Serie: Wahre Werte

"Ich sehe die Freiheit noch nicht"

Sandra und Malak B. sind vor dem Krieg in Syrien geflohen. Doch angekommen sind sie noch nicht in ihrem neuen Leben - Serie, Teil 9

Malaks Freiheit hat 3000 Dollar gekostet. Diese Summe haben die Beamten von seiner Familie gefordert. Aber frei ist er dadurch nicht geworden. Ja, sie haben ihn aus dem Gefängnis entlassen. Doch daran war eine Bedingung geknüpft: Jetzt musst du das Land verlassen, haben sie ihm gesagt. Sonst kriegen wir dich.

Malak B. sitzt auf einem Bett im Übergangswohnheim Marienfelder Allee. Links versteckt sich der dreijährige Siwar hinter seinem muskulösen Arm, rechts krallt sich Basit ins graue T-Shirt. Die Zwillinge sind zu klein, um zu verstehen, dass die Besucher dem Vater nichts Böses wollen. Fremde in der Wohnung, vor allem solche, die Arabisch sprechen, wecken schlechte Erinnerungen. Eine Schreckensminute war Sandra B. am Morgen wie versteinert in der Tür stehen geblieben. "Ja, bitte?"

Nur Melican betrachtet die Eindringlinge neugierig und wagt sich auf dem blanken PVC einen schwankenden Babyschritt nach vorn. Sie war kaum älter als ein halbes Jahr, als die Polizei über Wochen Tag und Nacht das Haus der Eltern stürmte, um den Vater zu bedrängen. Sie weiß nicht, dass nur Bestechung ihn davor rettete, in diesen Krieg zu ziehen, der seit über einem Jahr andauert und mehr als 9000 Menschen das Leben kostete. Für Melican ist die alte Heimat, nach der die Brüder jeden Tag fragen, weit weg. Für ihre Eltern ist sie verloren. Den Dolmetscher, selbst ein kurdischer Syrer, trifft dieses Gefühl sehr, zweimal fragt er nach, bevor er Malaks Satz übersetzt: "Syrien gehört mir nicht mehr."

Manchmal sehen die B.s im Fernsehen die Bilder. Anschläge, Kämpfe, Tote auf den Straßen. Dann rufen sie zuhause an, wie es der Familie geht. Sandra hat neun Geschwister, die meisten sind bereits aus dem Land geflohen. Eine Schwester lebt heute in Oldenburg. Nur die drei kleinen, die noch zur Schule gehen, sind beim Vater geblieben.

Als Jugendlicher zweieinhalb Jahre in der Armee gedient

Die B.s sind Jesiden, eine Religionsgruppe innerhalb des kurdischen Volkes. Sie stammen aus dem von Kurden bewohnten Gebiet im Nordosten Syriens. Schon bevor Assads Regime begann, den Aufstand seines Volkes blutig niederzuschlagen, waren die Jesiden Repressionen ausgesetzt, sagen die B.s. In der Schule, auf den Ämtern, im Beruf. Doch seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs sei der Druck unerträglich geworden.

Malak B. hatte als Jugendlicher in der syrischen Armee gedient. Zweieinhalb Jahre lang. Als der Krieg begann, wurde er von der syrischen Armee eingezogen. Doch er weigerte sich. Da nahmen sie ihn in Haft.

Als er freikam, ging es ums Überleben. Einer ihrer Freunde hält sich seit Monaten versteckt, noch nicht mal seine Frau weiß, wie es ihm geht. "Das ist kein Leben", sagt Sandra. Sie beschlossen, gemeinsam zu fliehen. So wie so viele andere jungen Männer und Frauen in ihrem Dorf, deren Geschichten man sich jeden Tag auf der Straße erzählte.

"Meine Kinder sind nicht schuld an diesem Krieg", hat Sandras Vater gesagt. "Sie sollen frei sein, zu gehen." Er hat sein Haus verkauft um Sandra und Malak, die selbst alles schon verkauft hatten, Flugtickets und Pässe zu besorgen. Nach Berlin. Noch am Flughafen sind die B.s zur Polizei gegangen. Wir sind Flüchtlinge aus Syrien, haben sie gesagt.

Jetzt sind sie hier. In einer Stadt, die für Sandra B. aus drei Zimmern, Küche, Bad besteht. Es gibt kaum Möbel, wenige persönliche Gegenstände. Auf einem der Betten liegt ein einsamer Stoffelefant mit Flatterohren, an der Wand gegenüber hängt der Plan der BVG. Kann Sandra zeigen, wo wir sind? Sie lächelt. "Keine Ahnung."

