Sicherheit

Deutlicher Anstieg bei Arbeitsunfällen auf Berlins Baustellen

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Christina Brüning

Alle 15 Minuten verunglückt ein Beschäftigter. Kontrollen müssen vorher angemeldet werden

Die Zahl der Unfälle bei der Arbeit und auf dem Weg zur Arbeitsstelle ist in Berlin deutlich gestiegen. So lag die Zahl der meldepflichtigen Arbeits- und Wegeunfälle im Jahr 2010 bei rund 47.600, ein Jahr zuvor waren es noch gut 42.200. Das entspricht einem Plus von 13 Prozent. Die Zahlen gehen aus dem Bericht über den Arbeitsschutz in Berlin hervor, den die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen am Mittwoch vorgelegt hat.

"In Berlin verunfallen täglich etwa alle 15 Minuten Menschen bei der Arbeit so schwer, dass eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens drei Tagen erfolgt", heißt es in dem Bericht. Dann ist ein solcher Arbeitsunfall meldepflichtig. Für das Jahr 2011 liegen der Senatsverwaltung noch keine Daten über die Anzahl der Arbeitsunfälle vor, klar ist bisher nur, dass es mehr Unfälle mit tödlichem Ausgang am Arbeitsplatz gegeben hat. Während die Zahl der Todesfälle von 2009 zu 2010 noch von elf auf acht zurückgegangen war, sind im vergangenen Jahr wieder elf Menschen durch Unfälle bei der Arbeit ums Leben gekommen.

Vor allem tragische Stürze auf Baustellen werden im Jahresbericht der Berliner Arbeitsschutzbehörden als Ursache für die Todesfälle genannt. Sieben Mitarbeiter seien beim Absturz von Baugerüsten oder Leitern tödlich verunglückt, heißt es. Bei einem weiteren Todesfall stürzte ein Mitarbeiter durch eine "nicht durchtrittsicherere" Stelle in einem Dach. Ein Berliner starb dem Bericht zufolge beim Fällen eines Baumes, einer wurde in einer Werkhalle von einem herabstürzenden Rohr erschlagen, was den Angaben zufolge mehr als eine Tonne schwer war. Ein weiteres fatales Unglück ereignete sich beim Sturz von einem Ladungsbehälter an einem Binnenschiff, der Beschäftigte ertrank in diesem Fall.

Bundesweiter Trend

Die wachsende Zahl der Arbeitsunfälle ist laut Senatsverwaltung ein bundesweiter Trend. Auch für 2011 werden demnach wieder mehr Unfälle erwartet. Laut Gesetzlicher Unfallversicherung ist im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres die Zahl der Arbeitsunfälle im gesamten Bundesgebiet gestiegen. Schuld an dieser Entwicklung ist laut Senatsverwaltung die gute Konjunktur. Höhere Beschäftigtenzahlen und Neueinstellungen, die mit Betriebsabläufen noch nicht vertraut seien, treiben demnach die Zahlen in die Höhe.

Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) mahnte am Mittwoch vor diesem Hintergrund, angesichts der guten wirtschaftlichen Entwicklung und der steigenden Beschäftigtenzahlen, Sicherheit und Gesundheit neuer Mitarbeiter "gebührend zu berücksichtigen". "Gute, gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen zahlen sich dann für den Betrieb auch wirtschaftlich aus", sagte Kolat. Im Ländervergleich sei Berlin unter den Ländern mit der geringsten Unfallzahl.

Allein mit der wachsenden Zahl Erwerbstätiger und neuer Mitarbeiter könne die Entwicklung der Arbeitsunfälle nicht erklärt werden, sagt Udo Hartmann, Fachmann für Arbeitssicherheit an der Humboldt-Universität. Der Anstieg bei den Unfallzahlen sei weitaus höher als der Zuwachs an Erwerbstätigen. "Das deutet darauf hin, dass beim Arbeitsschutz in den Betrieben die Hausaufgaben besser gemacht werden müssen", sagte Hartmann. Die Schuld an Unfällen dürfe nicht den Arbeitnehmern zugeschoben werden, die Arbeitgeber seien in der Pflicht, für ausreichend Technik, Organisation und Personal für die Arbeitssicherheit zu sorgen.

Zu wenig Personal

Im Jahresbericht werden allerdings auch deutlich die Probleme angesprochen, die das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LAGetSi) etwa bei der Kontrolle von Betrieben hat. 1072 Kontrollen seien im vergangenen Jahr vorgenommen worden, heißt es im Bericht. Doch die Behörde habe Schwierigkeiten, in Anbetracht von wenig Personal gewissen Aufgaben wie etwa der Präventionsberatung in Betrieben nachzukommen. Auch bestehe ein Problem darin, dass Kontrollen stets vorher angemeldet werden müssten. "Die Voranmeldung macht es unmöglich, die unverfälschte Wirklichkeit zu beobachten", heißt es im Bericht. Auch gebe es Schwierigkeiten damit, Betriebe zu identifizieren, die Leiharbeitnehmer einsetzen. Darüber hinaus soll der Arbeitsschutz für Zeitarbeitnehmer verbessert werden.

Im Gegensatz zu den Arbeitsunfällen zeigt sich im Bereich der Berufskrankheiten ein besseres Bild als in den Vorjahren. Die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle sei in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, heißt es. Im Jahr 2000 sind demnach rund 2600 Fälle angezeigt worden, bei denen der Verdacht einer Berufskrankheit vorlag, 2011 waren es noch gut 1500 Fälle. Am häufigsten litten Arbeitnehmer berufsbedingt unter Hauterkrankungen. Auch die Zahl der asbestbedingten Krankheiten sei "erwartungsgemäß weiter hoch", auf Platz drei der häufigsten Berufskrankheiten folgten Probleme mit den Bandscheiben.