Doktortitel

CDU-Fraktion stärkt Florian Graf den Rücken

Uni Potsdam prüft, ob Teile der Dissertation des Fraktionschefs abgeschrieben sind. Er gibt seinen Titel zurück

Selbst hohe CDU-Funktionäre traf die Mitteilung ihres Fraktionschefs am Freitagabend vollkommen unvorbereitet. Florian Graf, allseits als umsichtiger Haushaltspolitiker geschätzt, teilte seinen Parteikollegen mit, dass er seinen Doktortitel abgibt. Am Freitagmorgen war er nach Potsdam gefahren, um an der Universität seine Promotionsurkunde zurückzugeben. Am Nachmittag unterrichtete er enge politische Weggefährten von seinem Schritt, dann ging er mit einer zweiseitigen Stellungnahme auch an die Öffentlichkeit.

"Ich habe nach eingehender Prüfung in den letzten Wochen festgestellt, dass ich den an mich selbst gestellten Ansprüchen im Hinblick auf ein Standhalten meiner Dissertation in der Öffentlichkeit nicht gerecht geworden bin", schreibt Graf. "Insbesondere muss ich im Nachhinein feststellen, dass ich an einigen Stellen wissenschaftlich nicht fehlerfrei gearbeitet habe."

Graf hatte nach eigener Aussage Zweifel bekommen, als er über Ostern für eine Fachzeitschrift eine Zusammenfassung seiner bis dahin nicht veröffentlichten Doktorarbeit erstellen wollte. Die Zusammenfassung hatte er erst jetzt schreiben wollen, weil er zuvor mit dem Wahlkampf beschäftigt war. Das war so mit seiner Doktormutter, der Dekanin der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam, Theresa Wobbe, abgesprochen. Deswegen gab es auch eine Sperrfrist auf die Veröffentlichung der eigentlichen Doktorarbeit. Die Arbeit mit dem Titel "Der Entwicklungsprozess einer Oppositionspartei nach dem abrupten Ende langjähriger Regierungsverantwortung" hatte Graf bereits vor zwei Jahren abgegeben.

Nach einer Presseerklärung der Uni von Freitag stellt sich der Fall etwas anders dar. "Nachdem Zweifel an der wissenschaftlichen Qualität der Dissertation aufgekommen waren, hat die Dekanin den Qualitätsrichtlinien der Universität entsprechend eine Prüfung der Dissertation veranlasst", heißt es. "Daraus ergab sich ein Plagiatsverdacht, zu dem Dr. Graf um Stellungnahme gebeten wurde. Daraufhin stellte er heute den Antrag auf Entziehung des Doktorgrades."

Graf selbst war am Freitag nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen. Seine Fraktionskollegen rief er in seiner Erklärung zu einer Sondersitzung am kommenden Donnerstag zusammen. Dann will er die Vertrauensfrage stellen.

Auf den Rückhalt seiner Fraktion kann sich Graf aber nach einigen spontanen Aussagen seiner Parteifreunde am Freitag verlassen. "Für diesen schnellen und konsequenten Schritt hat Florian Graf meinen großen Respekt", sagte CDU-Landeschef Frank Henkel. Graf sei ein ausgezeichneter Fraktionschef und genieße seine volle Unterstützung.

Von der Fraktion hoch geschätzt

Auch seine Stellvertreter stellten sich am Freitag hinter ihren Fraktionschef. "Florian Graf ist für mich ein sehr guter Fraktionschef und hat mein Vertrauen", sagte Cornelia Seibeld. Sie gehe davon aus, dass die Fraktion diese Einschätzung teile. "Für die Sondersitzung der Fraktion erwarte ich daher keine Sensationen", sagte Seibeld. Der zweite Stellvertreter Stefan Evers sagte, er habe keine Zweifel, dass Graf das Vertrauen ausgesprochen werde. "Ich kann nur für mich sprechen, aber mir zeigt seine Vorgehensweise den Anstand, für den er von uns in der Fraktion generell geschätzt wird und Loyalität erfährt", sagte Evers.

Auch der CDU-Politiker und Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, Andreas Gram, sprach Graf sein Vertrauen aus. "Ich lege seine Leistung als Fraktionschef zugrunde und die ist hervorragend. Meine Solidarität hat er", sagte Gram. "Er hat einen Fehler gemacht, das darf aber nicht dazu führen, dass sein ganzes Leben zerstört wird." Der innenpolitische Sprecher der Fraktion, Robbin Juhnke, sicherte Graf seine volle Unterstützung zu. "Ich zweifle nicht an seiner menschlichen, politischen und akademischen Integrität."

Florian Graf war nach der überraschenden Regierungsbeteiligung der CDU am aktuellen Senat zum Fraktionschef gewählt worden. Er gilt als gewissenhafter Politiker, der sich in der vergangenen Legislaturperiode als Haushaltsexperte seiner Partei einen Namen gemacht hat. Auch in den ersten Monaten als Fraktionschef erhielt er für seine umsichtige Amtsführung über die eigenen Parteigrenzen hinaus Anerkennung. Der 39-Jährige ist CDU-Kreischef von Tempelhof-Schöneberg. Nach drei Jahren Verwaltungstätigkeit in der Innenverwaltung wechselte er im Jahr 2000 als Persönlicher Referent ins Wissenschaftsressort. Seit 2006 sitzt Graf im Abgeordnetenhaus, seit 2009 als Parlamentarischer Geschäftsführer, seit vier Monaten auch als Fraktionschef.