Die Karte gehört Malak. Er lernt gerade die Wege durch diese neue Stadt. Jeden Tag fährt er zum Kottbusser Tor. Dort besucht er einen Deutschkurs, knüpft Kontakte zur kurdischen Gemeinde. Er will, dass seine Frau auch einmal mitkommt. Dann könnte er ihr und den Kindern das Brandenburger Tor zeigen. Oder den Alexanderplatz. Aber Sandra will nicht. Warum nicht? Sie zuckt mit den Schultern, lächelt.

Sandra trägt eine modisch verfärbte Jeans, ein strassbesetztes Shirt, die Haare sind zum Pferdeschwanz gebunden. Wenn überhaupt, dann würde sie außerhalb des Wohnheims nur deswegen auffallen, weil sie eine sehr hübsche Frau ist. Aber nach draußen geht sie nicht. Noch macht sie die Freiheit unfrei. Sie misstraut ihr. Zweimal erst hat sie sich aus dem 40.000 Quadratmeter großen Gelände des Wohnheims herausgetraut. Sie wollte zum Supermarkt, einkaufen. Beim ersten Mal hat sie auf dem halben Weg umgedreht. Ein paar Tage später brauchte sie Windeln für Melican. Diesmal ist sie in den Laden rein und direkt zur Kosmetikabteilung durch. Sie hat das Windelpaket fest unter den Arm genommen. Aber dann hat sie sich nicht zur Kasse gewagt. Sandra lacht, als sie die Geschichte erzählt. "Ich habe sicher 30 Runden zwischen Klopapier und Saft gedreht. Und dann habe ich dem Kassierer einen 20-Euro-Schein gegeben und nach noch mehr Geld im Portemonnaie gekramt, und überhaupt nicht mitbekommen, dass er versuchte mir zu sagen, das sei längst viel zu viel."

Diese Frau, die sie durch Verfolgung und Flucht geworden ist, ist seltsam. Mal macht sie Sandra traurig, mal findet sie sie albern. Dieses Scheue, Unnahbare, Rätselhafte, das kennt Sandra nicht. "Zuhause hatte ich viele Freundinnen, wir gingen aus, bummeln, in die Stadt, aber hier?" Eine innere Freiheit hat sie noch nicht gewonnen.

Fast 500 Menschen aus mehr als zehn Ländern leben in den Gebäuden der Marienfelder Allee. Die Adresse ist weltbekannt geworden, denn von 1953 bis 1990 kam hier zwei Drittel aller Flüchtlinge aus der DDR an. Heute ist das Übergangswohnheim in Händen des Internationalen Bundes. Sechs Sozialpädagogen organisieren den Alltag: Sie bieten Mädchengruppen, individuelle Betreuung, Sprachkurse. Und immer mal wieder feiern sie auch gemeinsame Feste. Da die Wohnungen hier größer sind als in den anderen Übergangsheimen, warten vor allem Familien mit Kindern darauf, wie über ihren Asylantrag entschieden wird. Die allermeisten jedoch, 90 Prozent, werden abgelehnt.

Sandra trifft andere Frauen, bei den Waschmaschinen, in der Kita, am Spielplatz. Aber sie kommuniziert kaum mit ihnen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich mit einer fremden Frau anfreunde." In ihrem Dorf leben 30 Familien, jeder kannte jeden, die meisten waren verwandt miteinander. Im Wohnheim ist sie auf einmal unbekannt. Zum Frauentreff ist sie noch nicht gegangen. Sie ist unsicher geworden. "Ich habe keine freien Hände", sagt Sandra. Es ist eine kurdische Redensart.

In dem ersten Heim, das sie aufnahm, musste die Familie Küche und Bad mit Fremden teilen. Einen Monat lang hat Sandra das Zimmer, das ihnen zugewiesen war, nur in Notfällen verlassen. Eine selbstgewählte Gefangenschaft, die dadurch noch schlimmer wurde, dass der Nachbar unter ihnen sich durch die Kinder gestört fühlte und ständig gegen die Heizung schlug, um mit dem dumpfen Geräusch für Ruhe zu sorgen. Sandra sagt: "Jetzt haben die Jungen auch noch Angst vor der Heizung." Sie sagt es mit dieser eigenartigen Erheiterung, mit der sie dieser Tage ihr Leben betrachtet. So als wolle sie sagen: Was ist nur aus uns geworden? Freiheit bedeutet für die B.s erstmal Abwesenheit von Vertrautem. Aller Alltag ist aus ihrem Leben verschwunden.

