an die Dekanin der Universität Potsdam, Theresa Wobbe.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende hatte am Freitag seine Promotionsurkunde persönlich in Potsdam zurückgegeben und um die Entziehung seines Titels gebeten. Ein Universitätsausschuss wird am heutigen Mittwoch darüber entscheiden. Die Entziehung des Doktortitels ist sehr wahrscheinlich. Aus dem Brief an die Universität ergeben sich nun neue Details.

Über den Niedergang der Union

In seinem vierseitigen Schreiben an die Dekanin entschuldigt sich Graf für sein Handeln. Es sei zu keiner Zeit seine Absicht gewesen, dem Ruf der Universität Potsdam zu schaden. Graf hatte 2003 mit seiner Doktorarbeit zum Thema "Der Entwicklungsprozess einer Oppositionspartei nach dem abrupten Ende langjähriger Regierungsverantwortung" begonnen. Insbesondere den Niedergang der Berliner CDU nach dem Bankenskandal wollte Graf wissenschaftlich analysieren und auf mögliche Parallelen zu anderen Landesverbänden untersuchen. 2010 gab Graf seine Arbeit ab. Sie wurde mit "cum laude", was der Note zwei entspricht, bewertet. Zum üblichen Verfahren gehört auch eine Veröffentlichung der wissenschaftlichen Ergebnisse in einer Fachzeitschrift. Doch diese Zusammenfassung schob Graf immer wieder vor sich her. Die eigentliche Arbeit war solange mit einem Sperrvermerk versehen und wurde somit nicht veröffentlicht.

Der CDU-Fraktionschef macht die hohe Belastung durch den Wahlkampf und die anschließende Regierungsbildung dafür verantwortlich, dass er die Zusammenfassung immer wieder verschoben habe. "Meine eigene politische Tätigkeit weitete sich dagegen immer mehr aus. Und trotzdem wollte ich meinem Anspruch, dieses Promotionsvorhaben zu Ende zu bringen, gerecht werden. Heute weiß ich: Wissenschaft und Politik lassen sich nicht gleichzeitig ausüben." Schon im Herbst 2011 wusste Graf, dass er in seiner Arbeit schwerwiegende Fehler gemacht hatte. Spätestens seit der Plagiatsaffäre um den damaligen Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg machte sich Graf Gedanken, ob seine Arbeit den wissenschaftlichen Anforderungen standhalten würde. Obwohl die Arbeit nicht veröffentlicht war, nutzte Graf die Möglichkeit, den Doktortitel zu führen. Das sei im Nachhinein ein Fehler gewesen, so Graf in dem Schreiben an die Universität. "Wer mich kennt, weiß, dass ich mit diesem Titel zurückhaltend umgegangen bin", schrieb Graf.

Gleichzeitig drängte die Universität. Es gab eine Anfrage nach der Dissertation. Die Hochschule interessierte sich dafür, wieso die abgeschlossene Arbeit nicht veröffentlicht wurde. Graf machte sich an die Arbeit, um die erforderliche Zusammenfassung für die Fachzeitschrift zu schreiben. Dabei kamen ihm immer mehr Zweifel. "Es wäre richtig gewesen, wenn ich den Schritt, die Aberkennung meines Titels zu beantragen, schon früher gegangen wäre. Dazu fehlte mir aber der Mut und ich hatte Sorge vor der öffentlichen Wirkung", so Graf in seinem Brief.

Obwohl er Bedenken hatte, konnte sich Graf zu einer Rückgabe seines Doktortitels offenbar lange Zeit nicht durchringen. Politisch wäre das auch heikel gewesen, denn der enge Vertraute des Parteivorsitzenden Frank Henkel war damals auf dem Sprung, Fraktionsvorsitzender der Berliner CDU zu werden. Sollte die Berliner Union zusammen mit der SPD ein Regierungsbündnis schmieden können, galt Graf als potenzieller Fraktionschef. Bei einem Fall "Guttenberg" in der Berliner CDU wäre Graf womöglich nicht Fraktionsvorsitzender geworden.

Graf versuchte offenbar noch, das bei der Universität vorliegende Manuskript für den Verlagsdruck der eigentlichen Doktorarbeit zu verändern. "Mir ist aber inzwischen klar, dass auch diese überarbeitete Fassung keinen Bestand haben kann, weshalb ich die Arbeit insgesamt zurückziehe", so Graf in seinem Brief an die Hochschule. Den politischen Schlussstrich will der Fraktionsvorsitzende am Donnerstag ziehen. Dann kommen die CDU-Abgeordneten zu einer Sondersitzung zusammen. Sie sollen abstimmen, ob sie noch Vertrauen in ihren Fraktionsvorsitzenden haben. Im Vorfeld hatten viele Politiker Graf unterstützt und ihn aufgefordert, im Amt zu bleiben. Graf gilt als ausgleichend und ruhig. Seine Amtsführung wurde bisher nicht kritisiert.