1. Mai

Erst ist die Party friedlich - dann wird es unruhig

1. Mai: Mehr als 36.000 Menschen feiern auf dem Myfest in Kreuzberg. Am Abend tauchen nach dem Ende der Demonstration viele Autonome auf.

Es ist der späte Dienstagabend, als auf dem Myfest beunruhigende Nachrichten eintreffen: Von der in Kreuzberg am Jüdischen Museum gestoppten Demonstration ziehen Hunderte Menschen zurück zum Straßenfest auf dem Mariannenplatz. Plötzlich tauchen Vermummte vor den Bühnen auf. Ausgerechnet auf dem Myfest, mit dem Anwohner Krawalle im Kiez verhindern wollen. Ausschreitungen bleiben aber aus. Die Polizei hat die Lage unter Kontrolle, bis um 0.15 Uhr die letzte Bühne schließt und das Myfest damit offiziell und ohne Zwischenfälle zuende geht.

Auch der Nachmittag verläuft weitgehend problemlos. Es gibt nur eine nicht ganz ernst gemeinte Wasserattacke. Um 13.23 Uhr kippt ein junger Mann in der Naunynstraße 24 eine Schüssel Wasser vom vierten Stock auf die Straße. Der große Platsch landet genau neben dem Grill, der am Fußweg aufgebaut ist. Es gibt Steak für drei Euro, Bier für zwei Euro und Cola für 1,50 Euro. Die Verkäuferin brüllt entrüstet nach oben: "Bist du wahnsinnig!" Er zurück: "Ich hab' doch gar nicht auf euch gezielt!" Er wolle die heiße Straße etwas abkühlen. Doch er hat nicht gesehen, dass genau in seiner Hauseinfahrt drei Polizisten stehen. Sie kommen hervor und rufen zu ihm, dass er damit aufhören solle. Er hebt beschwichtigend die Hände. "Schon gut, ich bin wieder lieb."

Es ist das zehnte Mal, dass dieses Fest in der Gegend zwischen Oranien- und Mariannenplatz stattfindet. Eine Kiezinitiative hatte es erfunden, um ein Gegenprogramm zu den Ausschreitungen zu bieten. Friedlich soll der Platz besetzt sein - damit Krawallmacher keine Chance haben. Auch in diesem Jahr ist die Stimmung am Nachmittag betont friedlich. Berlin hat sein erstes Sommerwochenende hinter sich, viele haben einen Brückentag genommen. Einheimische und Touristen vermischen sich, mit Bier, Caipirinha und Holunderblütensaft in der Hand, und hören Musik. Alle 30 Meter ist eine Bühne aufgebaut. Etwa 36.000 Menschen sind gekommen.

Julia weiß, dass diese friedliche Stimmung auch trügen kann. Die 23 Jahre alte Schwedin hat vor zwei Jahren noch direkt am Mariannenplatz gewohnt. Sie erinnert sich noch, dass sie kurz nach Mitternacht am 1. Mai von einem Knall aufgewacht ist. "Das war in meinem Innenhof", sagt sie. Ihre Freundin Ida aus Schweden hatte bei ihr übernachtet, und der Knall war erst der Anfang: Es brannten Autos, und Julia hatte schon Angst, dass sie in ihrer Wohnung nicht mehr sicher sei. Sie wohnt inzwischen in der Sonnenallee und fühlt sich wohl in Neukölln.

An diesem Myfest ist Julia mit Ida, die inzwischen auch nach Berlin gezogen ist, mit einem Plastikbecher Bier unterwegs. Sie haben zusammen gefrühstückt und sich sommerlich angezogen für diesen Tag. Sie wollen noch eine Weile über den Mariannenplatz schlendern und verschiedene Musikstile genießen. "Ein bisschen schade ist es schon", sagt Julia, "dass ich hier weggezogen bin." Denn mal eben kurz nach Hause gehen und sich frisch machen, das geht gerade nicht. Am Abend wollen sie in einem Tempelhofer Club noch Swing tanzen. Sie wissen, dass es in Kreuzberg später noch unruhiger werden kann.

Unterschrieben haben sie bisher auf dem Fest noch nichts. Es gibt nämlich viele Gelegenheiten, zu unterschreiben. Um das Stromnetz von Vattenfall zurückzufordern, um Freiheit für Laura Gomez zu fordern, eine spanische Linksaktivistin, die am 24. April dieses Jahres festgenommen wurde. Oder man kann gegen Staudämme in Munzur unterschreiben, das ist eine Gegend 850 Kilometer östlich von Ankara. Internationale Themen, typisch Kreuzberg eben. Unterschreiben muss niemand. Aber Politik interessiert viele Besucher an diesem 1. Mai nicht wirklich. Sie wollen einfach nur die Musik hören, tanzen und friedlich feiern - bis spät in den lauen Sommerabend.