"Auf einmal habe ich Termine, das kenne ich gar nicht"

Vor ein paar Wochen hat Sandra das erste Mal die Kinder in die Betreuung gebracht, die das Wohnheim anbietet. Erst hatte sie nicht gewollt, war misstrauisch. "Aber dann habe ich gesehen, wie gut die Frauen da mit den Kindern umgehen. Ich war total begeistert." Jetzt bringt sie die Jungs regelmäßig zum Spielen mit anderen Kindern. Dann geht sie zurück in die Wohnung und putzt dieses geliehene Zuhause, von dem sie findet, dass es nie sauber wird. Manchmal nutzt sie die Zeit, um mit Melican zu spielen. Manchmal macht sie sich auch einfach nur einen Kaffee und setzt sich hin und versucht, anzukommen. Einrichten will sie die Zimmer nicht. "Wozu? Hier werden wir nicht bleiben."

Basit kommt jetzt mit einer Tüte voller Legosteine wieder ins Zimmer und leert sie auf dem Boden aus. Die Jungs fangen an, einen Turm zu bauen, dabei reden sie vor sich hin. Sandra lacht. Der Dolmetscher ist kurz rausgegangen, deswegen wagt sie sich jetzt selbst an die Übersetzung des Nachwuchses, ein bisschen Deutsch hat sie schon gelernt. "Papa ist super. Mama ist nicht so super." Familienalltag sieht im Wohnheim auch nicht anders aus als draußen. Seit Malak häufiger weg ist, ist er umso beliebter bei den Kindern, wenn er mal zuhause ist.

Ein Umstand, er ihn selbst wohl am meisten befremdet. "Auf einmal habe ich Termine, das kenne ich gar nicht." In Syrien war Malak Landwirt. Seine Schwestern, die inzwischen in Hamburg leben, hatten es ihm erzählt: In Deutschland hat man Termine. "Aber ich konnte mir das einfach nicht vorstellen." Bis sein Asylantrag genehmigt wird, kann er nicht arbeiten, muss sich aber dennoch um Dinge kümmern. Wie sein Sprachkurs. Oder Treffen mit dem Rechtsanwalt, der ihn berät.

In seiner alten Heimat war er eingebunden in eine Großfamilie, auch wenn er, Sandra und die Kinder ein eigenes Haus hatten. Jetzt ist er auf sich gestellt. "Ich muss Verantwortung tragen, alles selbst entscheiden." Und er muss sich um vieles kümmern, was Sandra noch überfordert. Auch das ist neu.

Früher ging er gerne mit seiner Frau einkaufen, wenn sie etwas sah, was ihr gefiel, dann konnte er es sich leisten. Im Wohnheim bekommt eine fünfköpfige Familie im Schnitt 900 Euro Unterstützung. Oft wundern sich die B.s, wofür in diesem Land Geld ausgegeben wird. "Brot!", sagt Malak. "Wer bitte kauft denn Brot? Und Physalis? Die wachsen bei uns wild." Die kleinen Körbchen mit der sorgfältig aufbewahrten Frucht sind für ihn so, als würde man Gänseblümchen im Dutzend anbieten.

Und wenn Sandra mal etwas vom Drogeriemarkt braucht, findet er es auch? Malak grinst: "Hier liegt ja glücklicherweise alles in den Regalen, da muss man nicht nach Produkten fragen." Sandra sieht ihren Mann an und lacht: "Ja, und wenn er mal was nicht findet, dann sagt er zu mir: Das gibt es nicht in Deutschland."

Sandra und Malak sind jung, er ist 27, sie 22 Jahre alt. Berlin ist für sie eine Hoffnung auf ein neues Leben. Auch wenn dieses neue Leben ihnen noch Angst macht. Das, was hinter ihnen liegt und was sie immer noch bedrängt, mag man sich kaum vorstellen. Schon gar nicht, wenn man sie nur für ein paar Stunden besucht. Doch was man sich vorstellen kann, wenn man die Familie so miteinander erlebt ist, dass sie eine Zukunft hat. Sind sie jetzt frei? "Ich sehe die Freiheit noch nicht", sagt Malak. Die sieben Monate, die sie jetzt in Deutschland leben, sind für ihn wie dieses Wohnheim. Ein Übergang, sagt er. Er schaut sich in dem leeren Zimmer um. "Solange wir hier sind, sind wir blind."

Taric erklärt: "Freiheit bedeutet, dass man seine eigene Meinung sagen darf und nicht von einem anderen beherrscht wird" Taric Zhou (11), Klasse 6b, Goethe-Gymnasium, Wilmersdorf